: apocalyptica : chellissimo brachiale

text + interviews: christian prenger

Abseits von prätentiösen Kitscharrangements schaffen Apocalyptica den Spagat zwischen klassischer Instrumentierung und Metalsound. Auch live funktioniert diese Kombination durchaus. Der beste Beweis: der Auftritt der Finnen im Wiener "Planet Music".

Vier Finnen riffen, bangen und grooven. Das Publikum tobt, klatscht und brüllt. Emotion pur live on stage. Action im Auditorium. Ein ganz normales Heavy Metal-Konzert im Planet Rockhaus. Scheiße, es ist überhaupt kein ganz normales Heavy Metal-Konzert. Keine Drums. Keine Gitarren. Nur vier Cellos. Ich darf wiederholen: Vier Cellos. Apocalyptica sind angetreten, um allen Fundmentalisten, Klischeefanatikern, Vorurteilspredigern und Experimentalgenießern einen wunderbaren Adrenalinstoß zu verpassen. Man glaubt es ja wirklich kaum: Klassiker von Metallica ("For Whom The Bell Tolls", "One", "Enter Sandman", "Creeping Death"), Savatage ("Hall Of The Mountain King") oder Sepultura
("Chaos A.D.") klingen einfach göttlich, wenn diese Streicher loslegen.

Hier wird kein Kitsch a la "Heavy-Band und Orchester murksen verkaufsträchtige Fusion für verklemmte Bildungsbürger zusammen" produziert. Hier wird mit authentischer Hingabe Metal zelebriert. Zu diesem Zweck liefert das Cello derbe Thrash-Riffs, pumpende Base-Lines, krachende Percussion und intensive Soli. Zwischen feinfühligen Balladen von Metallica und Krachern von Slayer inszenieren sie ein Furioso, das sich gewaschen hat. Virtuos, spannend, ungemein unterhaltsam.

Über die Klasse der Musiker braucht kein Wort verloren werden: Extraklasse wie der gesamte Gig, wo vier Skandinavier mit unwiderstehlicher Präzision die Substanz von metallischen Topsongs freilegen, optimieren und in kammermusikalischen Perlen verwandeln. Erstaunlich ist dabei immer wieder die Heavyness: So mancher Song einer Band namens Metallica klingt wesentlich wilder als der Alternative-Trendschrott, den besagte Altstars heute produzieren. Die Eigenkompositionen wie "Romance" oder "Harmageddon" überzeugen ebenso durch gekonnte Düsteratmosphärik und smarte Arrangements.

Das Stage-Acting paßt auch: Die Musiker brüllen Refrains mit, heizen das Publikum an, stehen auf ihren Stühlen, liefern sich am Bühnenrand solistische Gefechte und bangen, bis der Bogen glüht. Apocalyptica haben die Grenzen verschoben, aufgelöst, neu interpretiert, wieder zusammengesetzt und alle Erwartungen ignoriert und erfüllt. Das ist Crossover, Leute!

Apropos Zuschauer: Bei Apocalyptica versammelte sich das definitive Konzert- Menschengemisch des Jahres. Gestandene Metaller, schüchterne Musikstudenten mit Schwellenangst ("Is eh ganz nett da"), ungläubig staunende Klassiknormalbürger, irritierte Streichorchesterfans, ausbruchswillige Chartskost-Verzehrer und fröhliche Kids mit Anti-Mainstream-Tendenzen.

Und da waren dann noch diese Leute in Anzügen da, bei denen ich ein ganz bestimmtes Gefühl hatte: Endlich konnten sie sich outen. Endlich konnten jene, die aus sozialen Gründen bei Schicki-Freunden oder bei der Vorstandssitzung immer Klassik als ihren Sound nennen müssen, Farbe bekennen. Sie konnten im Schutz von Apocalyptica der engstirnigen Welt entgegenschleudern, daß sie eigentlich Metal lieben. Diesen möchte ich zurufen: BEKENNT JETZT UND OHNE SCHEU!

CD-Tipp: "Cult"

www.apocalyptica.com