: ferienlager vom sich zum ich : a camp

text: michael bela kurz

Everybody`s Darling zu sein ist nicht leicht, eher anstrengend. Uns schon gar nicht jedermans/fraus Ding. Aber manchen passiert das einfach, ist es gegeben. Nina Persson ist so jemand. Eine Liebeserklürung von Michael Bela Kurz.

Als 1994 das Gerücht die Runde machte, dass eine Candypopfraktion namens The Cardigans die damaligen Teenieheroen Take That von Platz 1 im Kinderliedland Nummer 1 Japan verdrängt hatten, war mal Erstaunen angebracht. Nur wirkliche Insider waren damals schon ihrem Erstling "Emmerdale" erlegen. Auf Importbasis aus schwedischen Gefilden mittels Mundpropaganda. Pur, locker jazzig und mit enormer Frische eingespielt. Am Cover verweilten die fünf Schweden verträumt auf einer saftigen Herbstwiese, hinter Ninas geliebtem Spaniel, der im Vordergrund umhertollte. Das internationale Debut "Life" war die gestraffte und zielgerichtete Version davon. Und eben der Durchbruch. Später sollte der erste Austin Powers Soundtrack auch über dem großen Teich den genialen Teaser "Carnival" lancieren. Doch der große Wurf war auf einem anderen Filmmusiksammelwerk zu finden. Die Single "Lovefool" war für die Plattenfirma schon gelaufen und fand sich in den Abverkaufskisten, als die exzellente "Romeo und Julia" Adaption den Song weltweit mitzog. Doppelte Promotion und Welttournee brachen über die sensible Nina herein, der ebenso erfolgreiche vierte Longplayer "Gran Turismo" laugte noch mehr aus und war schon zu einem ziemlich dunklen Werk geraten. Die Hits täuschten da ein wenig darüber hinweg.
Zu dieser Zeit suchten sich alle Cardigans Seitenprojekte, um ein wenig Abstand zu gewinnen. Nicht ohne Konsequenzen. Titiyo etwa, die gerade dabei ist international durchzubrechen, gibt an, maßgeblich vom Soloprojekt "Paus" von Peter Svensson, Gitarre, Kopf und Ex-Lover Ninas, beeinflusst zu sein. Selbes Studio in Skane bei Malmö (Süden Schwedens). Selber Produzent, der magische Tore Johansson, Hausproduzent der Fünf. Er dürfte mittlerweile ein frühpensionsfahiges Konto haben.
Es besteht jedoch keine Gefahr einer Auflösung des Erfolgsquintetts, die Sologänge hätten eher befreiende Wirkung, wie alle betonen.

Eigene Trübseligkeiten

Aber jetzt kurz nochmals zurück in der Geschichte.
Schon 1997 war Nina der Fama nach mit Niclas Frisk (Atomic Swing) in einer Bar des Nachts zum Schluss gekommen, dass die Gemeinsamkeiten in deren Plattensammlungen um eigene Trübseligkeiten vermehrt werden sollten. Neun Songs waren der Grundstock, 1998 wurden die ersten Sessions auf Band gebannt. Mark Linkous, Kopf von Sparklehorse, ist eigentlich kein Produzent im klassischen Sinn, war aber ausdrücklicher Wunschkandidat der beiden. Sparklehorse machen die kompletteste Musik von überhaupt. Sagt Nina. Und da letztlich alles den Charakter eines Ferienlagers hatte, wurde auch nicht lange über einen Namen nachgedacht. A Camp.

Burn Out im Sturschädel

Erneute Beziehungsprobleme, Burn Out im Zuge der massiven Cardigans-Tätigkeit und der daraus resultierende, komplette Zusammenbruch erforderten allerdings Aufschub.
Nachbearbeitungen wurden zwischenzeitlich getan.
Drei Jahre später: Neue Liebe, neue Haarfarbe, neue Kraft. Und ein trotzig intelligenter Sturschädel wie immer. Im Interview nicht unbedingt zu Antworten gelaunt, fragt sie zurück, was denn Jazz sei, denn sie singe "nur so dahin". Nur um im nächsten Satz Billie Holiday als großen Einfluss zu nennen. Charmant direkt, mit stark intellektuellem Ansatz. Nach dem nächsten Atemzug wieder verbales Versteckspiel. Widerstand kann beliebt machen. Aber man muss sich ja auch nicht wehrlos ergeben. Verweigerung hat Größe wie Verletzlichkeit. Billie Holiday, Janis Joplin, Patti Smith, Kate Bush, Sinead O`Connor, Tori Amos, Suzanne Vega und - ein Atemzug - Nina Persson.

A Camp und nicht Nina Persson. Trotzdem für Dich ein Solodebüt?

Eigentlich... ja schon. (lange Pause) Ich hatte zwar viel Hilfe, aber im Endeffekt ist es trotzdem das, was ich als grobe Vision hatte. Der Rest hat sich ergeben und gefällt mir.

Wie bist du zu Mark Linkous als Produzent gekommen?

Sparklehorse sind genial. Sie gehören zum Besten das ich je gehört habe. Ich habe Mark einfach gefragt und es hat sich alles wie wunderbar ergeben. Wenn's nur immer so gehen würde...!

Melancholie ist wie immer die Grundstimmung...

...Es ist nicht so, da_ ich nichts zu lachen habe, aber wenn ich mal anfange zu singen, kommt das heraus. Und Kylie bin ich halt keine... (lacht)... ich bin ja nicht mal blond.

Einige exzellente Covers sind wieder dabei. Wunderbares wie "The Bluest Eyes in Texas"!

Da war Überhaupt kein Plan dabei. Die haben sich mehr bei den Sessions ergeben. Aber schon aus einem Verlangen heraus.

Du hast viel Country & Western Touch auf "A Camp" einfließen lassen. Eine starke derartige Szene zu Hause?

Nein, gar nicht. Aber Woodstock war schon toll. Den Country als solchen kann ich nicht leiden. Es war mir wichtig, verschiedene Elemente dabei zu haben, aber es soll nie ein "Nina goes to Nashville" geben. Grauslich. Was für ein Gedanke!

Und in einigen anderen Studios aufgenommen, nicht im gewohnten "Tambourine" in Malmö!

Nun. Das hat sich durch die Situation des Herumreisens und die beteiligten Personen ergeben. Es war mühsam, aber es hat Spaß gemacht. Außerdem war es mal was wirklich Anderes und es sollte ja auch nicht "Cardigans" sein. Mit den Lads gibt's nächstes Jahr wieder was.

Abschließend. Du hast mit den Buben immer wieder exzellente Remixes dabei. Solo auch?

Nein. Ich mochte die nie. Die Songs bleiben so und es muss ja nicht immer sein.

www.a-camp.org - das original
www.stockholmrecords.se/inf o.asp?personType=2&personId=120 - labelsite
www.cardigans.com - die offizielle der heimband
www.cardigans.de - gute fansite mit exzellenter linksammlung
www.cardigans.de/acamp.html

A CAMP "A Camp" ist auf Stockholm Records / Universal erschienen.