: aphex twin : auf john cages spuren

text: ernest meyer

Nach Jahren der Abstinenz kann Richard D James seine Finger nicht mehr unter Kontrolle halten und dreht einmal mehr an den Knöpfen. So bombastisch, wie es das Box-Set rein äußerlich verheißt, ist das neue Werk aber vielleicht doch nicht.

Titel: Drukqs Interpret. Aphex Twin. Label: WARP Format: 4 X 180 Gram heavy vinyl in 12" X 17" BOX-SET.

Schon seit längerem beobachten Freunde der zeitgenössischen elektronischen Musik einen rasant um sich greifenden Trend: Das gute alte Klavier hält wieder Einzug in experimentelle Studio-Bereiche. Egal, ob bei Adam Butler alias Vert (auf Sonig), oder zahlreichen Proponenten der deutschen Elektronik-Szene (etwa Arovane).

Es war also absehbar, daß auch einer der größeren Fische diese Idee aufgreifen würde. Daß es ausgerechnet Mr Aphex Twin höchstpersönlich ist, überrascht sogar den erfahrenen Rezensenten. Seit 1995, als das letzte reguläre Studioalbum erschien (Richard. D. James Album), sind viele Jahre übers Land gezogen.. Jahre, die notwendig sind, das störrische Instrument "Klavier" soweit zu erlernen, daß man simple zusammenhängende Melodien darauf spielen kann. Das mit der Pentatonik ist ja nur deswegen so beliebt, weil es einfach ist, man braucht nur auf den schwarzen Tasten zu spielen, schon enstehen fröhliche pentatonische Konstrukte, die man in jedem noch so primitiven Sequenzer nach Lust und Laune transponieren kann.

Zugegeben, die Idee mit dem präpartierten Klavier ist nicht neu, siehe John Cages "Sonata for prepaired Piano" aus dem Jahre 1951. Man klemmt Papier oder Radiergummis zwischen die Saiten des Instruments, verwandelt es noch stärker in ein percussives Instrument, als es von Natur aus ist.

Ab Track 2 setzen urplötzlich und ohne Vorwarnung eckigste hektischer Squarepusher Drum & Bass - Artefakte als rhythmische Unterlegung ein und stellen den routinierten Aphex-Kenner vor ein schweres Problem: Warum diese Hektik? Wäre es nicht möglich gewesen, wie zu Zeiten der "Selected Ambient Works II" etwas beschaulicheres dazuzuzimmern?

Etwas später wird’s wiederum experimentell, aber auch hier klingt es so sehr nach Squarepusher, daß man fast das Cover in die Hand nehmen möchte um nachzusehen, wer hier die Gastmusiker waren (so vorhanden).

Dieses Unterfangen erweist sich als unerwartet schwierig denn: Das 4 X Vinyl Box Set ist riesengroß, überdimensioniert und paßt beim besten Willen in kein Plattenregal. Wozu man eine Riesenbox anfertigen läßt, in der dann außer Füllmaterial, damit die Scheiben nicht hin und her rutschen, nur die Platten selbst enthalten sind, sei dahingestellt. Kein Booklet, kein Bagde, ja nicht einmal ein Aufkleber fallen aus der Riesenhülle, wenn man sie vor lauter Verzweiflung umdreht und schüttelt.

Niemand hätte erwartet, daß man vielleicht ein paar Fotos (z.B.: Beatles: Weißes Album) beigelegt hätte, aber irgendwas kreatives oder witziges, ein augenzwinkernes Gimmick wäre bitter nötig gewesen um den horrenden Kaufpreis zu rechtfertigen. Naja, wenigstens kommt alles zusammen so an die 100 Minuten Laufzeit.

Eine Doppel CD tuts also im diesem Fall auch, diese verfügt übrigens ebenfalls über kein Booklet, Credits oder erhellende Erläuterungen sucht man also auf beiden Tonträgern völlig vergebens. Ärgerlich.

Noch etwas. Selbst berücksichtigend die Tatsache, daß der Ölpreis zur Zeit am Boden ist, erscheint es als besonders unökonomisch, ein Doppelalbum auf 4 schwarze Scheiben zu stretchen. Denn genau das ist passiert, die ersten beiden Teile (Seiten A-D) gehören noch dazu auf 45rpm abgespielt, Seiten E-H geben sich mit 33rpm zufrieden, man muß WARP wirklich dankbar sein, daß die Umdrehungzsahlen wenigstens auf das Label gedruckt wurden, was heutzutage in keiner Weise mehr der Norm entspricht. Ein Doppelalbum (4 X 25min) wäre technisch also durchaus möglich gewesen, hätte auch gereicht, bestenfalls vielleicht ein "Triple", aber ein "Quadrupel" scheint auch gemessen am Inhalt doch etwas übertrieben!

Vilelleicht soll das Ganze auch mehr erscheinen, als es in Wirklichkeit ist? Unnötig zu betonen, daß die Pressqualität exzellent ist, so sind auch die Kompositionen und tonalen Einlagen Richard D James noch immer genauso furios wie früher, vielleicht manchmal etwas zu squrepusher-alike, aber im großen und Ganzen ist es ein sehr dichtes Album voller guter Ideen, interessanter Effekte und wirklich packenden Killer-Grooves.

Gerüchte wollen wissen, daß das neue Album ja nur deshalb entstanden ist, weil Richard seinen mit 280 Eigenkompositionen beladenen MP3 Player im Flugzeug vergessen hatte. Also habe er mit dem Lizensieren von 30 Songs dem illegalen Vertreiben via Internet vorbeugen wollen. Was natürlich so oder so Blödsinn ist. Der Humor ist ihm also nicht abhanden gekommen, davon zeugt auch das Geburtstagsständchen, welches ihm seine Eltern kurzerhand auf den Anrufbeantworter sangen - auf Drukqs natürlich bis zur monströsen Unkenntlichkeit verzerrt.

Empfohlen allen Vinyl-Fetischisten und Cut-Up Süchtigen, es sei aber auch auf das reichhaltige Backorder-Angebot verwiesen, "Selected Ambient Works" oder "I Care because you do" als Reinhörtips für Neugierig gewordene.

: related link :

www.warprecords.com