: der mann hinter der maske : fad gadget :

text: ernest meyer

Nachdem viele totgeglaubte Altelektroniker der 1980er fröhliche Auferstehung feiern, allen voran Human League und Depeche Mode, ist es nun an der Zeit einem weiteren Genius aus diesem Umfeld zu huldigen: Frank Tovey alias Fad Gagdet. Und diese Tatsache beschert uns nicht nur Freude, sondern auch gleich den festesten Nostalgiekick des Jahres.

Wer ist eigentlich dieser Fad Gadget , der sich auf seinen früheren Alben auch manchmal als "Man with no name" anführte, dieser Frank Tovey, der in einschlägischen Publikationen immer wieder als Referenz und richtungweisende Kreativquelle des Synthpop herhalten muß und dessen Name ehrfurchtsvoll in einem Atemzug mit The Cure, Siouxie and the Banshees oder Echo and the Bunnymen genannt wird? Fad Gagdet war der erste Künstler, den das 1979 noch gar nicht richtig existierende Mute Label unter Vertrag nahm. Die allererste 7 inch, die auf Mute erschien, war jedoch das unsterbliche "Warm Leatherette" von "The Normal", Gründervater Daniel Miller fungierte damals noch als Musiker, nicht als Produzent.

Man könnte sagen, Fad Gadget ist jemand, dem der große Druchbruch "erspart" blieb. In gewissem Sinne findet sich auch so die Erklärung, wie man es schafft, über die Jahre hinweg unbehelligt konsequent seine eigenen musikalischen Wege zu gehen, ohne Abstriche machen zu müssen.

Seine erste 7 inch, "Back to Nature / The Box", aufgenommen 1979, ist auch heute noch nicht vergessen und wurde damals sofort ein Hit. Fad Gagdet schlug in die dekadent gelangweilten Hedonisten-Clubs Londons ein wie ein Komet. Pulsierende Elektrobeats, seine sonore Stimme, prähsitorisches Sequencing und diese Lyrics!

Frank Tovey, der Multi-Künstler, war schon vieles gewesen, bevor er begann, politische Texte mit düsterem Synthpop zu kombinieren. Er nahm alle möglichen Gelegenheitsjobs wahr, um sich und seine Performance-Ausbildung an der Leeds School of Art über Wasser zu halten. Dieses "schauspielerische" Element wurde auch zum wesentlichen, integralen Bestandteil von "Fad Gagdet". Untrennbar sind mit seinem Namen auch zahlreiche Erinnerungen an exzessive Live-Performances verbunden, die zu Beginn der 1980er den Begriff des Agit-Pop gleich vorwegnahmen. Er verstümmelte sich auf der Bühne selbst, süchtig nach dem Adrenalin, wie er in Interviews zugab, er zappelte und sprang auf der Bühne herum wie ein groteskes Spiegelbild Iggy Pops. Die älteren Semester, die seinerzeit im U4 live dabei waren, werden sich an die Turnübungen erinnern.

Bild mit freundlicher Erlaubnis von laut.de
Fast alle Fad Gadget-Lyrics haben einen Aufhänger. Irgend etwas damals aktuelles, eine Schlagzeile, eine Momentaufnahme, ein close-up. " Back to nature" beschreibt unser aller Existenz in einer Zukunft, in der die Ökologie verloren hat. Künstliche Pflanzen, Sauerstoffabriken etc.

"Rickys Hand" stellt überhaupt eine der seltenen Sternstunden früher Synthpop-Historie dar. Der Beat ist hart, der peitschende Refrain schrill und unbarmherzig und wer Alkohol trinkt, sollte nicht mit dem Auto fahren.

Die Liste der Beispiele ließe sich belieibig fortsetzen: "For whom the bells toll" gemahnt an den Falklandkrieg anno 1983, die "Boys" weit weg von zu Hause, verstrickt in einen Krieg, der nicht der ihre ist. Ein Antikriegslied, eindringlich und, gerückt vor den Hintergrund der jüngsten Ereignisse, aktuell.

Beim neuerlichen Durchhören merkt man: Fad Gadgets Lyrics sind geradezu von erschreckend anhaltender Aktualität. Egal, ob Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Armut oder Krieg, all die bekannten und vertrauten Gespenster unserer vielgerühmten Zivilisation werden in schöngeistigen Lyrics von häufig expressionistischer Emotionalität besungen, hinterfragt und zur Schau gestellt. Die Songs sind nie flach oder plump, im schlimmsten Fall wie z.b. "I discover love" bloß süßlich bis hin an die Kitschgrenze.

