: deutsche raus! :
: oder wer sich selbst keinen container leisten kann :

text: bernhard schmidt

"This is just a symbolic Sachertorte, looking nice as Austrians do"
(Benita Ferrero-Waldner)

Es fällt nicht leicht, die Dokumentation über Christoph Schlingensiefs 'Ausländer Raus – Bitte liebt Österreich‘-Action getrennt von dem im Juni stattgefundenen Meinungsbildungs-Event zu betrachten/rezensieren. Schon deshalb, weil das Büchlein – im klassisch seriösen Suhrkamp-Wissenschaftscover – keine resümierende oder distanzierte Nachlese darstellt, sondern schlüssig an das Straßenprojekt anschließt. Das soll nicht heißen, dass Schlingensief auch hier vorgibt, was zu tun-lassen-lesen ist. Thematisch-chronologisch geordnet von Matthias Lilienthal und Claus Philipp geben die Essays namhafter Journalisten, Autoren, Philosophen etc. wieder, was vor der Oper war, was nun im Kopf ist, und was in der Gesellschaft davon bleiben wird. Einzig die blauschwarzen bekamen keine Gelegenheit sich zu revanchieren; die in Buchstaben zementierte Brutalität in Gemütlichkeit – Neue Kronen Zeitung (”Josef Bierbichler) auch nicht. Wozu auch, bekunden die dem Buch ergänzend beigefügten Artikel von Cato, Kalina und Co. sowie die Veröffentlichung der freiheitlichen Pressestelle ohnedies kein Interesse an, an... an was eigentlich? Verstand?

Arschloch für eine Woche!

10 Jahre Reden, Hetze und Handeln der Freiheitlichen und deren ideologischen Handlangern auf eine Woche zusammengefasst, auf eine Person zugeschnitten: Christoph Schlingensief wollte für eine Woche Österreichs Arschloch Nummer eins sein. Das heißt: Unter Anspielung auf das "Big Brother"-Szenario insgesamt 12 Asylwerber in einen Container auf dem Karajan-Platz für eine Woche eingesperrt; FPÖ-Fahnen; Eine Lagerzeitung im Sinn und Stil der Kronen Zeitung; Haider-Reden vom Band; Eine Tedumfrage zu Abschiebung der Asylanten; Webcams;
Schlingensief: "Ich nehme Haider-Sätze und spiele sie einmal durch. Das war die Grundidee der Container: Wir spielen Haider durch. Ich bin FPÖ und ich bin ÖVP. Wenn jemand will, bin ich auch gern rechts- oder linksradikal." Dieser Spiegel war jedoch von beiden Seiten undurchsichtig. Er warf nicht nur den FPÖ-Wählern und –Funktionären die von ihnen erhoffte Wirklichkeit zurück, sondern reflektierte genauso den Protest der anderen Seite, die mit dieser Wirklichkeit nichts zu tun haben wollen – oft als hilfloses Gewinsel.

Was besseres kommt nicht

Mark Siemons zitiert, versinkt der landesweite Widerstand (man denke an die Donnerstagswanderungen), ob seiner Erwartbarkeit, in Wirkungs- und Bedeutungslosigkeit. Es muss demzufolge eine Form des Protestes gefunden werden, auf die Haider und Co. nicht von vornherein eine Antwort haben; man muss ertappen und darstellen. Eine Möglichkeit ist die Selbstprovokation, so Siemons weiter. Also nicht bloßes Provozieren, das ja als Mittel der Kunst – ähnlich wie Kritik und Ironie – anerkannt ist, sondern die absolute Loslösung von Standpunkten, Schulterschlüssen und Solidaritäten. In dem Schlingensief selbst nicht weiß wo er steht, kein Ziel hat und nicht weiß, wie man dieses erreichen sollte, kann die absolute Orientierungslosigkeit gelingen. Und diese ist unerlässich, um sich endlich von den Klischees der Gutmenschen und Faschos, Linken und Rechten, Nestbeschmutzern und 'Ewiggestrigen‘ zu entfernen. Keiner der beiden Verbrüderungen darf es gestattet sein, ungeschoren aus dieser Neupolitisierung hervorzugehen – weiter noch, es darf gar keine Verbrüderung geben. Durch das Aufstellen moralischer Zwickmühlen kann es nicht gelingen, früher gefasste, scheinbar unverrückbare soziale Argumente eins zu eins zur Anwendung zu bringen. Jeder Schritt, der während einer solchen Aktion vom Provokateur und vom Publikum gesetzt wird, muss in Echtzeit, neu und ungetestet erdacht werden.
Wenn also Ernest Windbolz meinte, dass seine Ehre Treue heißt und sich dafür vor Gericht nicht verantworten wollte, musste die Ausrede erst gefunden werden, mit der Schlingensief für genau das gleiche Zitat geahndet werden sollte. Auf der anderen Seite konnten sich die Donnerstagsdemonstranten beim besten Willen keines guten Gewissens sicher sein, als sie symbolisch den Container stürmten und die FPÖ-Fahnen kappten, als wäre mit diesen Fahnen auch der Alltagsfaschismus in Österreich gebannt. Im Gegenteil haben sie der Partei der kleinen Leute, die endlich wieder Nazis sein wollen, die Arbeit abgenommen, sich selbst zu demontieren und ihnen gar die Größe der demokratischen Toleranz gegeben. (Georg Sesslen)
Allein die Frage, ob man mit dem gewaltsamen Entfernen des 'Ausländer Raus‘-Transparentes (das übrigens ans New Yorker Museum of Modern Art verkauft wurde) die Freiheit der Kunst gefährdet, oder sich gegen die Freiheit des Menschen äußert, in dem man das Schild einfach hängen lässt, ist Beispiel genug für die plötzliche Leere, die entstand.

Sicher, verhindert oder vielleicht sogar verbessert wurde durch dieses kleine Spiel mit Meinungen und Antworten nichts. Aufgezeigt wurde einiges, sicher mehr, als bei den meisten der Demos. Schlussfolgerung: Was besseres kommt nicht. Wer also im Wohnzimmer nicht genug Platz hat, um einen Baucontainer unter den Weihnachtsbaum zu pressen, der Schenke zumindest dieses Buch.