: warren ellis : pop comics are cultural handgrenades :

text: michael lachsteiner

I Hate It Here

Neben Alan Moore, Frank Miller und Garth Ennis zählt Warren Ellis mittlerweile zu den bekanntesten und beliebtesten Autoren zur Zeit laufender Comicserien. Vor allem mit seiner mehrfach preisgekrönten Serie "Transmetropolitan" entwarf Ellis mit seiner von Hunter S. Thompson beeinflussten Hauptfigur Spider Jerusalem einen Charakter, der ebenso unterhaltsam wie kritisch Leser aus den verschiedesten Popkulturecken überzeugen und begeistern konnte. Spider Jerusalem, die Hauptfigur der in einer nicht näher definierten Zukunft in den USA angesiedelten Serie ist Journalist, ein rabiater intellektueller Punk, tättowiert bin ins Nasenloch und mit einer Vorliebe für obskure Verkleidungen ausgestattet, der trotz seiner Zerissenheit zwischen sozialer Anteilnahme und Menschenverachtung, Nihilismus und Idealismus einen kompakten Charakter in einer bei näherer Betrachtung eigentlich nur wenig überzeichneten futuristischen Welt aus Ignoranz, Elend, Sektiererei und Hochtechnoogie lebt. So wird dem amtierenden US-Präsidenten erstmal öffentlich mit technischem Firlefanz (dem "Bowel Disruptor" - löst die unwillkürliche Muskulatur bei Darm und Blase, lässt sich wie eine Pistole bedienen) zu Leibe gerückt um ihn anschließend politisch unmöglich zu machen. Nur - Comes The New Boss, Same As The Old Boss - stellt sich der vielsprechende Gegenkandidat als noch üblerer Halunke heraus. Revivals die nach 50 Jahren Gefrierzustand in eine für sie völlig fremde Welt aufgetaut werden, Kids die ihre Anatomie mit Alien-DNA verändern und in Ghettos getrieben werden, Menschen die ihre Körperteile zusehends durch Bauteile ersetzen oder ihren Geist vollständig in eine Wolke mikroskopischer, freischwebender Computer "downloaden" bevölkern "The City" in der der Spider Jerusalem seine wöchentliche Kolumne "I Hate It Here" veröffentlicht. Im Juli erscheint der mittlerweile fünfte Sammelband "Lonely City" (mit Vorwort von Patrick Stewart aka Cpt. Jean-Luc Picard!) und vor kurzem wurde mit "The Filth Of The City" der zweite Band mit den Kolumnen des fktiven Journalisten veröffentlicht.

It’s Unreal Everywhere

Einen nicht weniger radikalen Umgang mit der Auffassung von Realität zeigt Ellis mit Zeichner Jacen Burrows in "Dark Blue", einem SF-Horror-Krimi in einem abgeschlossenen Band. Zwiespältiger Held des Buchs ist Frank Christchurch, ein Polizist, der besessen von dem Gedanken ist, den bestialischen Serienkiller Trent Wayman zu fassen. Doch auf der Spur des Killers, der Hannibal und Chikatilo wie Menschenfreunde aussehen lässt, gerät Frank in obskure Szenerien: Stimmen tönen in seinem Kopf, Regen tropft einfach durch seine Handflächen hindurch und sein Wohnzimmerteppich verwandelt sich plötzlich in einen mörderischen Abgrund schwarzen Wassers, bevölkert von hungrigen Fischmonstern. Ähnlich der "The Matrix"-Thematik wird Frank mit der uralten philosophische Frage nach der "wirklichen" Realität konfrontiert - in diesem Fall eine Frage von Leben und Tod. Das selbe Team veröffentlicht in Kürze auch die Serien "Bad World" und "Scars".

Unusual Tastes

Ein ähnliches Blood&Gore-Spektakel entwirft Zeichner Mark Wolfer für "Stranger Kisses", Ellis’ Sequel zu der 3teiligen SF-Horror-Crime-Serie "Strange Kiss". Hauptfigur ist wieder William Gravel, selbstbetitelter Combat-Magician, der in diesem ebenfalls 3teiligen Epos einen Politiker unterstützt einen Ring von Snuff-Movie-Produzenten ausheben zu wollen. Doch kommt alles natürlich ganz anders und die Progressivität sexueller Perversionen findet eine neue chirurgische, gentechnische Definition. David Cronenberg hätte wohl an beiden 3-Teilern seine Freude, vor allem, was die "Einblicke" in den menschlichen Körper angeht.

