:  ein riesenschritt für die menschheit :

text + interviews: florian bauer

Die Ärzte waren seit jeher eine Band der Superlative. Mal die beste Band der Welt, für viele die schlechteste Band der Welt, ... die Superlative ließen sich endlos listen. Mit Sicherheit sind die Ärzte aber eine der erfolgreichsten Bands der (deutschsprachigen) Welt. Ein Gespräch über selbstauferlegte Qualitätskriterien ("ein bißchen Tiefgang"), irrationalen, aber nachvollziehbaren Didgeridoo-Hass und ihr neues Album "Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer".

wellbuilt.net: Was könnt ihr mir über das neue Album erzählen?

Rod: Es ist am 23. Oktober erschienen, heißt "Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer", 19 Songs, 64 Minuten Spielzeit und ein buntes Cover zum Anfassen, ein Booklet mit 24 Seiten, Farbfotos drin, Texte, Merchandise-Karte ...

Farin: Und die Musik ist etwas Revolutionärer als seinerzeit "Sgt. Pepper". Also ein Riesenschritt für die Menschheit, ein kleiner Schritt für die Ärzte.

wellbuilt.net: Es geht also so in die psychedelische Richtung?

Farin: Nein, es geht in alle Richtungen! Wir zeigen sowohl Limp Bizkit als auch Britney Spears wo verschiedene Hämmer hängen. Also der jeweilige Hammer, so C-Dur, Cis-Moll, wird halt ausgepackt und dann hingehängt.

wellbuilt.net: Ihr habt damals zu "13" gesagt, dass es definitiv eure beste Platte ist und eine große Herausforderung, das zu toppen. Wie seid ihr das angegangen?

Farin: Wir haben uns dieser Herausforderung gestellt und haben das ganze letzte Jahr nichts gemacht. Also, das ist nicht ganz wahr, wir haben das Live-Album gemischt, das waren zwei, drei Wochen, haben fünf Interviews gegeben und 4 Konzerte gespielt. Aber wir hatten letztes Jahr auf jeden Fall sehr viel Zeit voneinander, was wir auch gebraucht haben. Wir sind ein bißchen verreist, unabhängig voneinander und haben uns von sehr viel verschiedenen Quellen inspirieren lassen. Also, Rod zum Beispiel hat sehr lange Ayurveda-Yoga gemacht ...

Rod: Genau, und viele Darmspülungen auch ...

Farin: ... er kann sich jetzt auch perfekt zu einer Brezel verknoten.

Rod: Die Darmspülungen waren für meine Begriffe eine große Inspiration!

Farin: Ich habe einen Kurs im Niedrig-Bungee-Jumping gemacht, so von Stühlen runterspringen, also erst mal von Bürgersteigen und dann zum Schluss bin ich fast bis zu Tischen gekommen! Jeder einzelne ist auf verschiedene Arten an seine Grenzen gegangen.

Rod: Bela B hat mit Kryptonit experimentiert...

Farin: Ja, er hat sich selber mehrmals in die Luft gesprengt, hat aber nichts davon gemerkt, weil er war so dermaßen hackezu auf Crack, sein Schmerzempfinden war total abgestumpft. Und so sind wir alle an unsere Grenzen gegangen und es hat sich gelohnt! Wir haben uns dann wiedergetroffen, haben uns sofort wieder ineinander verliebt und haben das beste Album in der Geschichte der Rockmusik gemacht. Der einzige Grund, warum ich mir vorstellen kann, daß das nächste Album genauso gut werden könnte wie das jetzige, ist, weil wir jetzt schon wieder so viele Stücke geschrieben haben, die wir niemals veröffentlichen werden, daß sie vielleicht aufs nächste Album noch mit draufkommen. Wir haben 42 Songs geschrieben, deshalb sind wir auch so großzügig mit unseren B-Seiten.

wellbuilt.net: Was ist da noch darunter? Irgendwelche herausragenden Titel?

Rod: Stücke im 4/4-Takt, 6/8 haben wir diesmal nicht geschafft, Polka-Anleihen, teilweise Rockanleihen

Farin: Also es sind Stücke unter Verwendung von elektronischen Musik-Instrumenten drauf, aber es sind auch Stücke mit akustischem Gesang drauf zum Beispiel. Voll analoger Gesang! Solche Sachen halt. Wir haben richtig rumexperimentiert. Wenn du die Platte gehört hättest, würdest du denken, daß "Rock`n Roll Übermensch" so ziemlich das beste Stück Musik ist, was du jemals gehört hast und daß du dir nicht vorstellen kannst, daß das wirklich von uns ist und ich kann dir sagen, die Wahrheit ist: Das hat DJ Bobo für uns geschrieben!

wellbuilt.net: Und da werden dann auch Tanzeinlagen dafür einstudiert?

