: lost possibilities of modern dreams -
  Cabaret Voltaire :




Als 1976 eine junge Band ihren allerersten Live-Gig in ihrer Heimatstadt Sheffield mit einem Presslufthammer, einer elektronisch verzerrten Klarinette, verschiedenem aus Schrott gefertigten Percussions und einem Tonbandgerät bestritten, war es selbst dem nur aus Punks bestehenden Publikum zuviel - die Bühne wurde gestürmt und die Band bezahlte ihr radikales künstlerisches Engagement mit blauen Flecken und gebrochenen Rippen. Doch davon ließ sich das nach den Züricher Dadaisten benannte Trio nicht entmutigen - ihre Vision von einem Soundtrack zum industriellen Niedergang Großbritanniens und der Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksformen formte sich bald in der Industrial Music-Strömung, wo sie neben Throbbing Gristle, den Vorreitern der Bewegung, als deren Hauptvertreter galten.

Cabaret Voltaire wurden vom legendären Independent-Label RoughTrade unter Vertrag genommen und veröffentlichten wegweisende Alben wie „Mix-Up“, „The Voice Of America“ und „Red Mecca“, die vom Widerstand gegen die rezessive Wirtschaftspolitik der Thatcher-Regierung und den wachsenden Einfluss der USA in Europa

geprägt waren. Die Musik gestaltete sich collagiert, widerborstig und den Gesetzmäßigkeiten der zeitgenössischen Popmusik diametral entgegen gesetzt - und doch „passierte“ der Band mit der Nummer „Nag Nag Nag“ genau in jenen Kreisen ein Hit, der sie noch wenige Jahre zuvor von der Bühne geprügelt hatte. Wenig später entdeckte die auf das Duo Richard H. Kirk und Stephen Mallinder geschrumpfte Band die Möglichkeit von Free Jazz und Funk, wobei sie aber nie ihre mittlerweile zum Markenzeichen gewordenen „Found Sounds“ ausließen.
Virgin Records wurde auf die Band aufmerksam und öffnete die Türen zu besseren Studios mit besserem Equipment. Und damit auch zu mehr Erfolg, wie es schien. Doch war der Name der Band bereits zu sehr mit dem „Experimental“-Stempel versehen und alle Bemühungen der Band, Elektronik, Funk, Dub und Found Sound auf eingängige (und publikumswirksame) Weise zu verbinden, schlugen fehl. Vier Alben später hatten alle
Beteiligten die Lust an der Sacheverloren - man ging erstmal getrennter Wege und leckte seine Wunden, die die mißglückte Suche nach größerer Hörerschaft geschlagen hatte. Offiziell wurde die Band nie aufgelöst und Anfang der Neunziger Jahre erschien die rein instrumentale Triologie „Plasticity“, „International Language“ und „The Conversation“. Doch mittlerweile wird wieder, jedoch getrennt Musik gemacht. Stephen Mallinder mit seinem für CV-Verhältnisse super-zugänglichen Band-Projekt Ku Ling Bros und Richard H. Kirk solo unter verschiedensten Pseudonymen wie Sandoz, Electronic Eye, Al Jabr, Dark Magus, etc.
Virgin öffnet nun die Archive und bietet mit der 3-CD-Box „Conform To Deform“ (Virgin Records / Import B.Nr. 811244 2) sowie der einfachen CD
„Original Sound Of Sheffield“ (Virgin Records / Import B.Nr. 811243 2) einen Überblick über die eben diese künstlerisch zwiespältigen Jahre der Band bei Virgin und EMI. Die Auswahl wurde von Richard H. Kirk selbst getroffen und besteht fast zur Gänze aus raren Alternative Takes, Extended Versions, unveröffentlichtem Material, Live-Aufnahmen, Remixes und Single-B-Seiten. Die Aufnahmen, die allesamt zwischen 1982 und 1990 entstanden, machen deutlich, welch großen Einfluß die Versuche der Band auf andere Künstler hatten, die - von New Order über Chemical Brothers bis zu Moloko und Warp-Records-Gründer Steve Beckett - auch im Booklet ihren Respekt zollen. Über 10 Jahre später haben die Stücke mit ihrer devianten Mischung aus Funk, Dub, Jazz, Noise und Elektro einen stellenweise leicht antiquierten Beigeschmack, während aber der Großteil - vor allem die bisher unveröffentlichten Stücke - klingt, als wären sie gestern von einer ambitionierten Band aufgenommen worden, die neue Wege erkundet. Ein anderer, bitterer Beigeschmack ist aber leider auch vorhanden - die dritte CD der Box, die einen lieblos produzierten Live-Mitschnitt bietet, der am kreativen Tiefpunkt in der Karriere der Band aufgenommen wurde. Trotzdem bietet die Box - wie auch die Einzel-CD - einen guten Überblick über die wohl zugänglichste Phase einer der visionärsten und interessantesten Bands der letzten 3 Dekaden.



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