: station rose : life after history oder: "File Heil!"

text: lou pretterebner

Unsere Welt ist eine dynamische Datenlandschaft. Das ist unsere neue Umwelt. Ob wir es wollen oder nicht. Trotzdem bedingt dieses Alltags-Know-How nicht automatisch ein rein hedonistisches Technologie-Verständnis. Um das klarzustellen, unterbrechen "Station Rose" ihre technoverliebten Webcastings immer wieder durch "Nature Is Cool"-Livestreams: Unspektakuläre Ambient-Sounds, Kameraeinstellung auf eine Pflanze, der Künstler, Kamerakind und DJ als Gärtner.

Form tritt hinter Funktion, denn es geht um Geschwindigkeit. Konkreter: "Die Geschwindigkeit der Bilder versus hochauflösendes Design". Speed counts. Geschwindigkeit, die im Idealfall in Echtzeit mündet. Und: Das Zeitverständnis, das dem Wesen des Cyberspace am ehesten entspricht, ist das der Ewigkeit.
So läßt sich eines der Kapitel aus "private://public." zusammenfassen. Dabei handelt es sich jedoch um kein Werk dubioser Cyberspiritualisten, sondern um eine Dokumentation des Schaffens des Wiener/Frankfurter Netzkünstler-Duos Elisa Rose und Gary Danner, gemeinsam also known as "Station Rose". "Inverse Publishing" nennen die beiden diesen vermeintlichen Anachronismus, Netz- und vor allem Realtime-Kunst gedruckt und in Buchform zu dokumentieren.

Seit mehr als zwei Jahren sendet Station Rose unter www.stationrose.com zweimal pro Woche Webcasts, Echtzeitübertragungen von Diskussionsrunden und Live-Musik. Gleichberechtigt nebeneinander. Nur: Wenn ein Webcast nicht archiviert wird, nicht in ein File umgewandelt wird, ist er nach der Sendung im Cyberspace verschwunden. File Heil! Das Buch also als Rettung vor der ersehnten Unsterblichkeit, äh... ...Ewigkeit. Beißt sich da die Katze in den Schwanz? Na, egal. Sich den Luxus zu gönnen, die einhundertste Sendung in Echtzeit im Cyberspace verglühen zu lassen, keine Files also, das klingt nach pubertärem Trotz. Krampfhafte Coolness, aber letztlich eben doch Coolness. Der Kult um den Kult kreiert. Im Netz wie im Real Life...

Fest steht, daß Rose und Danner seit ihrem gemeinsamen Abgang von der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst (1988) beharrlich ihren Weg gehen. Kommerziellen Maßstäben entsprechend erledig(t)en Station Rose Multimedia-Pionierarbeit. Das Spannende an der Vergangenheit des Duos und somit an dessen Dokumentation: Station Rose und ihre Gesprächspartner haben als wirkliche Pioniere die Kommerzialisierung des Internet in all seinen Phasen miterlebt. Noch spannender: All das wurde und wird ständig kritisch hinterfragt, medientheoretisch nach popkulturellen Maßstäben analysiert. Gut, daß es Files gibt. Schade, daß vieles nur angerissen und angedacht wurde. Aber immerhin ein Anfang.

Selber haben Station Rose ein etwas eigentümliches Selbstverständnis. Irgendwo zwischen "reif fürs Goethe-Institut" und Partymassen orten sie sich in einem Dialog. Ganz treffend formuliert. Diskutiert und angedacht werden von diesem Standpunkt aus Themen wie Club Culture, Flyer-Ästhetik, Netzkunst, Raves, Exhibitionismus und Voyeurismus, Napster, alternative Zahlungssysteme, Echtzeit-Streaming als "Doku-Soap eines Lebens" und vieles andere mehr.

"Webcasting ist (noch) klein und trashig..." steht irgendwo einmal ganz fett gedruckt. Eine Andeutung. Eine Prognose. Drei Punkterl. Künstlerisch gesehen ist "private://public." zwar bereits ein zeitgeschichtliches Dokument, für den Net-Mainstream bleibt es aber vermutlich nach wie vor zukunftsrelevant.

Station Rose: "private://public. Gespräche im Cyberspace" Edition Selene, Wien 2000 (Bestellen: selene@t0.or.at) ca. ÖS 198,- (DM 27,-)


: related links :

www.stationrose.com