Farin: Das brauchen wir nicht, weil ich weiß nicht, ob du das weißt, aber wir sind ja alle längst geklont worden, die wirklichen Ärzte sind viel zu alt. Aber sie haben die Gene ein bißchen manipuliert und wir stammen jetzt alle von Nureyev ab, das heißt wir können jetzt alle supergut tanzen.

wellbuilt.net: Hat das mit den Spendierhosen eigentlich irgendetwas mit der Kinderserie zu tun? Da gab`s doch in den 70-er Jahren so eine tschechische Serie?

Rod: Echt? Geil!

Farin: Nee, nie von gehört! Das ist das erste Mal, daß ich gehört hab, daß jemand versucht, einen Bezug zur Realität herzustellen. Der Titel ist Ausgeburt einer kranken Fantasie.
Kinder ist ja auch so ein sehr neuralgisches Thema heutzutage, Gary Glitter ist jetzt im Knast...

wellbuilt.net: Wie kann man sich eure Arbeitsweise überhaupt vorstellen? Wer kommt auf kranke Ideen wie ein Konzept-Album über Haare zu machen?

Farin: Das ist zwar wahrscheinlich kaum zu glauben, aber diese bestimmte Idee ist ganz natürlich evolviert. Zufall war der Taufpate und es gibt keinen eigentlichen Vater dieser Idee. Und so ist das bei uns, Sachen, die von Menschen als absurd empfunden werden, passieren einfach so. Wir wundern uns manchmal selber, auch darüber, warum wir so absurd sind. Und manchmal finden wir auch Sachen gar nicht absurd, wo andere sagen, spinnt ihr? Das ist offensichtlich einer der schönen Bestandteile dieser Band. Ich würde nicht mal sagen, dass wir einer gewissen Ernsthaftigkeit entbehren, weil wir können sehr ernst sein, wie man zum Beispiel auf Track 5 der Single "Wie es geht", "Halsabschneider", sehen kann. Wir nehmen uns halt selber nicht so furchtbar ernst, das heißt aber nicht, daß wir die Musik nicht furchtbar ernst nehmen würden. Du hast ja vorher nach der Arbeitsweise gefragt, die ist erstaunlich diszipliniert. Also wir sitzen nicht rum und sind anarchisch und werfen uns Tomaten an den Kopf, sondern wenn wir im Studio sind, nutzen wir die Zeit richtig fleißig aus, verschleißen einen Engineer nach dem anderen, der jetzige hat allerdings eine ziemlich gute Konstitution. Wir kommen halt ziemlich früh hin und nehmen den ganzen Tag lang ziemlich diszipliniert auf. Die Songs entstehen ja schon vorher, im Studio nehmen wir sie nur auf. Wir gehen auch im Gegensatz zu überraschend vielen anderen Bands mit fertigen Stücken ins Studio.

wellbuilt.net: Also nicht nur jammen ...

Rod: Aber Punkrock müssen wir auch gar nicht mehr jammen, das können wir einfach.

Farin: Dazu brauchen wir uns nicht mal angucken, das geht einfach so. Wir haben halt zu viel Punkrock gehört und auch gemacht.

wellbuilt.net: Und ihr seid jetzt durch "Männer sind Schweine" alle stinkreich geworden und lebt im Jetset so wie man das im Video auch sieht?

Farin: Wir waren eigentlich schon vorher ziemlich reich, aber durch "Männer sind Schweine" sind wir halt auffällig geworden.

wellbuilt.net: Deswegen müsst ihr "Zu Spät" jetzt auch mit dem umgedrehten Text spielen?

Farin: Ja, wir sind halt ehrlich! "Ich bin arm, und er hat Geld", wie soll ich denn das noch singen, da werd ich ja angespuckt von den Hausbesetzern, da muss man schon ehrlich bleiben.

wellbuilt.net: Und hat euch das irgendwie unter Druck gesetzt, Plattenfirma oder so?

