: radical chic 2000 : radikaler chic für die nächste generation: die impulse der amerikanischen popkultur kommen heute von rechts

text: andrian kreye

Auf ihrer neuen Single "Music" singt Madonna: "Musik bringt die Burgeoisie und den Rebellen zusammen." Damit formuliert sie ein Grundbedürfnis der Popkultur: die Sehnsucht der mittelständischen Jugend, ihrem Leben in der Rebellion einen Sinn zu geben. Nun hat Madonna im Laufe ihrer Karriere noch keine einzige eigene Idee gehabt. Sie versteht sich vielmehr auf geniale Weise darauf, aktuelle Zeitströmungen auf den Punkt und in die Top 10 zu bringen, und sich dabei jedesmal neu zu erfinden. Dieses Gespür drückt sie weniger durch ihre Musik aus, als durch das Gesamtkonzept ihres jeweilig aktuellen Albums. Auch das Image zu ihrer neuen CD "Music" ist in erster Linie die Bestätigung für eine popkulturelle Entwicklung, die sich schon länger anbahnt – im Pop kommen die Impulse seit einiger Zeit von rechts.

Längst gibt es dort genau so viele Schattierungen und Facetten, wie bei denen, die sich selber zu den Linken und den "liberals" zählen. Auf dem Cover und den Fotos des Begleitheftchens posiert Madonna zum Beispiel in trotziger Pose als blondes Cowgirl. Das Logo zum Album ist eine nur geringfügige Abwandlung des Signets der PRCA, der Professional Rodeo Cowboys Association. Damit bedient sie sich der Ikone jenes Rebellen, der für die rechtschaffene, ehrliche Seite der amerikanischen Rechten steht. Der Cowboy vereint sämtliche Tugenden in sich, auf die amerikanische Konservative und Rechte so stolz sind. Vor allem die Fähigkeit, sich die Natur untertan zu machen, was auf dem amerikanischen Land an jedem Sommerwochenende im Ritual des Rodeos zelebriert wird.
Madonna hat mit ihrem Cowboy Chic hervorragendes Gespür bewiesen. Country, der Urvater des rechten Pop, steht in den USA wieder hoch im Kurs. Willie Nelson, Emmylou Harris und Leann Rhymes müssen keine musikalischen Kompromisse mehr eingehen, um ein breites Publikum anzusprechen. Johnny Cash, Kultfigur der rechten Outlaw-Rebels, feiert ein grandioses Comeback. Für seine Restrospektive "Love, God, Murder" schrieben ihm Bono von U2 und Hipster-Regisseur Quentin Tarantino Begleittexte.

Es gibt auch längst einen eigenen Fernsehsender für Country - TNN. Auf Nashvilles eigenem MTV, sind die bestimmenden Themen der Songtexte und Videos zerbrochene Ehen, prügelnde Ehemänner, Schuldenberge und böse Banker, die rechtschaffene Farmer enteignen wollen, und die Countrystars präsentieren sich als wackere Rebellen gegen das Unrecht und die Schicksalsschläge. Über Countrymusik wird man auch die Ursprünge der rechten Subkultur finden. Denn die Wurzeln der rechten und rechtsradikalen Basis liegen in der Farmkrise der 70er und 80er Jahre. Aus der Frustration der Farmer und Rancher, die im neuen Kapitalismus pleite und untergingen, entstanden jene Gruppen, die seit Ende der 80er Jahre einen ureigenen amerikanischen Rechtsradikalismus vertreten. Die Militias, die New Patriots und die christlichen Fundamentalisten. Untersucht man den rechten politischen Untergrund in den USA mit unideologischer Nüchternheit, so wird man schnell auf sämtliche Argumente stoßen, die bis vor kurzem noch von der Linken vertreten wurden: Den Kampf gegen die Macht des Geldes, der Industrie und Banken. Ein ausgeprägtes Unrechtsbewußtsein. Die Sehnsucht, aus der Gesellschaft auszusteigen. Eine schwelende Wut auf das Establishment. Den Geist der Rebellion. Für die Linke ist es nicht ganz einfach einzusehen, dass ihre ureigensten Domänen Subkultur, Protest und Subversion von der Rechten übernommen wurden. Das ist für die 68er so schwer zu verstehen, weil sie ihre eigene Entwicklung negieren. Ausgerechnet jene Generation die sich so erfolgreich aufgemacht hatte, das Establishment zu bekämpfen, ist schließlich heute selbst das Establishment. Doch mit dem Paradigmenwechsel der 90er Jahre hat sich aber auch das Paradigma der Subkultur gewendet.
Wie bei allen Entwicklungen des Pop begann auch der rechte Radical Chic des Jahres 2000 in der schwarzen Kultur. Selbst wenn die weiße Linke die Subkulturen des schwarzen Amerika für sich beanspruchten - die schwarzen Popkulturen der letzten 15 Jahr standen für rechte bis rechtsradikale Werte: Rakim predigte Mitte der 80er Jahre das Elitedenken der schwarzen Moslemsekte der "Five Percenters". Public Enemy propagierten Ende der 80er Jahre Separatismus und Rassismus, gestalteten ihre Auftritte mit der Disziplin und Militanz von Wehrübungen. Gangsta Rapper wie Ice-T und die Stars von N.W.A. pflegen seit Anfang der 90er Jahre den Nihilismus und schwelgten in sozialdarwinistischen Sex- und Gewaltfantasien. Der Dancehall Reggae von jamaikanischen Toastern wie Buju Banton brachte zur gleichen Zeit einen christlichen Fundamentalismus in die Popmusik, der bis zum Aufruf ging, nicht nur Schwule, sondern auch deren Mütter zu töten. Linke Rapgruppen haben es dagegen (bis auf die Fugees und Tupak Shakur) nur selten geschafft, sich beim breiten Publikum durchzusetzen. KRS One, Arrested Development und The Disposable Heroes of Hiphoprisy mußten sich mit kleinen Erfolgen bei der schwarzen Intelligentsia und im College Radio bescheiden.

