: clawfinger : das ding

text: niko alm

Wir kennen dieses Phänomen von Sendungen wie "Vera", die es jede Woche locker auf 1.5 Millionen Seherinnen bringt: niemand schaut zu. Niemand, den wir kennen und danach fragen, aber die Kronen Zeitung wird ja auch jeden Tag von 3 Millionrn Österreichern gelesen.

"Clawfinger" haben ausverkaufte Shows und mehr als respektable Plattenverkäufe. Es ist auch kein Zufall, dass sie sich mit den von ihnen hochge-schätzten "Rammstein" einen Produzenten (Jacob Hellner) teilen. Die musikalische Qualität des clawfingerschen Outputs wird - ich glaube, dass kann man getrost sagen - im Allgemeinen eher gering eingeschätzt, was mit ihrem kommerziellem Erfolg natürlich nichts zu tun hat. Clawfinger erfüllen nämlich eine ganz andere Mission: sie helfen uns innerhalb des musikinteressierten Publikums (hier als ganz allgemeiner Begriff) Unterschiede herauszuarbeiten.

Folgende Beispiele helfen diese These verständlich zu machen:

Ein Element dieser Reihe ist falsch:
1)Kante 2) Tocotronic 3) Blumfeld 4) Echt

Ein Element dieser Reihe ist falsch:
1) Rage Against The Machine 2) Clawfinger 3) Beastie Boys 4) System Of A Down

Ein Element dieser Reihe ist falsch:
1) A-ha 2) New Order 3) Human League 4) Bronski Beat

Es gibt Menschen, die diese Aufgaben spielend lösen und solche, die damit Probleme haben. Natürlich ist da auch eine dritte Gruppe, die ganz zurecht meint, dass solche Spielereien nicht zulässig sind, oder einen indifferenten Zugang haben. Solche Leute nennt man Agnostiker.

Angenommen man hat jetzt die Möglichkeit mit so einer Band wie "Clawfinger" ein Interview zu führen. Was fragt man dann? Das gleiche wie beim letzten Mal? Es wäre eine Möglichkeit, denn das neue OEuvre der schwedisch/norwegischen AgitProp-Amateure klingt dem Letzten verdächtigerweise sehr ähnlich, und dem Vorletzten und Vorvorletzten eigentlich auch. Aus der Sicht der Band ist das freilich anders, und Bård scheut sich nicht dieser Behauptung zuzustimmen.

Zak Tella bringt es auf den Punkt: "Wir sind nach wie vor die gleichen Vier!" Wie recht er doch hat! Und trotzdem gelingt es anderen, die immer die gleichen 3, 4 oder 5 sind, manchmal doch so zu klingen als wäre da noch das eine oder andere neue Bandmitglied mehr... oder das eine oder andere alte weniger.

Ich bin sogar geneigt dieser neu gewonnenen Bescheidenheit zu widersprechen und der Band ehrliches Bemühen zu unterstellen, sich ein Stück weiterzuentwickeln. Die lockeren Drum'n'Bass-Rhythmen, die den einen oder anderen Track begleiten, machen sich gar nicht so schlecht und Zak Tells vage Versuche, sich von seinem On-Beat-Stakkato-Rap zu gesungenen Strophen und Refrains zu trauen, sollen gewürdigt werden. Als bizarre Ausnahmeerscheinungen im Ablauf des neuen Albums müssen die 1-2, je nach Speziallimitierung der Edition, vorhandenen Coverversionen bezeichnet werden. "Ultravox"' "Vienna" orientiert sich geradezu erschreckend nah am Original. Da hätte eine Interpretation im üblichen Stil "Clawfinger"s zu einem interessanteren Ergebnis geführt.