Farin: Erstens sind wir ja selber unsere Plattenfirma und zweitens verstehen das ja auch viele Leute falsch. Wir haben jetzt sooo viel Geld, was soll uns denn noch unter Druck setzen? Wenn wir Scheiße rausbringen und keiner kauft die – was ja auch richtig wäre, weil auch bei uns sollen die Leute immer noch drauf achten, daß es wirklich gut ist, was wir machen – na und? Das würde unserem Reichtum keinen großen Abbruch tun, von daher ... So was wie Erfolgsdruck gibt`s wirklich schon lange nicht mehr. Wir sehen uns ja nicht, also wenn man eine Firma hat, dann ist man gezwungen, jedes Jahr Gewinne zu erwirtschaften. Wir sind keine Firma!

Rod: Wir sind eine Aktiengesellschaft, ein kleiner Unterschied.

Farin: Im Prinzip sind Die Ärzte eine Holding-Gesellschaft auf den Cayman Inseln, yo, keine Steuern. Nee, die Wahrheit sieht leider anders aus, aber Erfolgsdruck gibt`s nicht. Mich persönlich hat "Männer sind Schweine" eher erschreckt, weil wir da plötzlich, also es ist ja so, es gibt jedes Jahr den Sommerhit, den jeder betrunkene Mallorca-Fahrer grölt und das war halt vor zwei Jahren "Männer sind Schweine". Da sehen wir uns nicht in dieser Nachbarschaft.

Rod: Ein Jahr später war`s dann "Mambo No 5"

Farin: Und es gab ein richtiges Lob, auch wenn`s nicht als solches gemeint war, von zwei oder drei deutschen Radioredakteuren, die haben "Wie es geht" gehört und haben gesagt, das können wir nicht spielen, erstens ist es nicht lustig und zweitens ist es ja harte Musik. Die haben von uns offensichtlich noch nie ein anderes Stück gehört als "Männer sind Schweine" und da bin ich ganz froh drüber. Genau das Gegenteil von Erfolgsdruck, wenn du so willst. Weil ich hätte auch sofort einen Nachfolger schreiben können, aber ...

wellbuilt.net: Ihr habt jetzt mit "Halsabschneider" versucht auf Österreich Bezug zu nehmen ...

Farin: Nö, wir haben`s nicht versucht, wir haben auf Österreich Bezug genommen! Aber wir haben uns nicht hingestellt und gesagt. "Liebe Österreicher, da ihr offensichtlich nicht wißt, wen ihr wählen sollt, erklären wir jetzt euch mal ...", sondern wir haben einfach unsere persönliche Meinung zu dem Thema gesagt, so wie bei "Schrei nach Liebe" zu den Nazis insgesamt, da fällt mir komischerweise immer das selbe A-Wort ein ... Und wenn ich die Hack-Fresse sehe, diesen braungebrannten Dressman, der irgendwie kleine faschistische Häppchen unters Volk streut, fällt mir nur Arschloch ein.

wellbuilt.net: Chumbawamba haben ja eine spezielle Single mit Österreich-Bezug aufgenommen, die wird bei Konzerten verteilt und da ist nur "Enough Is Enough" neu aufgenommen drauf, aber noch immer mit dem "Give the fascist man a gunshot"-Text. Auch irgend so ein spezielles Statement zu Österreich geplant?

Farin: Das eine reicht ja und die Leute, die uns kennen, wissen ja, wo wir stehen. Wir wollten halt nur für die Leute, die uns jetzt vielleicht mit "Wie es geht" entdecken, weil es wachsen ja immer wieder Leute nach, da wollten wir unsere Meinung dazu sagen, aber auch eher harmlos. Wir fordern ja noch nicht zu einem Kopfschuß auf, außerdem find ich Knieschuß viel erniedrigender. Das ist richtig cool, die Strafe der IRA damals und heute glaub ich auch noch.

wellbuilt.net: Wie ist aus eurer Sicht die Situation in Deutschland? In Österreich kriegen wir immer nur mit, NPD und im Osten werden irgendwelche Schwarze ermordet und die Skinheads gehen auf die Straße. Ist halt eine nette Propaganda von unserer Regierung, die immer mit dem Finger zeigen kann und sagen: In Deutschland ist es ja noch viel schlimmer. Und damit von dem eigenen Problemen ablenkt.

