: paul james berry : 'kompromisslosigkeit ohne system' oder
: 'image is nothing'

text: michael bela kurz

Es lief schon ganz gut mit "The Rose of Avalanche". Doch er weigerte sich, musikalische Konzessionen zu machen, verließ im weiteren Verlauf die Band, um nochmal da capo zu beginnen, auch wenn das zu bedeuten hatte, dass er unter anderem Nebenjobs der übelsten Sorte annehmen musste. Aber eigentlich hat ja alles auch sein Gutes, im Nachhinein betrachtet.

Wer den Namen Paul James Berry noch nie zuvor gehört hat, braucht sich dessen im Grunde genommen nicht zu schämen. Dabei war der kleine hagere Mann mit runder Brille und Pullmannkappe vor knapp einer Dekade schon ganz gut im Geschäft. Mit "The Rose of Avalanche" - jetzt erinnert man sich so dunkel, nicht? Die Gothic-Band aus Yorkshire hatte damals einen durchaus guten Ruf nicht nur in der Leedser Szene, in der auch andere Gruftikombos wie Sisters of Mercy oder - im nahen Manchester - Joy Division gediehen. Und Paul James Berry war der Mann an der Gitarre bei ebendiesen "Rose of Avalanche". Doch dann, 1992, kam der große Krach, unter anderem, weil es für Paul nicht vertretbar war, Musik so zu machen, wie es andere - vor allem die Plattenfirmen - gerne vorgeschrieben hätten. Er zog die Konsequenzen.

Uns so ist es bis heute geblieben. Nachdem Paul sich von seinen ROA-Kumpels getrennt hatte, stand er wieder am Anfang, musste vor allem zuerst einmal singen lernen - was er mittlerweile übrigens perfekt draufhat - und außerdem das Geld zusammenkriegen, um sein erstes Soloalbum zu finanzieren. Also machte er jeden Job, den er kriegen konnte, angefangen vom Leichenwagenfahrer über Straßenkehrer (was er nur weiterempfehlen kann, weil man beim Kehren, wie er schwärmt, ungestört Musik hören kann), bis zum Maler und Anstreicher.
Und auch heute, nach Fertigstellung seines 2. Albums beim deutschen Label Supermusic ("Es ist ein kleines neues Label, was den Nachteil hat, dass es finanziell nicht so gut aussieht, wir haben ungefähr 50 Pfund für die nächsten 15 Jahre; Allerdings kann ich dort mit einem guten Freund zusammenarbeiten. Prinzipiell aber mag ich Labels nicht, ich finde sie unglaublich dumm."), würde er lieber wieder Straßen fegen, als Zugeständnisse musikalischer Art zu machen. So wie er noch nie in seinem Leben einen fremden Song öffentlich gesungen hat, weil es für ihn keinen Sinn macht, über, sagen wir mal, "Satisfaction" zu singen.

Klingt alles wie ein zusammengebasteltes Image voller Klischees? Stimmt. Aber wer Berry singen hört, spürt irgendwie, dass es sehr wohl authentisch ist, was er tut. Auch wenn er - ganz nebenbei - zu mir sagt: "Ich könnte dich verarschen und dir irgendwelche Gschichtln erzählen." Aber ich glaube ihm und bin sicher, dass da keinerlei Berechnung mitspielt. Das hat Berry nicht nötig. Er gibt ja auch bereitwillig zu, zu manchen Themen ganz einfach keine Meinung zu haben und seine Ansichten oft zu ändern. Ich frage ihn zum Beispiel nach dem Inhalt eines seiner Songs - ein kritischer, provokanter Text über das Musikbusiness: "Wie ging der schnell nochmal? Ach ja, das war bloß eine Momentaufnahme meines damaligen Lebens." Er nimmt kein Statement zurück, aber manches sieht er heute schon wieder ganz anders.

Oder zu seinem Coverfoto - ein verschwommenes Bild, auf dem Paul kaum zu erkennen ist - , da hat er sich gar nichts dazu gedacht, das hat ihm ganz einfach gefallen. Kein Konzept dahinter und keine Philosophie. Muss ja nicht immer sein.

Paul James Berry lässt sich, obwohl seine Lebensgeschichte seit dem Weihnachtsabend, als er mit 17 seine Familie verließ, wie eine Parabel auf "Wenn du's wirklich willst, dann schaffst du es auch!" anmutet, nicht kategorisieren. Ist er ein Einzelgänger? "Ja sicher, kann schon vorkommen. Aber oft brauche ich auch Menschen um mich." Auch hört man eine gewisse innere Zerrissenheit zwischen Optimismus ("Ich möchte positiv denken. Wir leben in einer privilegierten Welt und können alles machen, was wir wollen") und Am-Boden-zerstört-Sein ("Es ist manchmal schrecklich: Da fährt man tausende Meilen, um - ohnehin gratis - zu singen, und keiner hört zu") in seinen Aussagen. Doch im Grunde genommen weiß man, dass er es nicht wirklich ernst meint, wenn er meint, dass das Leben bei der Müllabfuhr doch sehr angenehm war und er sich manchmal überlegt, warum er nicht dabei geblieben ist. Denn "Ginnel", das neue Album, ist nur ein weiteres Stück auf der Suche nach etwas, wovon er selbst noch nicht weiß, was es ist.

Und genauso schwer zu fassen und vielschichtig ist auch die Musik. Sehr persönliche Songs mit Texten, die zu 99% aus seiner eigenen Erfahrung stammen ("Es tut weh, über mich selbst zu schreiben. Trotzdem tue ich es"), dazu Berrys tiefe Stimme, vergleichbar mit Jim Morrison, Cohen oder Cave, überzeugend und emotional gesungen und sensibel arrangiert. Ob es für ihn schwierig ist, seine Gefühle zu zeigen? "Oh nein, es ist viel zu einfach! Schon beim schlechtesten Film muss ich sofort weinen." Und so kann es auch vorkommen, dass er beim Konzert, völlig enthusiasmiert, vergisst, wie's weitergeht. Oder dass er wie wild geworden rumhüpft. So geschehen und gesehen in der Szene als Support von 22 Pistepirkko ("Wie heißen die eigentlich genau?") und damit viel intereressanter und origineller als der Hauptact an sich. Nur zu dritt auf der Bühne ("Ein Orchester geht sich in unserem Tourbus leider nicht aus") - ein sensationeller Schlagzeuger, der mehr wie ein englischer Pubbesitzer als ein französischer Musiker aussieht, und ein junger Bassist/Keyboarder, der genauso wie ein französischer Musiker aussieht. Und Berry, dem man anmerkt, wie lange und oft er schon auf der Bühne gestanden ist, und dass er es versteht, ein fremdes, teilweise misstrauisches Publikum auf seine Seite zu ziehen.

Was bleibt zu sagen? Paul Berry ist kein Prophet und kein Prediger. Er hat keine Antworten oder Ratschläge für uns (außer vielleicht, dass Tagebuch schreiben sehr nützlich ist). Er will uns auch gar keine Tipps geben, wo er doch selbst noch auf der Suche ist. Wollen wir hoffen, dass Berry noch lange nicht das findet, wonach er sucht. Denn sonst könnte es ja sein, sagt er, dass er sich in die Berge zurückzieht, aufhört, Musik zu machen und nur mehr Yoga praktiziert. Und das wär wirklich schade.