: FM4 : Das Buch #1

text: thomas weber

Robert Rotifer / Martin Pieper (Hg.)
Erscheint im Deuticke-Verlag

Längst fällig irgendwie, ein FM4-Buch. Dennoch Skepsis am Anfang. Zwar klingt "Das Buch # 1" subtil und widersprüchlich wie "Die Bibel Teil drei", doch das "#1" kündigt dezidiert Folgebände an.

Und die Assoziation in Richtung Kalkulation und Berechnung ist da gleich mit von der Partie. Schon das Inhaltsverzeichnis allerdings entkräftigt die meisten Befürchtungen, denn auch wenn die Veröffentlichung dieser Textsammlung ORF-intern wohl genau damit argumentiert wurde: es geht hier nicht ausschließlich um „Kundenbindung“. „Das Buch“ ist mehr als nur ein /Tool/ um die Hörer-Community an sich zu binden. Und somit zutiefst öffentlich-rechtlich und ein Beweis dafür, dass FM4 nach wie vor ein Sammelbecken derer ist, die sich vom Rest der Sendeanstalt nicht allzu viel vorschreiben lassen. Während das Radioprogramm unter tags zwar meist beliebig dahinplätschert (gerade deshalb aber gesamt betrachtet und allen Nörglern zum Trotz immer noch der bestmögliche Kompromiss zwischen relativer Reichweite und subjektiver Nischenberichterstattung bleibt), können die Autoren und Autorinnen dieses Buchs „ihre“ Themen hier auf gemeinsamen 216 Seiten ungestört ausbreiten – so sie das wollen. Denn „Breite“ ist in „Das Buch“nicht gleichzusetzen mit langweiligem Konsens, sondern mit für alle und von jedem etwas. Größtmögliche Vielfalt statt nivelliertem Einheitsbrei.

Für mehr oder weniger regelmäßige FM4-Hörer und Besucher der FM4-Websites, die zweifelsohne die Adressaten dieses schlicht gestalteten Büchleins sind, würde ein simples Namedropping an dieser Stelle wahrscheinlich schon ausreichen, um auf den Inhalt schließen zu können. Stehen doch Namen wie Christian Fuchs, Gerlinde Lang, Martin Blumenau, Fritz Ostermayer, Robert Rotifer, Hans Wu, Thomas Edlinger, Clemens Haipl, Sonja Eismann oder Grissemann und Stermann (um nur einige zu nennen) ziemlich eindeutig für ein oder mehrere Themenbereiche und Special Interests, eine spezifische Herangehensweise an das weite Feld der Popkultur. Glücklicherweise setzt dennoch kaum einer der 27 abgedruckten Texte aufs Starprinzip (Ausnahme: Duncan Larkins „Wie ich ins Radio kam“), denn zumindest alle soeben aufgezählten FM4ler sehen sich nicht als Stars, sondern als Journalisten, als Medienmenschen, die etwas zu sagen haben. Manches zu Papier Gebrachte ist komisch, nah dran an den „Hörerchens“, anderes wiederum wohltuend distanziert, wenn schon nicht selbstkritisch, dann immerhin selbstironisch.

Und manches lässt einen vorm Lichtausknipsen mit einem selbstgefälligen Grinsen das Eselsohr knicken. Was will man mehr? – Poptheorie! Kritik! Zusammenhänge! All inclusive ... Texta und Total Chaos am Round Table über Hip Hop in Österreich, Deutschrap und die Unterschiede. Christian Fuchs über „Das neue Körperkino zwischen Kunst und Kommerz“, Edlinger und Rotifer über „Cool – The Great Distinktionsschwindel. Zehn Anmerkungen zum Schlüsselbegriff des Jugend-Marketings“, Christian Lehner („Smash“) über den „Musikantenstadl als letzten Mega-Rave“, Hans Wu über „Die New Economy als Online-Spiel“, Veronika Widinger über den „Freien Markt an Österreichs Unis“ und und ... und wieder Christian Fuchs; diesmal „neben der Spur: Tricky, Nick Cave, Björk und andere Pop-Aliens“ – in den schattigen Seitengassen der „alternativen Hauptstraße“, des Alternative Mainstreams, abseits dessen, was tagsüber auf den FM4-Frequenzen „heavy“ rotiert. You’re at home, baby? Durchaus, durchaus. The reader took pills to stay awake. In zwei aufeinander folgenden Nächten ausgelesen; nur ein Eselsohr. (8/10)


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