: jimmy eat world : emo-therapie

text: werner schröttner

Aus dem Hardcore-Underground auf den Olymp des Rock-Zirkus. Das Quartett aus Mesa, Arizona erlebte seit 1994 einen wahrhaft kometenhaften Aufstieg. Und das obwohl Jimmy Eat World schon immer im Zeichen von Widersprüchen stand: So treffen bei der homogen und langsam gewachsenen Band nämlich das „Do It Yourself“-Prinzip auf Majorlabels, eine solide und hart erarbeitete Fanbasis auf einen riesigen Hype. Und trotz allem schafften sie es ihre Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren.

Alleine in den USA verkaufte sich das aktuelle vierte Album „Bleed American“ (nach den Vorfällen vom 11. September laut Aussagen der Band aus Respekt und um nicht falsch gedeutet zu werden in „Jimmy Eat World“ umbenannt) über 500.000 Mal. Aber von Quantität auf Qualität zu schließen erweist sich im heutigen Musikbusiness bekanntlich als fataler Fehler. Zu oft steckt ein strategisch gut geplanter Medien-Hype dahinter. Wieviele Konsumenten dies tatsächlich durchblicken kann nur schwer abgeschätzt werden. Und obwohl Jimmy Eat World gemeinsam mit The Strokes und The Hives zu den vermutlich meist gehyptesten Bands der letzten Monate zählen, büßten sie kein bißchen ihrer in der Vergangenheit erarbeiteten Glaubwürdigkeit ein.
Gitarrist Tom Lindon und Schlagzeuger Zach Lind im Interview mit wellbuilt:

„Bleed American“ hat sich alleine in den USA über 500.000 Mal verkauft. Wann habt ihr das erste Mal daran gedacht, daß eines eurer Alben jemals mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet werden könnte?

Zach: Erst als „Bleed American“ rauskam und der Verkauf ganz gut anlief dachten wir mal darüber nach. Wir dachten dann, daß wir vielleicht eine Chance hätte, aber es ist sehr strange für uns.

Tom: Es ist eine große Überraschung. Es ist überhaupt schwer vorzustellen wieviel 500.000 Stück CDs überhaupt sind. Stelle dir eine große Lagerhalle vor und dann 500.000 CDs darin. Außerdem sind wir momentan zu beschäftigt um das wirklich wahrzunehmen – all das Touren und so.


Ihr habt die Aufnahmen zum „Bleed American“ Album selbst bezahlt. Sind die Songs am vom Dreamworks veröffentlichten Album auch die, die ihr selbst aufgenommen habt, bevor ihr den Vertrag bekommen habt?

Zach: Die Songs am Album sind genauso wie wir sie aufgenommen haben. Das einzige war, daß wir sie neu gemastert haben. Die Songs auf der CD sind genau die, die wir zuvor aufgenommen haben. Das war wichtig für die Labelwahl. Die CD mußte so veröffentlicht werden, wie sie war.


Wieviele Labels zeigten eigentlich Interesse am Album?

Zach: Sechs oder sieben Labels zeigten Interesse. Es war ein lustiger Prozeß das richtige Label zu wählen. Als wir das erste Mal auf Capitol waren, da hatten wir keine Wahl – das war eigentlich das einzige wirklich interessierte Label.

Tom: Wir gingen dieses Mal zu sehr vielen teuren Essen – das war sehr, sehr lustig.


„Bleed American“ wurde in „Jimmy Eat World“ umbenannt. Inwieweit hängt das mit den Vorkommnissen vom 11. September zusammen?

Zach: Das ist eigentlich der Grund wieso wir das Album umbenannten. Wir waren über dem 11. September gerade auf Tour. Dann sagten wir ein paar Shows ab – fuhren mit dem Bus nach Haus. Wir waren an der Ostküste und wir entschieden uns für den Bus. Während der Fahrt – wir hatten Satellit und konnten CNN sehen – hatten wir viel Zeit. Wir waren total schockiert und verstört. Später entschieden wir uns dafür das Album umzubenennen – aufgrund der Bedeutung der beiden einzelnen Wörter. Einfach damit niemand den Titel falsch deuten kann. Wir wollten kein negatives Gefühl verbreiten.

Tom: Es ging auch irgendwie um Respekt. Respekt vor dem was passiert ist. Es gab auch keinen bestimmten Grund wieso wir das Album so genannt haben – wir brauchten einen Namen und entschieden uns eben für den Titel dieses Songs.


Glaubt ihr, daß ihr einen anderen Zugang zum Musikbusiness habt, weil ihr mit jedem Release langsam gewachsen seid?

