: man or astroman? : nicht von dieser welt

interview + text: holger fleischmann

Raumanzüge, Surf-Gitarren, Supercomptuer und B-Movie-Samples – die amerikanische, pardon, die außerirdische Band Man Or Astro-Man? wusste seit jeher mit ihrem Sound und ihrem Comic-Image zu unterhalten. Anlässlich ihres neuen Albums "A Spectrum of Infinite Scale” wagt Holger Fleischmann im Interview mit Mr. Birdstuff einen Blick ins Universum der großartig-verschrobenen Band.

Man Or Astro-Man? sind nicht von dieser Welt. Mit diesen Worten beginnt die Biografie der Band auf deren Homepage. Wie und warum sie dann auf der Erde gelandet sind, darüber klärt die Legende sogleich auf: Es waren technische Probleme ihres intergalaktischen Raumschiffs, die den Absturz Richtung Erde verursachten. Glück im Unglück hatten die Herren von Man Or Astro-Man? allerdings dahingehend, dass ihr Schiff ausgerechnet in Alabama einschlug. Da dessen Einwohner immer schon mit der Sichtung von Fliegenden Untertassen auf sich aufmerksam machten – und deswegen nicht mehr ernst genommen werden – konnten sie ihre Landung auf der Erde einigermaßen geheim halten. Um nicht unnötig Aufregung zu erzeugen, nahmen sie rasch das äußere Erscheinungsbild der Menschen an. Warum sie allerdings begannen, Musik zu machen, erklärt Birdstuff, der Drummer der Band, folgendermaßen: "Als wir auf die Erde kamen gründeten wir unsere Band als Vehikel, um auf der Welt herumzureisen und um nach anderen abgestürzten Spaceships zu suchen." Das war 1992. Mittlerweile veröffentlichte die Band unzählige Tonträger und tourte mehrmals rund um den Globus. Ihrem obersten Ziel, die Erde wieder Richtung The Grid Sector, ihrer Heimat, zu verlassen, sind sie allerdings nicht näher gekommen. Mit etwas Wehmut konstatiert Birdstuff daher: "Wir hatten bei unseren Tourneen bislang leider keinerlei Erfolge. Wir sind die ganze Erde abgereist und nicht einmal irgendwelche Anzeichen außerirdischer Existenz konnten wir finden." Deshalb, so Birdstuff, strebt die Band danach ein "ein pures Forschungsprojekt zu werden". Denn: "Mittlerweile sind wir viel mehr Wissenschaftler als Außerirdische. Aber ich hoffe, das bleibt nicht immer so und wir können irgendwann von der Erde entfliehen."

