mythos der j´s
oder
wechsel des glücks : janis joplin :

text: andreas probst

Spätestens mit dem Tod der dritten Rock-Ikone Janis Joplin Anfang Oktober 1970, deren Namensbild ein J in seinen Lettern trägt, begann die auf diesen zehnten Buchstaben des Alphabets bezogene Hysterie in der Hippie-Gemeinde diesseits und jenseits des Atlantik.
Brian Jones war bereits am 3. Juli 1969 im Swimming-Pool seines Hauses ertrunken und jetzt gut zwei Wochen zuvor starb in diesem an düsteren Vorzeichen reichen Sommer Jimi Hendrix. Die Begeisterung für transzendentale Erscheinungen hatte durch die Indienbezüge des Space Traveller einen ersten Höhepunkt erreicht, und drei dahingegangene Rock-Star-Seelen innerhalb eines Jahres mit einem J im Namen können kein Zufall sein. Daß zehn Monate darauf mit dem Tod Jim Morrisons das nächste J folgen sollte war dann nur noch Wasser auf die Mühlen des Mystizismus im anbrechenden New Age. Von Frisco bis Berlin fragten sich die Jünger der Hexenküche wer der nächste sein werde. Londoner Wettbüros nahmen Wetten an, wobei die am höchst gehandelten Kandidaten Mick Jagger (still alive), John Lennon, der erst zehn Jahre später in die ewigen Jagdgründe abberufen werden sollte, und eben Jim Morrison waren. Aber zurück zum vierten Oktober 1970, jenem Sonntag, der einem weiteren Protagonisten der "Love and Peace Generation" zum letzten Tag irdischen Daseins gereichen sollte.

Die vielleicht einflußreichste weiße Blues- und Rocksängerin der Geschichte wird am 19.01.1943 als älteste dreier Kinder in Port Arthur/Texas geboren. Schon in ihrer Kindheit strapaziert sie das gutbürgerliche Elternhaus durch Unabhängigkeitsdrang und Eigenwillen. Angetrieben von ihrem zeichnerischen Talent studiert sie in den Jahren ´62 und ´63 Kunst an der University of Texas.
Von hier zieht es Janis erstmals nach San Francisco und sie verbringt dort zwei Jahre in der erwachenden Musikszene der künftigen Hippie-Metropole als Blues- und Country Sängerin. Musiker wie Jorma Kaukonen von Jefferson Airplane werden auf die drei Oktaven umfassende Stimme der jungen Texanerin aufmerksam. Nach ersten Drogenerfahrungen kehrt sie in die Heimat zurück und geht wieder auf das College. Endgültig vom Kleinstaatmief resignierend trampt Janis im Sommer 66 erneut nach Frisco und taucht im Umfeld der "13th Floor Elevators" auf, um dann bei der Bluesrock-Gruppe "Big Brother & The Holding Company" als Sängerin einzusteigen. Die Band macht sich schnell an der Westküste einen Namen und im August ´67 ist mit dem Auftritt beim Monterey International Pop Festival der erste Höhepunkt geschafft. Nach einem Flop-Album bei Mainstream Records übernimmt Albert Grossman das Management und stimmt mit dem US No.1 Album "Cheap Thrills" das Konzept voll auf Janis ab. Nach dem Riesenerfolg von "Piece Of My Heart" arbeitet sie vermehrt an der Karriere, kommt aber auch immer öfter mit Alkohol und anderen Drogen in Berührung.

Im Dezember ´68 trennt sich Janis von "Big Brother" und gründet die "Kozmic Blues Band". Das gleichnamige Album wird wie die 69er Europa Tournee ein großer Erfolg. Das Highlight des Jahres bildet dann der viel umjubelte Auftritt beim legendären Woodstock Festival. Ihr Sound wird mit Songs wie "Me And Bobby McGee" weicher, aber das zunehmende Auf und Ab ihres Drogenkonsums beeinflussen die musikalische Entwicklung. Erneut wird mit der "Full Tilt Boogie Band" eine neue Gruppe aufgebaut und man geht auf Welttournee. Im September 70 lebt Janis in Los Angeles und die neue Partnerschaft scheint sich auch im Studio bei den Sessions zum Album "Pearl", ihrem Spitznamen, zu bewähren. Aber noch bevor die elf Songs abgemischt sind findet man die Sängerin am 4.10.1970 tot in einem Hotelzimmer in Hollywood. Opfer einer Überdosis Heroin. Das Leben dieser einzigartigen, von den meisten Menschen völlig mißverstandenen Grande Dame der Blues-Rock Musik lag auch dem Film "The Rose" zugrunde, der 1979 mit Bette Midler in der Hauptrolle realisiert wurde.

Buchtipp:

Myra Friedman
Die Story von Janis Joplin
Broschur
Diskografie
hannibal-verlag