Farin: Einerseits ja, aber andererseits denken sie sich das leider nicht aus, sondern das findet ja alles auch statt! Und dazu sagen wir natürlich auch einiges. Das ist erschreckend, was da abgeht. Es gibt einen qualitativen Unterschied, nicht einen quantitativen. Schon, es gibt auch einen quantitativen, da verliert Deutschland, und es gibt einen qualitativen. In Deutschland ist es tatsächlich - und ich rede jetzt nichts schön und ich bin auch alles andere als ein Politiker und vielleicht irre ich mich auch, aber ich glaube nicht - ist es eine verschwindend geringe, aber extrem gewalttätige, dumme Minderheit und es ist absolut nicht salonfähig in Deutschland, Faschist zu sein. In Österreich, und das ist der qualitative Unterschied, versucht Haider, und er ist halt wirklich ein smarter, gutgekleideter, Marathon-laufender Yuppie, er versucht halt, den Faschismus in die ganz normalen Bürgerstuben zu bringen. So von wegen, na ja das sind alles "Tschuschen" (kein O-Ton von J. Haider, Anm. d. Redaktion) und die "nehmen uns die Arbeitsplätze weg" und das ist halt was anderes und das sehe ich als die größere Gefahr an. Wobei ich nicht sagen will, Deutschland hat überhaupt keine Probleme, wir haben auch Probleme, aber das sind Probleme anderer Art, das sind halt dumpfe Typen. Und jemand wie der Frey zum Beispiel, die haben nicht im Entferntesten den Einfluss und das Standing wie der Haider das hat, im Gegenteil, das sind jahrelang belächelte Randfiguren gewesen, die jetzt zwar ein bißchen Medienaufmerksamkeit haben, aber sie sind halt keine Spitzenpolitiker mit ernsthaften Aussichten auf das Amt des Bundeskanzlers. Das ist der qualitative Unterschied.

wellbuilt.net: Rod, bist du eigentlich jemals angefeindet worden in Deutschland?

Rod: Ja, klar. Ich hatte halt vielleicht das Glück, weiße Hautfarbe zu haben, aber viele Freunde von mir mit dunklerer Haut ... du wirst halt geduzt auf Ämtern und viele reden mit dir im gebrochen Deutsch, das sind so kleinen Sticheleien, kleine rassistische Nebenwirkungen, die die Leute wie selbstverständlich mitbringen. Damit lebe ich, ich wurde aber auch als Punker angefeindet, ich gehörte in die Gaskammer und so. Das stählt einen und irgendwann kann man halt differenzieren, was ist nur Gelaber und was ist wirklich ernst gemeint. Es gibt ja wirklich so eine Hemmschwelle, ab wann das zur Gewalt eskaliert und die Leute das wirklich meinen und die Leute das nicht nur sagen, damit sie dazugehören.

Farin: Der ganz normale Faschismus in die Leuten.

wellbuilt.net: Wenn jetzt aber so eine populäre Sendung wie "The Dome" euren "Schrei nach Liebe" aktualisiert und neu aufnimmt, wird das auf eurer Homepage nicht sehr freundlich kommentiert ...

Farin: Erst mal werden unsere Fans natürlich eifersüchtig und zweitens muß man dazu sagen, daß die Version wirklich grottenschlecht ist. Meine Meinung dazu ist, diese Möchtegern-Musiker, die da was gemacht haben, die hätten mit Sicherheit ein viel peinlicheres Statement selber zu Stande gebracht oder sie hätten sich von Ralph Siegel irgend so einen halbgaren Scheiß auf den Leib, also ihre ungeübten Stimmbänder, schneidern lassen. Im Prinzip kann man froh sein, dass sie wenigstens ein vernünftiges Lied genommen haben. Denn eines ist sicher: die erreichen - auch wenn viele Leute uns gerne als Kinder-Band abtun – ein viel jüngeres und ein breiteres Publikum als wir. Und das ist einfach ein gutes Lied gegen rechts, immer noch, und die konnten`s auch nicht so versauen, daß es kein gutes Lied gegen rechts mehr ist, es ist aber eine beschissene Version. Ich glaube nicht, dass es dadurch einen Nazi weniger gibt, aber vielleicht hilft das den Leuten festzustellen, daß es doch nicht so eine gute Idee ist, Nazi zu werden, so in dem Alter wo man sich halt überlegt, zu welcher Gruppe will ich dazugehören. Will ich zu den kahlgeschorenen Bomberjacken gehören, die immer zu zehnt über den Schulhof laufen, oder häng ich vielleicht doch lieber da ab, wo die Individualisten abhängen - die alle die gleichen Sachen anhaben. Ich denke grundsätzlich hat`s was geholfen und natürlich find ich die Version nicht so toll.

wellbuilt.net: Was sagt ihr zu der Spaßattitüde, mit der gerade amerikanische Bands voll auf Hit-Kurs sind?

