: vom alltag gezeichnet :

text: thomas weber

Mit seiner von abgründigem Witz getragenen Comicreihe „Von Mir!“ hat sich der Wiener Gerhard Förster als erster deutschsprachiger Zeichner aufs Terrain der autobiographischen Comics gewagt. Als „Dr. Sammler“ demontiert er im gleichnamigen Band außerdem die übermächtigen Superhelden seiner Generation.

Zwei gut gebaute Herren schnorren unten am Eck. Einer, dunkel gewandet, hadert mit seinem Schicksal und verharrt in der Pose des geschlagenen Ritters. Sein forscher Ton lässt die gewohnten Umgangsformen missen: Der Leidensgenosse zu seiner Seite soll gefälligst die Flasche rüberrücken –“Gib mir noch’n Schluck, Alter!” Man bettelt um Almosen, teilt den Fusel, sucht einen Verlag, der sich der einst vollbrachten Heldentaten annimmt.
Der Phantasie des Betrachters sind bei dieser Parodie zweier guter alter Bekannter keine Grenzen gesetzt. Wer von beiden – Bat- oder Superman – könnte zuerst /everything for money/ tun? Müsste der eine dann nicht gegen den anderen vorgehen? Kann es also so gesehen wirklich nur einen geben?

Ein Bild aus besseren Tagen, aus einer Zeit, da die Superhelden arbeitslos waren und Städte wie New York City nicht des Schutzes starker Männer bedurften. Ein Bild aus dem Tuscheschreiber Gerhard Försters.
Dass die Abenteuer von Superman & Co nach den Septemberattacken wieder verlegt werden, ändert nichts an der Tatsache, dass Superhelden für den Comiczeichner nur dann interessant sind, wenn sie nicht klischeebeladen heroisiert werden und über eine nachvollziehbare, erzählenswerte Biographie verfügen. Den Wiener interessieren nicht Heldentaten, sondern diejenigen, die in den anonymen Hochhäuserschluchten für gewöhnlich ein unbeachtetes Schattendasein fristen. Diejenigen, die vom Alltag gezeichnet schnell einmal in die Fänge gewissenloser Schurken geraten und im realen Leben ohne Superhelden auszukommen haben. Kurz: Menschen, wie er selbst einer ist.

Der große Zeh
Naheliegend, dass der gelernte Offsetlithograph irgendwann einmal bei sich selbst angelangen und von sich selbst zu erzählen beginnen würde. „Von mir!“ heißt das dann aus seiner Sicht; und so heißt programmatisch auch seine bis dato vier Hefte umfassende autobiografische Comicreihe. „Das aufregende Leben des Gerhard F.“ titelt etwa der kürzlich erschienene Band vier. Auf dem Cover streckt einem Alltagsheld Gerhard F. die Fußsohle entgegen und schneidet sich den Nagel seines großen Zehs. Freundin Gabi – in allen vier Heften wohlwollende Begleiterin – warnt die Leser vor dem ihnen entgegenschnellenden Zehennagel. „...ansonsten hält Dich jeder für ein Arschloch!“, lässt Förster das proletenhafte Ekelpaket Kurt Novak mit Tschik im Mund nuscheln. Novak lehnt – wie das Superheldenduo – an einer Häuserfront, hinter ihm ein strahlend gelbes „Jesus liebt Dich“-Plakat. Für jenseitige Verheißungen hat Gerhard Förster nicht viel übrig. Als Thema ziehen sie sich dennoch durch die meisten der jeweils 38 folgenden Seiten. Annähernd die Hälfte der von Förster erzählten Episoden ist eine rückblickende Abrechnung mit seiner mehrere Jahre währenden Mitgliedschaft bei Scientology. In „Meine Sekten-Story“ schildert er seinen ersten Kontakt mit Ron L. Hubbards Jüngern genauso wie deren Psychotricks und dubiose Praktiken – versehen mit dem kleingedruckten Hinweis, dass das Wort „Sekte“ an dieser Stelle „umgangssprachlich, nicht Wörterbuch-getreu verwendet“ wird. Gewissermaßen als Beleg seiner realen Erfahrungen streut der 46Jährige immer wieder Faksimiles (etwa seines ersten „Psycho-Tests“) oder Einbände zitierter Esoterik-Schinken ein.