You Can Knock...Me...Dead

Ebenfalls neu erschienen sind Warren Ellis’ Fingerübungen zur Hauptfigur von Transmetropolitan. Mit "Lazarus Churchyard - The Final Cut" wurden alle Geschichten dieser Serie zusammengefasst und sind mit ruhigem Gewissen eher nur Fans des Autors zu empfehlen. Verglichen mit Spider Jerusalem ist Lazarus Churchyard ein nur wenig origineller Ex-Terrorist und Gothic-Punk mit einem unzerstörbaren Körper aus "Intelligent Plastic", der auf seiner Suche nach dem erlösenden Tod von Zeichner D’Israeli in amateurhafte Bilder wie aus der Zeichenklasse der Unterstufe verpackt wird.

All Over The World

"The Authority" und "Planetary", die beiden Superhelden-Serien, für die Warren Ellis als Author fungiert, finden auch ihre Fortsetzung, wenn auch im Fall von "The Authority" nun ohn ihn - "Under New Management" versammelt die Hefte 9-16 wobei Ellis mit Heft 13 die Geschichtsschreibung an den leider äußerst schwachen Autor Mark Millar abgab, der die mit Superkräften ausgestatteten "Post-Humans" in allerlei eher unglaubwürdige Profanitäten führt. Sammelband Nr.2 der gelegentlich stark an die Themen der X-Files erinnernden Serie "Planetary" erscheint in Kürze und ist hoffentlich wie sein Vorgänger "All Over The World And Other Stories" wieder ein Musterbeispiel für Mystic-SF und zeitgemäß auftretende Superhelden.

This Just Ain’t Fair

Mit der neuen Serie "Ministry Of Space" verfolgt Ellis wiederum eine was-wäre-wenn-Geschichte, und zwar die Hypothese von England als die Weltmacht im All, die extensive Space-Travels bereits vor der Milleniumswende möglich machte, unterstützt durch Wernher von Braun und sein Team, die in "Ministry Of Space" 1945 den Amis vor der Nase weggeschnappt werden. Erschienen ist bisher nur Heft 1, jedoch wäre es nicht Warren Ellis, wenn aus dieser eher wenig interessanten Geschichte nicht doch noch ein spannendes Epos werden sollte.

Schwer zu empfehlen ist auch die Website des Autors http://www.warrenellis.com mit kompletter Bibliographie, Artwork und Entwürfen sowie seiner eigenen unregelmäßigen Kolumne "From The Desk Of Warren Ellis", die nicht nur für Comic-Fans interessant sein könnte, da die Ellis’ Betrachtungen nicht selten mit der einen oder anderen interessanten Einsicht aufwarten können.

"The basic definition of the Pop Comic is a finite, commercially accessible, inventive and intelligent modern comics work. A cultural handgrenade, short, bright and inexpensive. An art bomb, cheap as a single and demanding as much of your time. Three or four issues, or a short original graphic novel. Open-ended ongoing titles are your dad's comics. And your dad probably listens to Genesis. The Pop Comic is, in my mind, the direct competitor to the major-company superhero comic. Pop Comics are fast delivery systems for explosive storytelling, as much flash and thunder as your ideal superhero comic, with more innovation -- and operating in other genres. There are many reasons why superhero comics are subculturally "sticky", and one is that their core approach is basically crack for people who like action fiction." Warren Ellis (From The Desk Of Warren Ellis, 30. Mai 2001)

Alle besprochenen Comics beziehen sich auf die Orginalausgaben in englischer Sprache - von den ohnehin nur teilweise erhältlichen deutschen Übersetzungen ist dringend abzuraten, außer man hegt eine Vorliebe für aufgesetze und schlampige norddeutsche Coolness.

Bezugsquellen:

The Comicshop, Margaretenstraße 45, 1050 WIEN
Comic Treff, Barnabitengasse 12, 1060 WIEN
Runch! Comics, Mariahilferstraße 117, 1060 WIEN

: related links :

http://www.warrenellis.com