Wie selbstverständlich der amerikanische Pop heute mit rechten Versatzstücken spielt, bewiesen die Dandy Warhols vor kurzem bei ihrem Auftritt im New Yorker Irving Plaza. Das Quintett aus der zur Zeit hipsten Stadt Amerikas Portland, Oregon, befindet sich mit seinem dritten Album "13 Tales of Urban Bohemia" seit diesem Sommer auf dem Weg zum Durchbruch. Mit der Mischung aus Psychedelik, Proletenrock und Country treffen sie nicht nur den aktuellen Geschmack der Indie-Szene, sie lösen auch endgültig die Grenzen zwischen linken Symbolen und rechten Inhalten auf. So zierte das Tournee-T-Shirt der Dandy Warhols ein Signet, das zwei gekreuzte Flaggen zeigt. Die eine – die Rennflagge mit dem Schachbrettmuster - symbolisiert den Proletensport des Stock Car Racing, die amerikanischen Antwort auf die überzüchtete Formel 1. Die andere - die Confederate Flag der Südstaaten - steht für die alten Werte des reaktionären Südens, für den Rassismus und den hierarchischen Gesellschaftsaufbau von Old Dixie.
Kid Rock - in den USA mindestens so bekannt und erfolgreich wie Eminem und ebenfalls ein weißer Rapper aus Detroit - geht noch einige Schritte weiter. Er vereint gleich zwei amerikanische Klischees des politisch unkorrekten Outlaws in sich. Das des Pimp, des protzigen Zuhälters. Und das des Trailer Park Trash, des weißen Unterschichtlers, der seinen Traum vom Eigenheim trotz Armut und Depression verwirklicht, indem er in Siedlungen aus stationären Wohnwagen lebt. Dazu spielt er eine Mischung aus Gangsta Rap und Prolo-Rock. Im Video zu seinen letzten Singles suhlt sich Kid Rock in poppiger Political Incorrectness. Er trägt weiße Trägerunterhemden zum Pelzmantel, Brillen mit Goldrahmen und umgibt sich mit willigen Groupies. Sein Sidekick ist ein rappender Zwerg. Und bei seinen Auftritten lädt er regelmäßig die rechte Countrylegende David Allan Coe zu sich auf die Bühne. Der singt schon seit den 70er Jahren dem White Trash mit Songs über Lastwagenfahrer und Frauenhasser aus der Seele. Und auch wenn es Coes Hits wie "Move `Em Niggers North", "Nigger Hating Me" und "Nigger Fucker" offiziell nicht auf CD zu kaufen gibt, so weiß doch jeder seiner Fans, dass er kompromißlos für den politisch unkorrekten Untergrund des weißen Amerikas einsteht.

David Allan Coe überschreitet die Grenze vom Rebell zum Extremisten. Der Rebell formuliert Wut und berechtigte Forderungen. Der Extremist steht für Haß, Destruktion und Nihilismus. Doch Pop kümmert sich nicht um Inhalte. Pop lebt von Stimmungen, Symbolen, vor allem aber von der frischen Energie des Untergrunds. Es bleibt abzuwarten, ob Pop sich ganz nach rechts wagen wird. Tief im rechtsextremistischen Untergrund schlummert ein massives Potential an Energie, die von blankem Haß, Rassismus und Zerstörungswut gespeist wird. Außer David Allan Coe in den USA gibt es noch keinen bekannten Fall eines Rechtsextremisten, der den Sprung in den Pop geschafft hätte. Doch das Potential ist nicht zu unterschätzen. Amerikanische White Power Bands wie Bound For Glory und die Bullyboys, britische Skinbands wie Brutal Attack und Celtic Warrior, deutsche Nazigruppen wie Landser und Kraftschlag produzieren professionelle und teilweise wirklich "gute" Musik, die durch ihre Energie und ihre subversive Aura eine magnetische Wirkung auf junge Zuhörer hat. Beim Napster-Chat ( www.napster.com ) meldet sich ein 15jähriger Landser-Fan aus einem Dorf bei Kiel. Er weiß nicht einmal, dass München im ehemaligen Westdeutschland liegt, und schnell stellt sich heraus, dass er weder Skinhead noch rechtsradikal ist. Die rohe Kraft und das Verbotene ziehen ihn an. Er sympathisiert mit den Skinheads, die in seiner Gegend die von den Erwachsenen gescholtenen Außenseiter sind. Der ganz reale Haß, den die Bands und Skins transportieren bedeutet für ihn nicht mehr als eine unreflektierte Pop-Attitüde. Doch die wird einen 15jährigen prägen, auch wenn er irgendwann erwachsen wird.