: the frames : bilder ohne rahmen

text: oliver frohner

The Frames könnten nach mancher Ansicht ein Problem haben: im Heimatland Irland gefeiert, hierzulande fast ausschließlich auf Mundpropaganda angewiesen. Die Musik streichelt, die live-Performance juckt, zwischendurch wird mit Öl gebacken. Das Und-Kolletiv rollt den Teig aus, während Frames-Frontman Glen Hansard die ersten Brote verteilt.

Everything must change. Rahmenhandlung. Die spätnächtliche Uhrzeit ändert alle Befindlichkeiten und zeigt die wahre Qualität der Musik im CD-Player. Wo andere Musiken die Zuhörer mit der Suche nach geistreichen Bildern und damit auch nach der Intensität überlasten, ist sie bei den Frames schon da und übergibt die Träumer mit einer Umarmung in den wohlverdienten Schlaf. Lay me down. Danke.

Schnitt. Quer durchs Herz. 'What happens when the heart just stops, stops caring for anyone?' Was wir dann sehen, wenn wir uns in die bestmögliche und eben erste Konzertreihe stellen, ist eine vom Spielen durchlöcherte Gitarre, deren Akkorde sich in die Seelen der Zuhörer nagen, wie der Gesang, der wie Honig fliesst. 'There is a love that flows between us'. Und während wir im ersten Moment noch in unsere Biergläser heulen, tanzen wir uns beim nächsten Lied die Tränen aus den Augen. It´s time to meet the Frames.
Es gilt für Frames-Frontman Glen Hansard nichts weniger als die Menschen zu „animieren“, Denn Anima ist die Seele. Wir geben ab und hören zu: "If I as a musician can create empathy in a room full of people that don´t know each other, I´m a healer. I always considered what the frames do, is like food for your ears, or medicine for your ears". Durch Stimme (Glen Hansard), zwei Gitarren (Simon Goode, Glen Hansard), Violine (Colm Mac An Iomaire), Bass (Joe Doyle), Schlagzeug (Dave Hingerty).
Wer schon einen anderen Therapeuten in den FM4-Charts gefunden hat, dem wird trotzdem die Magie des abendlichen Raumes die Worte und unmöglichen Gedanken, die Nerds des Eigenen ich, stehlen. "Magic is collective! What an artist needs is an audience that can accept magic". Und eigentlich hat die nur mehr mittelbar mit Glen Hansard zu tun - viel eher mit der Musik und den Songs, die ihrem Eigenleben überlassen werden.

Lets just fucking make music!
Am Anfang war die Grafton Street. Dublins "Kärntner Strasse". Mit 14 fängt Glen Hansard dort an Coverversionen von Van Morisson und Bob Dylan, aber auch eigene Stücke für die vorbeifliessenden Dubliner zu spielen. Was hierzulande maximal ein Blinder mit Blockflöte und ein verlorener Puppenspieler sind, die nicht von den Platzkarten-Formalitäten verschreckt wurden, ist in Dublin eine ganze Tradition von Straßenmusikern - Buskern. Und hier beginnt auch die Wirklichkeit. Wenn Glen Hansard sagt, dass Musikmachen ein "way of travelling" ist, und zwar ohne Ziel, dann klingt das vielleicht phrasenhaft, ist aber mit dem Background der Busker-Szene verständlich und wahr.
"We are all gifted with expression and like a muscle it needs only training and attention, to become all it´s been given, the potential to be.. friend...". Kollaborationen ergeben sich durch Freundschaften und umgekehrt, werden und sind für Glen Hansard bis heute der Klebstoff der eigenen Songs, "If you can work with other people, if you can play around with other people and get different influences your soil remains rich". Und Fortschritt ist oberste Pflicht.
Die Frames formieren sich schließlich dergestalt, dass der Schreiber und Sammler Hansard von Island Records 1990 einen Publishing-Vertrag erhält und sich erst dann aus seinem Bekanntenkreis der Busker-Szene die Band zusammenstellt.
Es beginnt was ein klassisches Band-Märchen sein wollte. Debut-CD "Another Love Song" mit Pixies-Mastermind Gil Norton produziert; wegen - nennen wir es entweder chronischer nichtU2haftigkeit oder Differenzen - von Island gedropped, zum Label ZTT gewechselt, um mit den beiden Alben "Fitzcarraldo" und "Dance The Devil" zur Erkenntnis zu gelangen, dass zwar ein gesundes Maß an Druck auch weiterhelfen kann, aber: „Das Letzte was ich sein möchte, ist das Machwerk eines Anderen“. Das Wort heisst Independent und die Philosophie lautet: This time I´m making my own now!
Die Besetzung ändert sich im laufe der Zeit, die Antwort auf die Frage wer nach 10jährigem Band-Bestehen noch "original" ist, interessiert nur die Industrie, denn die Strukturen sind im Grunde vernachlässigbar. Für Hansard sind Rockbands, in denen sich der Bassist bis zur Pension nur an seinem Bass festhält engstirnig und verklemmt. "Forget who's the bass-player. Let's just fucking make music!"