Der Preis der Authentizität
Während autobiographische Comics im anglo-amerikanischen Raum mit Zeichner wie Robert Crumb („Fritz the Cat“), Chester Brown, Julie Doucet oder Daniel Clowes längst ein etabliertes Genre darstellen, hat sich vor Förster kein deutschsprachiger Erzähler daran gewagt, deklariert aus seinem Leben zu berichten. Eine Zurückhaltung, für die der Wiener eine einfache Erklärung parat hat: den Schutz der Privatsphäre. „Würde ich in meinen Geschichten nicht einen Teil meiner Intimität preisgeben, könnte sich das in „Von Mir!“ beabsichtigte Feeling der Authentizität nicht einstellen“. Peinliche und pikante Details dürfe er aus Gründen der sonst drohenden Fadesse nicht aussparen. Dass manches phantasievoll ergänzt oder verwoben werden muss, liegt auf der Hand: „Das Leben läuft schließlich nicht nach dramaturgischen Regeln ab“. Und gerade auf eine ausgefeilte Dramaturgie legt der Zeichner, den die Storys mehr interessieren als die sie miterzählenden Illustrationen, besonderen Wert. Um sich voll und ganz aufs Erzählen konzentrieren zu können arbeitet er in mehreren Projekten mit anderen Wiener Zeichnern zusammen. Gemeinsam mit Heinz Wolf („Inspektor Bloodhound“) entsteht etwa gerade eine im österreichischen Hochadel angesiedelte Krimipersiflage, mit Kollege Bernd Ertl arbeitet er an einem vielversprechenden Album über die Illusionsmaschinerie der Nazis. Auch mehrere Seiten einer Comicversion von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ sind bereits fix und fertig.

Leben kann der fanatische Comicsammler von seiner im deutschen Kleinstverlag Schwarzer Turm veröffentlichten Selbstentblößung oder den durchwegs schwer vorfinanzierbaren Kunstcomic-Projekten freilich nicht. Muss er auch nicht, denn eine Vielzahl verschiedener Brotjobs bringt ausreichend Geld. Storyboards für Werbekunden und regelmäßige Lettering-Aufträge großer Comicverlage (zuletzt etwa für die in unterschiedlichste Idiome übersetzen Mundart-Asterixe oder japanische Mangas) finanzieren Försters Leidenschaft.

Fix und Foxi mit Dreitagesbärten
Als über die Landesgrenzen hinaus geschätzter Comic-Experte zeichnet Förster unter dem Namen „Dr. Sammler“ zudem regelmäßige Kolumnen für Publikationen wie „ZACK“, „Hit Comics“ oder „Die Sprechblase“. Die in den letzten Jahren entstandenen pointenreichen Streifzüge durch die Comicgeschichte versammelt der soeben erschienene Band „Dr. Sammler“ (dem Förster, um ihn auch für Leser außerhalb der Szene interessant zu gestalten, eine „Anleitung für Comic-Banausen“ angefügt hat). 48 teils kolorierte Seiten lang fachsimpelt sich der allwissende Doc Sammler darin durch die unterschiedlichsten Genres. Collagenartige Einschübe, Stilizitate und Seitenhiebe machen seine Ausführungen zu einem witzigen Kompendium. Die gefrusteten Funny-Füchse Fix und Foxi, die nach Einstellung ihres Heftes mit räudigen Dreitagesbärten gegen ihr Saubermann-Image ankämpfen, kommen hier genauso zu Wort wie die Speerspitzen der Hochkultur. Als Gast im (mittlerweile eingestellten) „Literarischen Quartett“ provoziert Dr. Sammler etwa eine Attacke Marcel Reich-Ranickis auf Kritikerkollegin Sigrid Löffler, in der er diesen von der Sprachgewalt eines Verfassers von Wildwestromanen schwärmen lässt.
Letztlich sind Doc Sammlers schulmeisternde Belehrungen für die (deutschsprachige) Comic-Szene in etwa das, was für Popnostalgiker die anekdotenüberladenen Romane eines Nick Hornby sind: unterhaltsame Selbstbestätigung, subtil witzig festgehaltener common sense, selbstverliebt und immer auch (selbst)ironische Beweihräucherung der eigenen Leidenschaft. Und mit ihren zahlreichen Querverweisen, Anmerkungen und oft gerade einmal angedeuteten Referenzen irgendwie auch eine Art Kreuzworträtsel in Panels.
Die beiden bettelnden Supermänner tauchen hier gleich im Anschluss an die Folge “Die Essenz der Superhelden” auf, in der Förster eine Menge genretypischer Gemeinplätze aufdeckt und sich zuletzt direkt an seine Leser richtet: “Okay, das war “Die Essenz der Superhelden.” Jetzt wisst ihr alles und braucht das Zeug nicht länger zu kaufen! Ist doch logisch, oder?”


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Die „Von mir!“-Hefte sind im Verlag Schwarzer Turm http://www.schwarzerturm.de und können –wie der „Dr. Sammler“-Band – direkt beim Autor bestellt werden: +43 1 893 50 48 bzw. gerhardfoerster@gmx.at.