Gänzlich als Scherz zu bewerten ist hingegen der Versuch an Jimi Hendrix' "Manic Depression", was allerdings auch von der Band so gesehen wir. Jocke Skog behauptet gar in 2,5 Stunden damit fix und fertig gewesen zu sein. Dass "A Whole Lot Of Nothing" so etwas wie ein Konzept zu Grunde liegt, kann man folglich mit negativem Bescheid abhaken - ausgenommen hiervon das wirklich gelungene Coverartwork.

Zurück zu den Einstiegsfragen: Wie geht man an so ein Interview heran? Ich kenne die Band seit der ersten Platte, habe die Entwicklung verfolgt, beim Release des letzten Albums ein Interview geführt, dass im wesentlichen in einem Aufrollen der Bandhistorie bestanden hat. Das zu wiederholen ist nicht nur ohne Reiz, sondern genauso substanzlos wie die von Vocalist Zak Tell selbst geschriebene Biographie, die ebenso wenige Anhaltspunkte für interessante Fragen liefert. Eine andere Herangehensweise muss her.

Das dachte sich auch die zuständige Promotionabteilung von BMG und organisierte für die Skandinavier eine kleine Sightseeing-Tour durch Wien, die für mich mit drei Runden Riesenrad endete. Für das nötige Ambiente war gesorgt; und ich ziehe für meine Befragung das Thema Politik. "Clawfinger" haben mit "Nigger" ja immerhin versucht sich sozialkritisch zu äußern.

Sollen die USA nun Bomben auf Afghanistan werfen oder nicht? - "No!", schallt es mit unisono entgegen. Das Warum ist leicht erklärt. Gewalt ist doch keine Lösung. "Violence creates more violence." Eine Stehphrase nach der anderen erfüllt den Raum.

Wie soll man ihrer Meinung nach den Vorfällen in NYC begegnen? "Clawfinger" unternehmen keinen Versuch, hier eine Antwort zu finden, stattdessen übt man sich im Bush-Bashing.

Harte Worte fallen: ein "Moron" soll er sein und gewiss hätte er Afghanistan schon dem Erdboden gleich gemacht, wenn er das alleine entscheiden könnte. Ein neues Thema wird probiert: "Warum nimmt Schweden nicht am Euro teil?"

Das breite Spektrum der Erklärungsversuche reicht von: "Was ist Euro?" (Erlend Ottem) bis "Ich bin Norweger. Wir sind nicht in der EU?" (Bård Torstensen). An das Geldwechseln ist man als tourende Band ohnehin gewöhnt. Eine Aufnahme in die EU wurde zwei Mal von der Bevölkerung abgelehnt, werde ich von Bård aufgeklärt. Konsequenterweise adaptiere ich meine Frage auf Norwegen und die EFTA. Mich interessiert vor allem wie die Handelsbeziehungen innerhalb des Bündnisses aussehen, die zweite Europäische Wirtschaftsachse spannt sich ja von Island über Norwegen zur Schweiz und Liechtenstein.

Ein erstaunliches Ergebnis erwartet mich: Bård scheint die kollateralen Segnungen der isländisch-liechtensteiner Handelsbeziehungen völlig unwissend zu konsumieren, denn er kennt die EFTA nicht. Nun auch gut, denn es hindert ihn nicht die Anliegen der Globalisierungsgegner zu verstehen, wenngleich natürlich das Verständnis für gewaltsames Vorgehen derselben fehlt. Ein Lösungsansatz ist schnell gefunden: man sollte den armen Ländern die Schulden erlassen.

Wir plaudern noch ein bisschen über EU-Sanktionen während sich die letzte Riesenradrunde einem erneuten Tiefpunkt nähert, der als Ausstieg in jeder Hinsicht dient und unser Gespräch zu einem natürlichen Ende bringt.

Die Vorgangsweise für das nächste "Clawfinger"-Interview steht jedenfalls fest. Mit einer kleinen Vorbereitungsphase sollten Norwegische und Schwedische Innenpolitik als Themen für einen launigen Nachmittag reichen.

: related links :

www.clawfinger.se