: sonic youth : a kind of punk

text: martin mühl

Sonic Youth sind eine der wenigen echten Band-Bands. Anders als viele ihrer Fans, blieben die Fünf jedoch nicht mit einem fixen Bild von sich stecken. Nicht allein deshalb sollte, wer sich vom neuen Album "Murray Street" an alte Zeiten erinnert fühlt, keine voreiligen Schlüsse ziehen und überprüfen, ob das Gedächtnis nicht trügt.
Wie oft läuft das so ab? Jemand, den man beim Fortgehen kennen lernt, wird irgendwann nach seinem Musikgeschmack gefragt und hat als spontane Antwort ein Freude strahlendes „Sonic Youth“ parat. Nach einer detaillierteren Antwort, nach den präferierten Alben der Band gefragt, kommt das Gegenüber meist ins Stocken. Trotzdem hat die Person schon gewonnen. So schlecht kann niemand sein, der Sonic Youth – in welcher musikalischen Phase auch immer – gut findet. Woran das liegt, ist zumindest oberflächlich schnell erklärt. Egal, wie viel man über diese Band hört, liest oder nachdenkt – ihre Musik wirkt(e) immer über die Gefühlsebene und erst von dort aufs Hirn. Sonic Youth waren immer schon Einstellungssache, haben eine bestimmte Sicht auf Musik und das Drumherum transportiert und nicht wenigen ein offeneres, breiteres Musikverständnis offenbart. Auch wenn viele das falsch gedeutet und sich in Folge dem weiten Feld der poppigeren Klänge erst einmal verschlossen haben.

Die Erotik der Konfusion
21 Jahre dauert sie schon, die Epoche, die Sonic Youth entscheidend beeinflusst und mitgeprägt haben. 16 Alben und eine nicht überschaubare Anzahl von Nebenprojekten, Kooperationen und Soloalben sind in dieser Zeit entstanden. Es gab ein paar Jahre rund um 1990, oft hilflos als ihre „Rock-Phase“ umschrieben, da naschten sie am großen alternativen Kuchen mit. Als Bands, die sich gerade deshalb gegründet hatten, weil sie Fans von Sonic Youth waren (etwa Nirvana oder Pavement), groß wurden und wieder verschwanden, entwickelten Sonic Youth sich allerdings schon wieder in eine andere Richtung weiter. In eine, die vielleicht mehr mit ihrer eigenen Vergangenheit zu tun hatte. Denn aufgewachsen sind Thurston Moore, Kim Gordon, Lee Renaldo und Steve Shelley mit FreeJazz und Improvisation. Einem, der ähnlich sozialisiert wurde und der den neuen Sound entscheidend mitgestaltet, haben Sonic Youth zu "Confusion is Sex"-Zeiten allerdings nicht besonders gefallen: Jim O'Rourke (Gastr del Sol, Tortoise, Wilco). Er sah in ihnen damals, 1983, eine einfache – also langweilige – Rockband.
Eineinhalb Jahrzehnte später unterstützte er Sonic Youth dann aber doch auf ihrem Weg in Richtung „mehr Elektronik“. Auch bei ihren unzugänglichen, teils sinfonischen Noize- und Improvisations-Projekten war er ein ständiger Begleiter. Seit diesem Frühjahr ist er fixes fünftes Mitglied und Sonic Youth somit um einen der kreativsten und produktivsten Köpfe reicher. Jim O'Rourke: "Wenn sich seit meinem Einstieg etwas geändert hätte, würde das bedeuten, dass ich zuvor nicht ernsthaft dabei gewesen wäre. /Things just have to get done right/. Bei allem was ich tue gebe ich alles."

2002 spielen Sonic Youth auf großen Rock-Festivals und Jazz-Avantgarde-Zusammenkünften gleichermaßen. Sie kuratierten den amerikanischen Ableger des All-Tomorrow’s-Parties-Festivals (auf das sie unter anderem Lydia Lunch, Merzbow und Aphex Twin einluden) und sind gern gesehene Gäste bei Ausstellungen aller Art. Sonic Youth gelten als eine der Bands, die Punk und Kunst verschmelzen haben lassen, als Band, die bis heute meist auf mehreren Ebenen kommuniziert.
Mit der Covergestaltung werden mehr oder weniger bekannte Künstler (zuletzt etwa Gerhard Richter) betraut; darüber hinaus gibt es Ausstellungen mit Bandfotos und Artworks. Die Hoffnung, /big in business/ zu sein, hat man aufgegeben, dennoch ist man sich bewusst, einiges erreicht zu haben, dass ihr Status Privilegien mit sich bringt, von denen andere nicht mal träumen. "Wir waren nie Teil des Big Business. Wir haben nie so viele Platten verkauft wie andere, aber wir verkaufen immer genug. „Murray Street“ kommt auf einem Major-Label heraus, deswegen wird darum von manchen mehr Aufsehen gemacht. Für uns ist das nicht so. Es ist fertig und erhältlich. Der Rest interessiert uns nicht, das ist die Aufgabe des Labels" (Thurston Moore)
In gewissem Sinne sind Sonic Youth Superstars. Fast alles was über Musik gesagt werden kann, kann über diese Band gesagt werden. Wer’s nicht glaubt, soll die letzten fünf the gap-Ausgaben zur Hand nehmen und dabei feststellen, dass sich ein Großteil der Headlines irgendwie auf diese Band übertragen ließen –ohne dabei deren semantische Bedeutung zu vergewaltigen.

For Record-Collectors
Sonic Youth sind leidenschaftliche Plattensammler und eine Motivation Musik zu machen war für sie immer schon: Platten für andere Plattensammler zu machen. Deswegen versuchen sie immer Special-Vinyl-Editions herauszubringen. Sammlerstücke, die im Handel zwar schwer erhältlich sind, sich in Internetbörsen aber großer Beliebtheit erfreuen.
Mit ihrem neuen Album "Murray Street" wandeln Sonic Youth auf Pfaden, die sie so ähnlich schon mal begangen sind. Nach diversen Veröffentlichungen auf ihrem eigenen Label SYR rocken Sonic Youth wieder. Man verfolgt eine ähnliche „Veröffentlichungspolitik“ wie etwa Beck, lässt es sich nicht nehmen, herauszubringen, worauf man gerade Lust hat. Und wenn alles zusammenpasst, dann gibt es so auch mal wieder ein Album, dass nicht nur die treuesten Fans kaufen werden. Auf einen eingeschworenen Kreis, der jedes Album und alle Ergebnisse ihrer Kollaborationen ersteht, kann man sowieso vertrauen. "Murray Street", der zweite Teil ihrer mit „NYC Ghosts & Flowers“ begonnenen New-York-Trilogie, gibt sich im Vergleich zu den letzten Veröffentlichungen eingängig, ohne auf die typischen Ausbrüche zu verzichten. Inhaltlich beschäftigt sich die Band - obwohl durch die Nähe ihres Studios zu GroundZero direkt betroffen - nicht explizit mit den in Manhattan omnipräsenten Folgen von 9-11, sondern schreibt Hasslieder gegen Britney Spears („Plastic Sun“) und sinniert über den allgemeinen Zerfall („The Empty Page“, „Disconnection Notice“).
Das sechzehnte Album könnte wieder all jene begeistern, die Sonic Youth mehr für das von ihnen vermittelte Musikverständnis schätzen als für die Musik, die sie tatsächlich machen. Ob dieser Status nun erstrebenswert ist oder nicht.

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Murray Street“ ist auf Geffen Records (Universal) erschienen... Vinylversionen können auch unter www.sonicyouth.com bestellt werden.