: björk : es lebe der widerspruch

text: michael lachsteiner

Omnipräsente Mutter der nächsten Pop-Revolution oder nur Madonna für Fortgeschrittene? Es lebe der Widerspruch. Oder eben doch nicht.

Björk Gudmundsdottir als Künstlerin und Medienfigur gilt als eines der exponierteren Beispiele in der Popmusik für die Love It Or Leave It - Tradition. Kaum jemand hat keine Meinung zu Björk - man liebt sie oder man haßt sie. Und beides meist mit einigem Eifer. Alleine die Suchroutine im Netz via Google.com bringt über 20.000 Websites weltweit zu Tage, die sich in irgendeiner Form mit dem isländischen Superstar beschäftigen - und nicht alle tun das in freundlicher Weise. Immer wieder tauchen "Björk-Hate-Pages" im Netz auf, denen allerdings von Björk-begeisterten Hackern in Windeseile der digitale Garaus gemacht wird. Doch verhält es sich bei Björk ein wenig anders als bei gewöhnlichen "Magst du Celine Dion/Michael Jackson/Madonna oder nicht?"- Fragen. Einfache Punkte wie Exaltiertheit, Sirenentum und Kindchenschema sind auch hier Grund für Haß und Liebe gleichermaßen. Und das scheinbar eher instinktiv als berechnend eingesetzte Talent, ihre Musik stets in mehrere musikalische Lager gleichzeitig zu setzen, sorgt natürlich auch für verstärkte Kontroverse. Schon allein die Kombination aus MTV-Darling und Avantgarde-Liebling verursacht zumindest Stirnrunzeln - Bei der Oscar-Verleihung auftreten und gleichzeitig die Hauptrolle in einem Lars van Trier-Film übernehmen? Wie geht das zusammen? Makellose Pop-Alben produzieren, mit Leuten wie Howie B., Mark Bell, Jah Wobble, Eumir Deodato und Anderen ähnlich Verdächtigen? - Ein Widerspruch in sich? Matmos, die Band, für deren aktuelles Album "A Chance To Cut Is A Chance To Cure" als einzige Sound- und Sampling-Qelle die Geräusche einer Fettabsauge-Operation herangezogen wurden und momentan als brandheiße Angelegenheit der Clicks’n’Cuts-Community gehandelt werden, haben auf Björk’s neuem Album "Vespertine" an einem Track mitgearbeitet und sagen über sie: "Es macht viel Spaß, mit ihr zu arbeiten. Sie gibt ständig Anweisungen wie: "Könnte das nicht durchsichtiger sein?" oder "Könnten die Becken wie Pflanzen klingen?" Sie wollte einen eisigen Rhythmus, also zerbrachen wir Eiswürfel und machten Beats daraus. Einen anderen Rhythmus-Track bastelten wir, indem wir Poker spielten. Das Geräusch der Karten ergab den Rhythmus." Die Verspieltheit, die Björk seit Anbeginn ihrer Karriere vor sich her trägt, scheint also - wenn man Drew Daniel und MC Schmidt glauben darf - kein reiner Mythos zu sein und würde auch einige der Widersprüche erklären. Schließlich ist es einem spielenden Kind egal, ob Zinnsoldaten in den Puppenwagen passen oder nicht. Beim Spiel ist alles möglich und aus der Filzmaus wird ein Ungeheuer. Imagination zählt.

