: was es noch nicht gibt, muss man sich erfinden!

text: wolfgang radl

... und wenn deshalb Urkunden gefälscht, Bücher umgeschrieben oder einfach nur bloße Lügen erzählt werden müssen, dann ist doch letztendlich das Ziel dann erreicht, wenn durch das reine Glauben daran eine Reaktion hervorgerufen wird, die beweist, dass deren Grundlage die reinste Wahrheit war. So ungefähr ließe sich das Credo "Baudolinos" umreißen – und das in einer langen Phrase; Umberto Eco, der Gelehrte und Autor meldet sich zurück.

Lange haben seine Lesern warten müssen, doch jetzt ist es endlich soweit. Seit Anfang September liegt die deutschsprachige Version von "Baudolino" in den Bücherregalen – doch nicht lange, denn der "neue" Eco findet reißerischen Absatz bei Lesern aller Alters- und Berufsschichten. Doch was sind die Gründe dafür? Umberto Eco, 1932 im italienischen Alessandria geboren, Wissenschafter, Forscher, Mediävist (Mediävistik = Mittelalterkunde) und Autor zahlreicher Texte macht es dem Leser eigentlich nicht leicht. Denn seine Spezialität liegt nicht in der Durchschlagskraft der Protagonisten, sondern in deren Eloquenz. Denn auch in "Baudolino" wird nach Herzenslust diskutiert und reflektiert, gestritten und hinterfragt, seien es dabei auch Themen wie die Leere oder ob das Weltbild der Form eines Tabernakels entspricht oder nicht.

Umberto Eco wurde vor 20 Jahren mit seinem Roman "Der Name der Rose" weltweit bekannt, eine Nachschrift wie eine Verfilmung (mit Sean Connery und Helmut Qualtinger in seiner letzten Rolle) folgten. Dem Kriminalroman, der in einem mittelalterlichen Kloster spielt, folgte "das Foucaultsche Pendel" (1988), Ecos ausuferndes Werk über einen großen Weltverschwörungsplan. Keine Einstiegslektüre, unverfilmbar und fernab des literarischen Mainstreams. "Die Insel des vorigen Tages" (1994) zeigt in meisterlicher Weise, worum es Ecos Werken eigentlich geht. Grundlagen aller seiner Romane sind historische Fakten, aus denen sich eine fiktive Handlung ergibt. Farblich wird das Weltbild der damaligen Zeit durch die intensive Konversation der Protagonisten über wissenschaftliche Fragen ihrer Zeit. So behandelt Eco das Längengradproblem des 17. Jahrhunderts in der "Insel", Verschwörungstheorien der 1980er im "Pendel" und die Suche nach dem irdischen Paradies in "Baudolino", seinem neuen Werk.

"Baudolino" spielt in der Welt des 12 Jahrhunderts. Kaiser Friedrich Barbarossa, Kreuzzüge, Fehden mit der Kirche, Aberglaube und die Suche nach dem irdischen Paradies sind Schlagworte dieser Zeit. Und Baudolino, der Protagonist, befindet sich mitten unter ihnen. Als kleines Kind aus einem armen italienischen Dorf wird er durch einen Schwindel zu einem engen Vertrauten des großen Kaisers Friedrich Barbarossa. Mit ihm wird er sich auch später in den fernen Osten begeben, um den sagenumwobenen Priester Johannes zu suchen. Baudolino ist ein interessanter Charakter. Er ist ein Lügner, Fälscher und Intrigant – man muss ihn einfach mögen. Denn seine Art, die Wahrheit zurechtzubiegen, folgt einer inneren Überzeugung, die einem zu Herzen gehen muss: Die Menschen wollen an etwas glauben, und das soll ihnen auch ermöglicht werden. So macht "Baudolino" aus der Trinkschüssel seines Vaters den Heiligen Gral, so schreibt er für seinen Freund, den minder talentierten Poeten, lyrische Werke, so fälscht er einen Brief des Priesters Johannes, um Kaiser Barbarossa zu einem weiteren Kreuzzug aufbrechen zu lassen. Seine Handlung? Verwerflich. Die Art und Weise jedoch? Entwaffnend. Nebenbei bietet der Roman Wissenswertes aus dem Mittelalter, Diskurse auf sehr hohem sprachlichen Niveau (auch in der Übersetzung) und amüsante Charakterbeschreibungen. "Baudolino" ist für jeden geeignet, der einen historischen Roman sucht, der wirklich historisch ist und ein Werk, das wie das Leben selbst funktioniert. Denn was "Baudolino" auch passiert an Gutem und Schlechtem: Es geht weiter.