: Lebt und arbeitet in Wien :
*brainstorm left the chat*

text: thomas weber

Der New Yorker Autor Paul Auster hat den Entstehungsprozeß seiner Stories und Romane in einem Interview einmal mit einem "Flipperautomaten der Assoziationen" verglichen. Wenn eine (nach Austers Kriterien) gelungene Story also einen Eintrag in den High Score einer solchen "pinball machine" bedeutet, dann sind die Absätze in Paul Divjaks "Lichtstunden" gelungene Shots.

Zwar gesteht Divjak seinen Bällen manchmal ein paar Ehrenrunden zu, letzlich beläßt er es aber dabei, sie ins Off rollen zu lassen. Und so bleiben seine "Lichtstunden" letztlich eine Sammlung von Gedankensplittern, ein Sammelsurium von Aufzeichnungen aller Art. Nur: Arrangiert Divjak bewußt? Wohl kaum. Vielmehr dürfte es sich um eine Art Notizbüchlein handeln, in dem einfach nur Ideen und schöne Formulierungen gesammelt werden. Oft scheint es dem 1970 geborenen Wiener auch nur darum zu gehen, einmal aufgeschnappte Gedanken weiterzuspinnen. Wobei er sich durchaus auch logisches Scheitern zugesteht ("der gedanke, um den sich ein gerüst entwickelt hat, wackelt").

Divjak ist in vielen künstlerischen Genres zu Hause. Die Kurzbiographie am Ende des Buches verweist unter anderem auf Kurzfilme, Videos, Installationen und die Teilnahme an der Ausstellung "Lebt und arbeitet in Wien". Und so tauchen auch in den "Lichtstunden" immer wieder reale österreichische Künstler auf. Der kürzlich verstorbene Filmemacher Kurt Kren, Hermann Nitsch oder der Schriftsteller Franzobel beispielsweise. Viele Szenen wirken filmisch arrangiert, verträumt trashig und unbeschwert wie ein Beastie Boys-Video: "schwerbewaffnete polizisten beginnen mit ausweiskontrollen. ihr klappt euer fluchtfahrzeug zusammen und fallt nicht weiter auf. vogelzwitschern.". Manchmal läßt sich die Welt ganz einfach leichter in Regieanweisungen beschreiben. Der knappe Drehbuchstil schafft Distanz, das ständige "du" und "ihr" zoomt den Leser wieder ans Geschehen heran.

Immer wieder werden alte Photographien beschrieben. Bilder, die zum Glück nicht abgedruckt sind und so ihren subjektiven Touch behalten. Auch sonst gleichen viele Situationsbeschreibungen kurzen Momentaufnahmen oder aus dem Film-Flow gerissenen Standbildern. Und irgendwann wird der Album-artige Charakter des Büchleins zwischen zwei Klammern explizit: "(du bräuchtest einen fotoapparat für solche situationen, dringend!)".

Keine Frage, niemand rechnet damit, daß ein Buch wie "Lichtstunden" jemals eine größere Leserschaft erreichen wird. Viel zu unkonventionell geht Divjak in allen Belangen ans Schreiben heran. Seine Gedankensplitter sind primär individuelle Vergangenheitsbewältigung und persönliche Reflexion. Womit noch die Frage bleibt, an wen Divjak seine "Lichtstunden" richtet, wenn er ihnen voran ein schlichtes "Was ihr seid, das waren wir" stellt und sie mit einem pathetischen "Was wir sind, das werdet ihr" beendet. An die Nachgeborenen?

Paul Divjak: "Lichtstunden", Edition Selene, Wien 2000
Bestellungen: selene@t0.or.at