Matmos sind daher auch nicht die einzigen ungewöhnlichen Klangfabrikanten, die auf "Vespertine" mitwirken: Neben dem grenzgenialen House-Menschen Matthew Herbert, Thomas Knak alias Opiate, Console, Bogdan Raczynski (von Aphex Twin’s Rephlex-Label) ist Filmemacher Harmony Korine als Ko-Autor des Stücks "Harm Of Will" vertreten und zu guter Letzt wird in der Schlußnummer "Unison" auch noch Oval gesampelt und mit freundlichen Credits überschüttet. Ein munterer Ringelreihen der abstrakten Elektronik also - aber leider im Wortsinn. Denn trotz der hochkarätigen Beteiligung - mag es nun daran liegen, daß Björk beinahe alle Stücke selbst und allein am Laptop komponiert hatte oder die im Gegensatz zur Gastgeberin wesentlich unbekannteren Gäste ob der Mitwirkung an einem Major-Album erstarrten wie das Kaninchen vor der Schlange - bleibt Vespertine hinter den, nicht zuletzt von der Gästeliste geschürten Erwartungen zurück. Nett und beinahe beiläufig knackst, blubbert, klickt und brummelt ein Soundteppich, der mit sicherer Regelmäßigkeit von Eumir Deodatos Streicher-Attacken getränkt wird und oben drauf thront der charakteristische Vortrag der Hauptdarstellerin. Zwar waren selten auf einem eindeutig als Pop-Album platzierten Werk Avantgarde und eben Pop einander so nahe, doch bleiben aber leider die wichtigsten und tragensten Merkmale der bisherigen Arbeiten außen vor - keine großen Songs wie "Army Of Me", "Human Behaviour" oder "I’ve Seen It All" - um nur einige wenige zu nennen - und nichts ist geblieben von der wahnsinnig dichten, getragenen, bezaubernden und Haare-zu-Berge-stehen-lassenden Atmosphäre des 97er-Albums "Homogenic". Björk selbst sagt über "Vespertine", das es ihr so etwas wie ein Tagebuch war, während der Zeit des Komponierens, die schließlich von den Dreharbeiten zu "Dancer In The Dark" und den Aufnahmen des Soundtrack-Albums "Selmasongs" unterbrochen war. Und Tagebuch-Aufzeichnungen bleiben für gewöhnlich auch eher unter Verschluß - schließlich sind solche Aufzeichnungen nicht selten so persönlich, daß keiner Zweiter sie je wirklich verstehen wird. Jedenfalls dürfte es als ziemlich sicher gelten, daß die Sängerin mit den unsäglichsten Nicknames der Musikszene (Eisprinzessin, Island-Elfe, Pop-Sirene, etc) weiterhin ein hoch interessantes Thema bleiben wird - und es ist zu hoffen, daß sie bei ihrem nächsten Werken weniger Innenschau betreiben wird - oder mehr. Der Mittelweg ist eben nicht immer der beste.


: diskografie :

Solo-Alben:
Vespertine (2001)
Selmasongs (2000)
Homogenic (1997)
Telegram (1996)
Post (1995)
The Best Mixes From The Album-Debut For All The People Who Don’t Buy White-Labels (1993)
Debut (1993)
Litli Arabadrengurinn / Björk (1977)

Mit Bands:
Stick Around For Joy - Sugarcubes (1992)
Gling Glo - Björk & Gudmundur Ingólfsson Trio (1990)
Here Today, Tomorrow, Next Week - Sugarcubes (1989)
Life's Too Good - Sugarcubes (1988)
Holidays in Europe / The Naughty Nought - Kukl (1985)
The Eye - Kukl (1984)
Miranda / Grammi - Tappi Tikarrass (1983)
Bitid Fast I Vitid - Tappi Tikarass (1981)

Gastauftritte:
808 State ("Ooops", "Qumart")
Nearly God ("Keep Your Mouth Shut", "Yoga")
Plaid ("Lilith")
Current 93 ("Falling")
Tony Ferrino ("Short Term Affair")


: björk.nutzloses wissen :

  • Björk Gudmundsd¢ttir, geboren am 21 November 1965 in Reykjavik, Island hat 3 Schwestern und 3 Brüder.

  • Das erste Album "Björk - Litli Arabadrengurinn" wurde 1977 aufgenommen und wurde in Island mit Platin ausgezeichnet. Das Album besteht teilweise aus Coverversionen (Beatles, Stevie Wonder, etc) und teilweise aus eigens geschriebenen Stücken - eines davon von Björks’s Stiefvater und eines - ein Flöten-Instrumental - von der damals 12jährigen selbst.

  • Tappi Tíkarrass, der Name von Björks’ erster Band 1982 bedeutet: "Verstopfe das Rektum einer Prostituierten" oder besser (und richtiger) gesagt: "Cork The Bitch’s Ass"

  • 1984 betätigte sich Björk auch als Buchautorin und veröffentlichte "Um Úrnat frá Björk" ("Über Ferien von Björk") in einer Auflage von 100 Stück, alle mit von ihr handgemalten Covers.

  • Während eines TV-Auftritts im isländischen Fernsehen, den Björk hochschwanger bestreitet, erleidet eine alte Dame einen Herzinfarkt und verklagt Björk mit der Begründung, daß es "häßlich sei, schwanger zu sein" - natürlich ohne Erfolg.

  • Ihr Sohn, Sindri Eldon Pórsson wurde 1986 geboren, der Vater und mitterlweile Ex-Mann ist Thór Eldon Jónsson, Bandmitglied der Sugarcubes.

  • Selma in Dancer In The Dark war nicht Björks’ erstes Engagement als Schauspielerin; 1986 spielte sie in dem von den Gebrüdern Grimm inspirierten Film "The Juniper Tree" die gute Hexe Margit.

  • Die Tättowierung am linken Oberarm ist ein über 1000 Jahre altes Runensymbol - ein Kompass, der den Träger nie in die Irre gehen lässt.

  • 1994 sang Björk bei den Brit Awards gemeinsam mit PJ Harvey live eine Cover-Version von "Satisfaction" der Rolling Stones

: björk.websites (auswahl) :

www.sugarcube.net
www.bjork.com