Farin: Da versuchen sie auch ein bißchen Die Ärzte nachzumachen, oder? Aber was merkwürdig ist, die machen diesen Spaß schon wieder zu einem ganz ernsten Beruf und müssen dann immer spaßig sein. Und bei uns war das über die Jahre so ein ganz nettes Gleichgewicht. Wir können zum Beispiel mitten im Konzert wo eben noch ein total albernes Lied war mit Ansagen, wo die Leute sich die Bauchmuskeln halten, kommt dann plötzlich ein ernstes Lied mit einem richtigen Text voller Gefühle oder ich sag mal so was wie "Rebell" oder "Schrei nach Liebe" und es klappt beides, wir sind nicht immer nur lustig und auch nicht immer nur ernst. Und bei ein paar von diesen amerikanischen Bands, wenn Spaß zum alleinigen Prinzip wird, dann reicht das nicht. Ein bißchen Tiefgang darf auch dabei sein. Ein bißchen.

Rod: Ich sehe das in Amerika auch eher zyklisch. Ende der 80-er haben Depeche Mode, eine der düstersten Pop-Gruppen der Welt, Furore gemacht in Amerika. Die waren ja selber so wahnsinnig überrascht, wenn ich an die berühmten 101 Konzerte denke, wo sie Vollplayback vor schreienden Teenies gespielt haben, dann wieder der Umbruch zu Heavy Metal, was ja auch eher in die spaßige Richtung geht, dann wieder Nirvana, was total düsteres, relativ depressives, dann wieder Green Day völlig optimistisch, dieses Punk-Rock-Party-Gefühl, mal sehen, was als nächstes kommt. Irgendwann entdecken sie vielleicht den Minnesang oder irgendwas absurdes.

Farin: Vor den Wahlen ist klar, dass sich die Amerikaner mit Funpunk trösten müssen.

wellbuilt.net: Jimmy Pop von der Bloodhound Gang verwurstet ja oft ernste Themen zu vollkommenen Schwachsinn...

Rod: Der Pop ist ein schlauer Bursche, also die wissen schon ganz genau, was sie da tun, wissen ganz genau, was ihr Zielpublikum ist und sie wissen auch, daß Deutschland ihr größter Markt oder einziger Markt ist, und die wissen auch, was die Kiddies hören wollen.

wellbuilt.net: Hinter der Bloodhound Gang steckt halt relativ viel Berechnung...

Rod: Ja, klar. Und das unterscheidet auch viele amerikanische Musiker von europäischen Musikern, die doch einen gewissen künstlerischen Anspruch in ihrer ganzen Sache sehen. Viele Amerikaner sehen erst mal das Kommerzielle.

Farin: In the end of the day money talks!

wellbuilt.net: Ihr macht ja so viel andere Sachen, Comics verlegen, schauspielern, Gaststars auf anderen Platten. Ist irgendwie die Gefahr, daß man euch als Ärzte verliert, dass ihr irgendwie das Ziel aus den Augen verliert?

Rod: Nee, gar nicht. Die Vision ist ja immer noch da und das ist glaub ich das Wichtigste an der ganzen Geschichte. Wir wollen auch mit Menschen arbeiten, die noch eine Vision haben, die entweder was mit uns zu tun hat, oder selber eine bestimmt Vision besitzen. Es ist wichtig, daß man sich Freiräume nimmt innerhalb der Ärzte. Aber es ist auch wichtig, daß man, wenn man dann als Ärzte wieder was macht, Spaß dabei hat und auch Lust darauf, das zu machen. Und das ist der Fall.

Farin: Also eigentlich ist es eher so, daß sich das füttert gegenseitig. Man holt sich halt wenn man mit anderen Leuten was macht, andere Ansichten. Diese Seitengeschichten sind, sag ich mal, Freizeitvergnügen, die natürlich bei uns anders auffallen, weil wir halt schon relativ berühmt sind, als wenn ein normaler Mensch das macht. Wir sind fleißig, aber Die Ärzte sind jetzt nicht so hyper-arbeitsintensiv. Trotz unseres Outputs ist es nicht so, dass wir jetzt 370 Tage im Jahr daran basteln, eine erfolgreiche Band zu sein. Es bleibt genug Freizeit. Ich bin halt meisten der, der verreist oder wirklich nichts macht und die anderen beiden sind halt kleine Workaholics, aber sie bringen dadurch auch neue Inspirationen mit. Und so haben letztendlich alle nur ein Ziel: Die Weltherrschaft durch die Ärzte!!

wellbuilt.net: Sehr ihr euch eigentlich als Berufjugendliche, ihr habt mal in einem Interview gesagt: "Der magische Moment in einem Konzert ist, wenn 5000 Menschen zu drei-jährigen werden". Seid ihr erwachsen?