Intergalaktische Sound-Forschung
Bis dies der Fall sein wird, geben sich Man Or Astro-Man? völlig ihren Forschungstätigkeiten hin. Zu diesem Zweck gründeten sie eigene Laboratorien, die Astroresearch Laboratories. "Das Hauptprodukt unserer Forschung momentan ist eine neue Platte, die wir demnächst veröffentlichen werden. Aber wir forschen ständig nach seltsamen, unbekannten Umständen da draußen. Tatsache ist, dass auch dieses Interview eine Forschungsaktivität ist – es ist nichts anderes als ein Feldexperiment", erklärt Birdstuff. Analysiert man ihre aktuellen Forschungsergebnisse, die Songs des demnächst erscheinenden Albums "A Spectrum of Infinite Scale”, so scheinen einige neue Erkenntnisse erkennbar. Etwa dass Surf vielleicht doch nicht die zeitgenössischste aller Musik-Stile ist. Denn nur aufgrund "inkorrekter Mathematik" nahmen sich Man Or Astro.Man? ursprünglich dieses Genres an. Informationen vom Planeten Erde zu ihrer Heimat benötigten nämlich eine Zeitspanne von etwa 30 Jahren. Und als sie nach ihrer Bandgründung die Datenbank in ihrem schwerstens demolierten Schiff nach aktueller Musik durchforsteten, spuckte diese eben 30 Jahre alten Surf im Stile von Dick Dale oder The Ventures aus. Auf die Frage, ob sie mit ihrem neuen Album, das vergleichsweise wenig Surf-Elemente besitzt, diesen Zeitfehler ausgleichen wollten, meint Birdstuff mit einer seiner seriöseren Antworten: "Wir haben im Lauf der Jahre etwa elf oder zwölf Platten veröffentlicht, tonnenweise Eps, Singles etc. rausgebracht – da kommen Veränderungen beinahe zwangsläufig. Mit unserem 96er Album "Experiment Zero" haben wir begonnen, "weirder" und experimenteller zu werden. Das hat sich bis heute fortgesetzt. Ich meine, Surf wird immer ein Fundament unserer Musik sein. Wir lieben Surf und es repräsentiert so viele großartige Aspekte für uns. Nach acht Jahren in einer Band muss man aber versuchen, sich interessant zu halten und neue Dinge auszuprobieren." Neu ist im Man Or Astro-Man Universum auch, dass vereinzelt Vocals eingesetzt werden. Befragt danach, ob Vocals eine neue Möglichkeit für Man Or Astro-Man zur Kommunikation mit ihrer Hörern darstellen, stellt Birdstuff – weniger seriös – klar: "Wir hatten immer schon eine Menge sublimer Botschaften in unserer Musik. Manchmal verwenden wir Vocals in Hertz-Bereichen, die von Menschen gar nicht wahrgenommen werden können. Unsere versteckten Botschaften haben allerdings mehr mit skandinavischem Death-Metal als mit Sci Fi zu tun. Da geht’s um abgebissene Hühnerköpfe und solch Zeugs." Birdstuff entkommt, wie des öfteren in diesem Interview, ein herzhaftes Lachen – fügt aber sogleich wieder etwas ernster bei der Sache hinzu: "Es kommen immer wieder Leute bei Konzerten zu uns und meinen, wir sollten mehr singen. Aber das ist eigentlich nicht unser Ding, nur weil dadurch unsere Musik vielleicht populärer und eingängiger wäre. Bei manchen der neuen Songs passt es eben, bei den meisten aber nicht."
Aufgenommen wurde "A Spectrum of Infinite Scale” teilweise von Steve Albini, mit dem sie schon bei den Vorgänger-Alben zusammengearbeitet haben. "Steve hat verschiedenste Qualifikationen, die ihn dazu prädestinieren, mit uns zusammenzuarbeiten", erzählt Birdstuff. "Er ein einfach ein total netter und umgänglicher Typ. Er hat uns immer schon supported und weitergeholfen. Außerdem ist und war er mit Big Black natürlich eine zentrale Figur für alle, die als Kids in den USA mit Indie- und Punk-Rock aufgewachsen sind. Es ist einfach eine Freude mit ihm zu arbeiten. Die Alben, die wir mit ihm aufgenommen haben, hatten immer ein wahnsinnig guten Sound und die neue Platte ist, von einem puren Sound-Aspekt aus betrachtet, wahrscheinlich die beste, die wir je gemacht haben." Dass Albini Man Or Astro-Man? seinen Stempel aufdrückt, bezweifelt Birdstuff jedoch. "Er gibt uns einfach die Chance, so heavy und kraftvoll wie möglich zu sein. Ich glaube allerdings nicht, dass er unseren Sound entscheidend beeinflusst. Viele aus unserem Umfeld und bei Touch & Go meinen etwa, dass wir weniger Albini-style klingen würden, als man es erwarten könnte."

Aliens vs Menschen
Live sind Man Or Astro-Man mit ihrer Melange aus Surf, Noise- und Punk-Rock eine Macht. Bei ihrem diesjährigen Gastspiel in der Szene Wien konnte man tatsächlich beinahe meinen, Aliens auf der Bühne zu sehen. Denn nur wenige Bands spielen derart energetische, intensive und von der ersten bis zur letzten Sekunde voll am Gaspedal stehende Gigs wie Man Or Astro-Man?. Bevor die Band jedoch mit ihrer Show - die dem Supercomputer EVVIAC ("the greatest piece of iron ever in the world of supercomputing") gewidmet war - loslegte, huschten die intergalaktischen Mannen noch mehrmals in Raumanzüge gehüllt über die Bühne. Warum? Birdstuff geizt natürlich nicht mit einer plausiblen Antwort: "Da in den meisten Clubs ja unzählige Bands auftreten, müssen wir aufgrund unserer extraterrestrischen Daseinsform die Bühne erst einmal entgiften, um auftreten zu können. All die Mikrophone riechen wirklich unangenehm. Das ist ein Prozess, der einfach jeden Abend geschehen muss. Unsere Fans müssen dadurch zwar länger auf unsere Show warten, aber es ist einfach notwendig für uns, um zu überleben."
Ob sie nach all den Jahren auf der Erde etwas von den Menschen gelernt hätten? Wie aus der Pistole geschossen antwortet Birdstuff: "Von den Menschen haben wir definitiv den Hang zu billiger Popkultur gelernt", und fügt an: "Ja, ja, von den Menschen haben wir viel gelernt. Dennoch: Unter all den Bands sind wir nach wie vor eine fremde Zellen am Planeten Erde. Viele Bands messen ihren Erfolg an den Verkaufszahlen ihrer Platten oder der Größe ihrer Shows. Unser einziger Grad der Erfolgsmessung ist, ob wir es von diesen Planeten wieder weg schaffen - oder nicht." Was die Zukunft für Man Or Astroman? bringen wird, definiert Birdstuff einigermaßen klar. Man werde alle Forschungsprojekte – insbesondere "A Spectrum of Infinite Scale" – fortführen, weiterhin sich selbst und die Erdbewohner studieren - und hoffentlich auch unterhalten. Gut so.

"A Spectrum of Infinite Scale” erscheint auf Epitaph / edel records.