Our only duty in this life is to destroy the stage - to destroy the idea of art as a higher ideal
"The frames is whoever it is", meint er. Und wenn Iren Vietnamesen sind, dann ist England für ihn Rußland. „In der englischen Popkultur geht es nur um die Persönlichkeit, wie du dich kleidest, was du sagst. Die Musik macht nur ein Drittel von dem aus was englische Popmusik wirklich ist“. Und da hilft dem, dessen Mutter einen Kredit aufnahm, um ihm die ersten Aufnahmen im Studio zu ermöglichen, auch keine Heizdecke, denn: „Ich will keine Musik machen, die nur für mich relevant ist. Das hat mich immer kalt gelassen. Ich glaube Musik ist eine kulturelle Medizin, bei der es nicht nur um dich selbst geht“. Good bye, ego. Good bye, Johnny Personality.
Mit der Persönlichkeit verschwindet auch der Zwang sich in den Charts wiederfinden zu müssen. Pop wird wieder die Abkürzung für popular music, und nicht nur für popular personality. Genau das ist nämlich der Punkt an dem Musiker zerbrechen, deren künstlerischer Antrieb sich darin erschöpft eine höhere soziale Stufe erlangen zu wollen: Glen Hansard aber sieht sich selbst als die Ergänzung eines Bäckers. Beide können nicht ohne einander. "We entertain the baker!", Die Frames sind für ihn das Öl in der Teigknetmaschine.

Success is all about how you measure it
Was aus dieser intelligenten Einstellung zum sozialen Ideal der Musik folgt, ist ein gesunder Striptease des Begriffs Erfolg vom - Verkaufszahlen auf allen weltweiten „Schlüssel-Märkten“ erfassenden - lächerlichen Maß an Selbstüberschätzung, zu dem was er in Natur wirklich ist – absolut relativ. “Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, Musik im Ohr des Hörers. Pop ist wie die Explosion einer Luftblase. Wir feiern in der Popmusik ihre Explosion, nicht den Aufstieg. Heute bist du Nummer 1, morgen Nummer 2. Und sofort bist du vorbei.
Der Erfolg in Form von klassischen best of - Auszeichnungen scheint bei der Karriere der Frames eine Nebenwirkung gewesen zu sein. „A good song, that´s what it´s all about! You can throw a good song down the stairs and it´ll still work, you can fire it off the top of a building and smash it."
Die Frames haben sich in Irland damit einfach zu einer musikalischen Größe entwickelt, die ihresgleichen sucht, aber letztendlich dabei ist sich durch fleissiges Touren, das Bespielen und Beseelen von aussergewöhnlichen Orten vom Image "Irland´s bestgehütetes Geheimnis" zu trennen, denn die Wahrheit verbreitet sich eben immer noch am besten durch Mundpropaganda oder durch Gestik und Gesichtsausdrücke, wenn einem nach einem Live-Konzert-Erlebnis mit den Frames die Worte fehlen. Die Band spricht sowohl für sich selber als auch wahrscheinlich für ihre Zuhörer wenn es in der Widmung heißt "Thank you for being the blood that flows through... and for the birds".

The early bird he knows his place
Die Frames gründen vor zwei Jahren als logische Folge der Querelen mit vorangegangenen Plattenfirmen also ihr eigenes Label, Plateau Rec., stecken alles Verdiente wieder in die Band, möchten gerade genug verdienen um von der Musik leben zu können. Und veröffentlichen ein Album, das von der irischen "Hotpress" zum Album des Jahres gekürt wird. Vor den Strokes und Radiohead und weit vor Bob Dylan. Mit Recht.
Play. Der Gesang flüstert am äußersten Rand der lauten Melancholie bis die Violine schaurig einsetzt. Die Gitarren arbeiten sich im Stück 'What happens when the Heart just stops' leise zu einem befreienden 'I work myself up to a crawl, but I'm not fearing it at all'. Das Lied 'Santa Maria' legt den von fieberschüben gebeutelten egon schiele und partnerin – 'Why did you have to burn'- sanft neben dich ins Bett, aber 'What's past is done and gone', und bricht dann in engergisch-wirre Gitarren aus, um zum ruhigen 'Disappointed' überzuleiten. Mit den Worten 'I'm not sad just disappointed' dem Kern der traurig-trägen Oberfläche eines einsamen Tages auf der Spur, findet Glen Hansard darin den Schluß: 'Forget it and move on'! Besser. Besser! 'Spread your wings, fly or fall'. So ermutigt jeder einzelne Track den Zuhörer zum freien Fall hinaus in den Alltag. Weil es Spaß macht. Weil Bilder Worte bekommen und Melodien ihren Zusammenhang finden, weil plötzlich alles Sinn macht.
Das Album heißt "FOR THE BIRDS", produziert von Steve „Shellac“ Albini, unter anderem auch mit scharfen Zutaten von ex-dEUS-Gitarrist Craig Ward. Aufgenommen auch in den Wohnlichkeiten von Produzent und Freunden (the honourable Mic Christopher). Aber wer erst jetzt durch die Erwähnung der mitwirkenden Persönlichkeiten hell-lesend geworden ist, der übersieht gerade eine vorbeiexplodierende Luftblase, und es ist ihm oder ihr ohnehin kaum mehr zu helfen: It's not about personality, it's all about great songs!

: related link :

Konzertdaten und mp3s (für Daheimgebliebene)
www.theframes.ie