Zach: Als wir unser erstes Album veröffentlichten, da wollten wir soviele Copies wie möglich verkaufen. Nach der zweiten Veröffentlichung wollten wir ein wenig besser sein als zuvor. Bisher lief alles ganz gut weil es sicher eine sehr gute Sache ist, wenn alles Schritt um Schritt passiert – vor allem in bezug auf Fanbasis und Erfolg. Wir denken da an Bands die das so gemacht haben: R.E.M. oder U2. Schritt um Schritt. Deren Karrieren sind viel relevanter als die von Bands die einfach irgendwo auftauchen und sobald sie die Leute nicht mehr hören können wieder verschwinden. Für uns ist es diese langsame Entwicklung die es uns ermöglichte viele Dinge die um uns vorgingen wahrzunehmen. Wir hatten die Zeit zu realisieren, daß war ein Fehler. Andere machen Fehler und haben nicht einmal mehr die Zeit das rauszufinden oder damit klarzukommen. Wir hatten viele Möglichkeiten zu lernen wie dieses Business funktioniert. Diese Platte enthält jetzt sozusagen alle diese Erfahrungen. Wir hatten auf jeden Fall Glück eine zweite Chance zu bekommen und das was wir wußten einzuarbeiten.


Glaubt ihr, daß eine richtige Band, also eine, die nicht zusammengecastet wurde, heutzutage schon als etwas besonderes wahrgenommen wird? Oder ist ein Großteil der Konsumenten einfach zu unkritisch dafür?

Zach: Weißt Du wen ich auf dem Flug hierher im Flugzeug getroffen habe? Lou Pearlman – das ist der Typ der die Backstreet Boys, N‘Sync und O-Town zusammengestellt hat. Er war auf unserem Flug von NY nach Europa.

Tom: Ich denke da vor allem an die Metal Bands. Ganz speziell an die NuMetal Bands. Die sind ja genauso zusammengestellt.

Zach: Linkin‘ Park bspw. Die wurden ja auch von ihrem Label zusammengestellt und dann wurde ihr Name in Linkin‘ Park umgeändert damit sie im CD-Regal gleich hinter Limp Bizkit stehen. Und das ganze System funktioniert sehr gut, weil sie verkaufen ja Unmengen von Platten. Es ist ein Phänomen. Ich denke, daß manche Leute das realisieren und manche eben nicht. Es hängt vermutlich damit zusammen wie tief Du im Musik-Business involviert bist. Leute die sich mehr Gedanken über das alles machen, die verstehen das.

Tom: Denke aber an ein 13jähriges Mädchen, Cheerleader, das die Junior High besucht – die mag natürlich nur das was sie hört. Wenn du jung bist, dann schaust du dir MTV an und hörst Radio. Du hast wenig Geld um wohinzufahren und Dir Platten zu kaufen oder andere Musik kennenzulernen. Du hast außerdem nicht einmal einen Führerschein um zu einem Plattenladen zu fahren um dort neue Dinge kennenzulernen. Du siehst es also auf MTV oder hörst es im Radio und Du magst es – und so läuft das bei den jüngeren Fans. Die haben noch keine Ahnung. Außerdem werden auch diese Kids in die Bands reingepreßt. Stell‘ Dir O-Town vor wenn die mal 50 werden oder so. Die werden sich auch denken – oh mein Gott, warum habe ich das getan?

Zach: Sicher machen die das auch um ihren Lebensunterhalt zu verdienen – das kann man vermutlich gar nicht kritisieren.


Was hat sich seit der Veröffentlichung von „Bleed American“ für euch eigentlich verändert?

Tom: Wir haben jetzt einen Soundmenschen, wir haben einen Bus und einen Gitarrentechniker.

Zach: Wir können davon leben. Vorher war es so, daß wir auf Tour waren und am Tag nach der Rückkehr riefen wir bei einer Leiharbeiterfirma an um zu einem Job zu kommen. Wir arbeiteten in Fabriken etc.

Tom: Wir sind seit letzten April (2001, Anm.) fast ununterbrochen auf Tour – das ist schon ziemlich verrückt.

Zach: Was mir als erstes einfällt ist, daß ich soetwas wie eine finanzielle Sicherheit für zumindest die nächsten paar Jahre habe. Das hatten wir vorher halt nicht. Und erst kürzlich steckten wir unser gesamtes Geld in die Aufnahme der Platte. So hatten wir nicht einmal wirklich genug Geld um zu leben. Es ist aber natürlich auch nicht so, daß wir jetzt Millionäre wären.

Tom: Alles andere als das.

Zach: Aber es ist einfach so, daß ich nicht schon während der Tour an eine Arbeit nach meiner Rückkehr denken muß. Ich habe eine Frau und einen Tochter. Und wenn wir auf Tour sind können wir uns einen Soundmenschen und einen Gitarrentechniker anheuern – das macht viele Shows qualitativ einfach besser. Und wie schon gesagt ich muß mir keine Gedanken über mein Leben nach der Tour und die Versorgung meiner Familie mehr machen.