Selten wurde die große Depression, das Elend, das das neoliberale Thatcher-England seinerzeit über England brachte, so greifbar wie bei Fad Gadgets Songs (man höre das geniale Konzept-Album "Under the flag"). Falls es jemals eine sozialistische Strömung innerhalb britischer Synthiemusik gab, dann war Fad Gadget deren Begründer.

Erfolglos war Frank Toveys Synthpop-Karriere also nie gewesen , man erinnere sich nur an die gemeinsam mit den Einstürzenden Neubauten eingespielte Mutter aller Gruft-Kultnummern: "Collapsing New People". Trotzdem entschied er sich 1986, musikalisch zu seinen Roots zurückzukehren, die Synthies gegen eine Gitarre einzutauschen, die er zu spielen inzwischen gelernt hatte und ganz auf sein fabelhaftes Talent als Singer/Songwriter zu setzen. Das Ergebnis ist schon seit einigen Jahren seine sauberen bescheidenen Folkballaden, die einmal als klassische Moritaten- , einmal als Arbeiter-Lieder angelegt sind (exzellent z.B. Brigde Street Shuffle 1988). Um diesen Abschluß seiner Schaffensphase würdig zu feiern, erschien 1986 schon die LP: "Frank Tovey: The Fad Gadget Singles" (Mute).

Bild mit freundlicher Erlaubnis von laut.de
Was also unterscheidet das neue "Best of" Album vom alten?: Man findet auf CD1 zunächst einmal exakt dieselben 7inch-Tracks in exakt derselben chronologischen Reihung wie im Jahre 1986, was hier aber wirklich von Interesse ist, sind die ebenfalls enthaltenen 7inch B-Seiten. Hier hat Mute ordentlich in den Archiven gestöbert und zahlreiche Schätze früher elektronischer Musik zurück ans Tageslicht gebracht. Dazu zählen "Handshake" ebenso wie das unvergessene "4M" oder "Make Room". Perlen, die nie auf CD erhältlich waren, ein gutes Kaufargument auch für Vinylsammler, die die kostbaren Originale schonen wollen.

Auf CD 2 findet man passend zu CD 1 die jeweils entsprechenden Maxiversionen. Sauberer kann man eine CD Compilation eigentlich gar nicht anlegen. Ich frage mich, warum das nicht schon längst Standard ist. Und es sind auch wirklich alle wichtigen Maxiversionen enthalten. Der großartige fast vergessene "Berlin Mix" von "Collapsing...", die ganz lange Version von "Love Parasite", hier kommen auch Alison Moyets Backing Vocals besser zur Geltung. "For whom the bells toll III" , überhaupt eine der eindringlichsten Fad Gadget Nummern, ist ein Remix wie aus dem Bilderbuch, gestern wie heute. Daß sich Mute Records auch noch dazu durchgerungen hat, Mkultras Brachial-Schocker "Immobilise" aus dem Jahre 1987 quasi als Zugabe draufzugeben, ist wirklich eine gelungene Überraschung.

Besonders lobend sei auch noch das Booklet erwähnt, mit einem ausführlichem Text von Zeitzeugen Paul Morley (ja, der Erfinder von Art of Noise) und teilweise unveröffentlichten Fotos. So können alle diejenigen, die die Zeit damals nicht miterlebt haben oder noch zu jung waren diese Revue passieren lassen. Besondere Empfehlung!

Tracklist (Single Veröffentlichungen in chronologischer Reihung)
CD 1
1.Back To Nature
2.The Box (war B Seite von 1.)
3.Ricky's Hand
4.Handshake (B Seite von 3.)
5.Fireside Favourite
6.Insecticide (B Seite von 5.)
7.Make Room (Bseite von 8.)
8.Lady Shave
9.Saturday Night Special
10.King Of The Flies
11.Life On The Line
12. 4 M (Bseite von 11.)
13. For Whom The Bell Tolls
14. Love Parasite (B seite von 13.)
15. I Discover Love
16. Collapsing New People
17. One Man's Meat
18. Luxury
CD 2
19. Collapsing New People (Berlin Mix) (orig 12'' version)
20. Fireside Favourite (I Monster's Toasted Crumpets Mix 2000)
21. Swallow It (2000 Mix)
22. Love Parasite II (orig 12'' version)
23. Luxury (Remix) (orig 12'' version)
24. For Whom The Bell Tolls III (orig 12'' version)
25. I Discover Love (Extended Version) (orig 12'' version)
26. Sleep (Electro-Induced Original)
27. Life On The Line (Version II) (orig 12'' version)
28. One Man's Meat (Remix) (orig 12'' version)
29. Immobolise (Mkultra A Foot Binding Trot Mix) (orig 12'' version)
30. Collapsing New People (London Mix) (orig 12'' version)


: related links :


www.mute.com