Farin: (lacht) Das ist geil! Nein, wir sind längst erwachsen. Das heißt nicht, daß wir nicht manchmal degenerieren, jünger werden. Unter Berufsjugendlichen verstehe ich jemanden, der sich zwanghaft so anzieht, wie die Jugendlichen sich heute anziehen, der versucht, ihre Sprache zu imitieren und der einem oder jedem Trend hinterher rennt. Und diese drei Sachen sehe ich bei uns eigentlich nicht. Daß wir jünger aussehen als Leute, die mit 18 oder 16 – als wir angefangen haben Musik zu machen – Bergbauarbeiter geworden sind, liegt an der Natur unserer Jobs. Ernsthaft! Wir leben relativ gesund, ich mein guck dir das an, das ist nicht gerade die letzte Jugendherberge, wo wir wohnen, wir achten ein bißchen darauf, was wir essen, wir treiben Sport, von daher sehen wir vielleicht ein bißchen fitter aus, als andere Leute in unserem Alter, die nur noch hinterm Bankschalter oder im Bergbau sitzen. Nichts gegen die! Im Gegenteil! Aber das ist kein Zwang, ich laß mir bestimmt nicht die Falten wegoperieren und ich glaub nicht, dass wir einen jugendlichen Code benutzen müssen in unserer Sprache, damit wir noch gehört werden. Im Gegenteil, Leute lernen durch uns die Sprache der 80er kennen, die natürlich die beste Sprache überhaupt war!

Rod: Wenn wir Berufsjugendliche wären, wäre das neue Album auch sehr viel mit deutschem HipHop und das ist es definitiv nicht.

Farin: Kein Didgeridoo und deutscher HipHop!

wellbuilt.net: Didgeridoo ist für Euch anscheinend das schrecklichste Instrument auf der ganzen Welt, oder?

Rod: Das ist so wie in den 80ern das Saxophon mißbraucht wurde, das wurde überall eingesetzt, von der Schmalzballade, über Wave, über NDW überall wurde das eingesetzt, dieses...

Farin: Vorwitzige Instrument!

Rod: Das war eigentlich ein geiles Instrument bis die 80er kamen.

Farin: Nee, also, es gab für mich immer den Typen in der Schule, wenn der Lehrer einen Witz gemacht hat, hat der sofort gelacht. Das ist das Saxophon für mich! Liebe Saxophon-Spieler, ich hasse euch!

Rod: Und das Didgeridoo ist halt das Saxophon der 90er, des Jahrzehnts des Ethno-Rocks, Enigma und so, Hausfrauen-Musik, die dann mit ethnischen Klängen vermischt wird. Das Didgeridoo sieht man halt immer in Fußgängerzonen und die Leute bleiben ganz andächtig stehen, boah, das ist ein Instrument aus einer anderen Welt. Ist es nicht! Es ist ein uraltes Instrument, das wahrscheinlich schon bei den Aborigines tierisch genervt hat.

Farin: Genau, so jetzt hör doch mal auf! Weiß man ja auch, das Didgeridoo war bei den Aborigines das, was bei der normalen, deutschen, gutbürgerlichen Familie die Blockflöte der kleinen Schwester war. So, blamm, Geh raus!!

Rod: Nur, daß die Aborigines halt keine Türen und Wände hatten in ihren Wohnungen, die konnten die Aborigines-Spieler nur am Red Rock opfern.

Farin: Genau! Der war früher gar nicht rot, der ist vom Blut der Didgeridoo-Spieler getränkt, das war mal ein Kalkstein-Felsen, was ja kaum einer weiß!

wellbuilt.net: Themenwechsel, was sagt ihr zum FC St. Pauli, der mit einem Österreicher im Tor zu neuen Höhenflügen anstrebt?

Farin: Hallo FC St. Pauli? Nee, Ich weiß nicht, wir beide sind nicht so die Fußball-Fans, das ist Bela. Aber ich kann sagen, daß er auf den Hardpop-Days immer wieder SMS gekriegt hat, die der dann auch immer gleich vorgelesen hat - zur größten Versteinerung der umstehenden Minen - he, der St. Pauli hat wieder ein Spiel gewonnen. Er hätte auch sagen können, es ist wieder ein Waschlappen vom Haken gefallen irgendwo, Ostchina. Oder wieder ein Didgeridoo-Spieler gegen den Felsen geklatscht...
(Fade out)

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