Seht ihr euch selbst auch als Frontfigur des EMO-Genres – weil NME euch als solche präsentierte?

Tom: Ich glaube NME hat einfach alle verarscht. Es war zwar wirklich eine Story über EMO – aber sie haben sich halt lustig darüber gemacht. Der Artikel über uns war aber schon ernsthaft geschrieben. Wir sind halt die Vorzeigeband, da wir nun mehr Erfolg haben und deshalb sind wir die Führer von EMO – was totaler Blödsinn ist.

Zach: Wir sehen uns selbst nämlich überhaupt nicht in dieser Position – aber das kann man ja nicht kontrollieren. EMO ist momentan halt eine &Mac226;catch-phrase‘. Wir bezeichnen uns halt selbst nie so – ich denke das hilft schon ein wenig. Auch unser Label sagt nicht, daß wir eine EMO-Band wären. Die Presse spricht aber trotzdem darüber.


Ihr werdet in den USA gemeinsam mit Green Day und Blink 182 touren. Glaubt ihr die Fans von Green Day und Blink 182 können auch etwas mit Jimmy Eat World anfangen?

Tom: Wir haben schon mal für Blink eröffnet. Ich glaube der innere Kern unserer Fans ist überhaupt nicht derselbe.

Zach: Wir eröffneten vor Blink und die Leuten klatschten und behandelten uns ganz gut, aber sie wollten eben Blink sehen. Green Day könnte da vielleicht ein wenig helfen. Wir waren ja auch auf einer Arena-Tour mit Weezer und der Unterschied war riesig. Das Publikum war älter und sie waren einfach interessierter. Der Grund wieso wir diese Shows spielen ist, daß wenn du für Green Day und Blink 182 eröffnest – da spielst du vor 10.000 Leuten. Wenn 10 % der Leute dich mögen, dann hast du 1.000 Leute die du zu etwas Neuem gebracht hast, das sie mögen. Du erwartest dir gar nicht dorthinzukommen und die Leute vollkommen zu begeistern.

Tom: Das ist ungefähr mit dem Gefühl zu vergleichen, das wir hatten als wir begannen vor 100 Leuten zu spielen. In einem All-Ages-Punk-Club. Als wir vom Club wegfuhren sprachen wir darüber ganze 10 Stück CDs verkauft zu haben. Und darüber freuten wir uns wie verrückt.

Zach: Jetzt ist es eben ähnlich. Etwas eigenartig ist allerdings, daß Du in einer Arena nicht mitbekommst wie es den Leuten gefällt. In einem kleinen Club wo auch nur zwei Leute ihren Spaß haben, bekommst du das mit.


Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen dem US-Publikum und dem in Europa?

Tom: Grundsätzlich ist es schon sehr ähnlich, aber in Europa scheinen die Leute weniger gehemmt die Show voll und ganz zu genießen – und auch physisch auf die Musik zu reagieren.

Zach: Einige Städte in den USA sind mehr oder weniger von einer Szene durchzogen. Wenn du dann in eine kleine Stadt kommst ist das wieder total anders – die sind dann offen für jede Veranstaltung.

Tom: Am besten ist aber das Publikum in London und in Deutschland. In den USA entsteht ein Moshpit, wenn sie physisch zeigen wollen, daß ihnen die Show gefällt. Ansonsten stehen sie eher nur herum und starren uns an. Was wir natürlich auch zu schätzen wissen.


Ihr werdet demnächst in Saturday Night Live auftreten. Wie steht ihr zu solchen Auftritten?

Tom: Das wird verrückt – Saturday Night Live. Ich bin damit aufgewachsen. Unsere Band spielt dort – das ist total verwirrend. Und noch dazu wird Cameron Diaz die Gastgeberin sein. Wir waren aber auch schon bei Craig Killborns „Late, Late Show“. Dort konnten unsere Fans Tickets für die Show bekommen. Das war auch verrückt. Wir kamen raus und das waren alles unsere Fans, die alle jubelten. Das war wirklich cool.

Zach: Craig Killborn wird in L.A. aufgezeichnet. Er hat ein sehr kleines Studiopublikum – so etwa 75 Leute. Und die Tickets wurden eben an unsere Fans weitergegeben. Und zahlreiche Fans warteten noch draußen. Da waren ganz schön viele Leute. Letterman war da total anders. Da waren wir ganz schön nervös. Er hat außerdem ein viel größeres Studio.

Tom: Bei so einem Auftritt bekommst du um dich herum gar nicht viel mit. Du versuchst einfach nur sehr gut zu spielen.


: related link :

www.jimmyeatworld.net
www.pam-records.at