: auf biegen und brechen : 22 jahre neubauten

text: ernest meyer

Berlin 1978. Aus den Trümmern des Punk erhob sich eine Band, die wie ein Studentenscherz hieß: Was als "Die genialen Dilletanten", einem Postpunk-Projekt rund um Mastermind Blixa Bargeld begonnen hatte, wurde plötzlich zu den "Einstürzenden Neubauten", als die deutsche Bildzeitung eine Geschichte über einen gleichlautenden Bauskandal in Ostberlin brachte. Ein Bauskandal am Beginn der Geschichte der einflußreichsten Underground-Kapelle Deutschlands.

"Die genialen Dilletanten" (manchmal auch "Die sentimentale Jugend") spielten davor vorwiegend Cover-Versionen: (aus "Satisfaction" von den Stones wurde z.B. " Wollt ihr die totale Befriedigung?" zu hören auf der grandiosen CD "Als die Partisanen kamen", Zensor / EFA) Schon damals mit von der Partie waren Nu Unruh und Gudrun Gut (später Ocean Club)

Dekonstruktion war das Schlagwort der radikalen Kunstszene, oberstes Gebot das Zerbrechen tradierter Strukturen, und außer "Ton Steine Scherben" getraute sich noch niemand deutsch zu singen. Dieses spannungsgeladene Umfeld, der Drang nach etwas Neuem, das Zerfallen der alten Normen, das Heraufbeschwören einer Antikultur prägt die "Einstürzende Neubauten" von Anfang an.

Das erste Konzert der "EN" findet in einem Hohlraum unterhalb eines Berliner Autobahnverteilers statt. Metallplatten, Bohrmaschinen und Kreissägen, selbstgebastelte Percussionsinstrumente und Rückkopplungsvertärker bilden das Orchester, das monströse Lärmen, über dem die kreisende Stimme Blixa Bargeld hysterische Parolen wie "Stell dich tot" oder "Hör mit Schmerzen" schreit. Das Ende jeglicher Konventionen war gekommen, die alte Ordnung auf den Kopf gestellt, erlaubt war alles, was laut, lauter und disharmonisch war. Die deutsche Öffentlichkeit hielt geschockt inne, was war bloß mit den Kindern los? Gefiel ihnen denn das saturierte Leben im Kapitalismus nicht mehr? Es ging doch allen so gut, das Big-Brother-Horrorjahr 1984 war noch in sicherer Ferne, der deutsche Herbst fast schon wieder verklungen.

Offenbar wußten die Berliner Stadtväter nicht genau, was man mit einer Formation wie den "Neubauten" anfangen sollte, und so erhoben die Kulturpolitiker sie einfach zu einem weiteren Wahrzeichen der Stadt. Sie wurden trotz oder gerade wegen ihrer extremen Non-Konformität zu verschrobenen "Local Heroes". Livekonzerte wurden abgehalten, die alles andere als gesittet verliefen, mit dem Exzeß auf der Bühne ging meist auch ein Exzeß im Publikum einher. Eines dieser Konzerte, fand gemeinsam mit der Punkband "Abwärts" in einem Rasthauf in der Nähe des KZ Dachau statt. Dort gabelte die Band auch FM Einheit auf, der als Frontman Abwärts agierte. Blixa agierte wie ein wütender Derwisch, wand sich in abgehackten Zuckungen während ohrenbetäubender Lärm die Trommelfelle der Zuhörer gefährdet. So weit war zuvor noch niemand gegangen, am ehesten "Throbbing Gristle" ("Zyklon B Zombie", "Discipline")

Das erste Album , "Kollaps ", erschien 1981 auf Zickzack Records, es folgten Singles (z.B. "Kalte Sterne") und die unglaubliche 12inch "Durstiges Tier " mit Lydia Lunch. "Strategien gegen Architektur", der zweite Full-Length-Player, war eine Kompilation der ersten EN Phase (1980-83), und mit dem nachfolgenden "Zeichungen des Patienten OT" legten die Neubauten das düsterste und suizidgefährdeste Album vor, das jemals in Deutschland enstanden war. Das war 1983 und die Kritiker jubelten. Noch gut im Ohr liegen apokalyptische Visionen wie "Vanadium I Ching", "Hospitalistische Kinder / Engel der Vernichtung" oder "Affenroulette"

Schon von Anfang an zeichnete sich Blixas bildhaftes Sprachtalent ab, eine herb-lyrische Brutalität, die auf dem vielleicht legendärsten aller EN Alben, "1/2 Mensch" 1985, erstmals zur perfekten Ausgestaltung kam ("Der Tod ist ein Dandy", "Sehnsucht" etc) Jeder halbwegs sensible Mensch wird von diesen Texten berührt, sie vertiefen sich in den Gehirnwindungen, "dübeln sich in deinen Kopf", verselbständigen sich. Auch Antonin Artaud wird fleißig zitiert ("Ich bin 6 Meter groß und alles ist wichtig, ich bin 9 Meter groß und alles ist mehr als wichtig, ich bin 12 Meter groß und alles ist unvorstellbar”, Textexzerpt aus "Yü Gung").

War "1/2 Mensch" klarer strukturiert, rhythmisch ausgeprägter als seine Vorgänger, setze sich dieser Trend 1987 mit "5 auf der nach oben offene Richterskala" fort, unvergessen das Mantra-Mühlenartige "12 Städte", eine der stimmungvollsten EN Kompositionen. 1989 erschien "Haus der Lüge" ("Gott hat sich erschossen"), ein erstes Liebäuglen mit Technobeats läßt die Fans vor Ekel erschauern und kündigt eine Neuorientierung an. Gleichzeitig ist "Haus der Lüge" jedoch das am stärksten politische Album der EN ("Prolog, Fiat Lux").

Die große Wende kam schließlich 1993 mit "Tabula Rasa". Waren frühere Texte immer in der Ichform gehalten, beschloß Blixa endlich neue Wege zu beschreiten, es hagelte Wort-Kaskaden im Imperativ oder gehauchte Liebesprosa, gerichtet an eine imaginäre Person ("Blume"). Für die einen Freud, für die anderen Leid, werden die Neubauten von diesem Punkt an immer musikalischer, das mag vielleicht auch daran liegen, daß Blixa seine musikalischen Erfahrungen, die er in Zusammenarbeit mit Nick Cave gemacht hat, in die Songs einfließen läßt.

Sich nur auf die musikalischen Ambitionen Blixas und der Einstürzenden Neubauten zu konzentrieren, wäre natürlich zu einseitig. Die Neubauten ziehen weite Kreise, weiter als alle anderen deutschen Bands bisher. Immerhin ist Blixa seit 1984 fixes Bandmitlglied (Gitarrist) der "Bad Seeds", jener Band um den australischen Moritatensänger Nick Cave. 100e Soloprojekte aller Bandmitglieder finden sich in den Diskographien der Neubauten, Blixa spielt auf deutschen Bühnen Theater, FM Einheit schreibt Filmmusiken, alle sind in Funk und Fernsehen aktiv. Blixa versuchte sich schon früh als Dichter. "Stimme frißt Feuer" erschien bereits 1988 und gibt ein durchaus eindrucksvolles Beispiel industrieller Kraftsprache.

"Ende Neu"1996 bestätigt die Trendwende einmal mehr und das 2000 erschienene "Silence ist sexy" hat schließlich mit den "klassischen" Neubauten wirklich nichts mehr gemein, die Texte sind zur Hälfte in Englisch und auf den ersten drei Nummern klingt Blixa wie Nick Cave höchstpersönlich, sogar die spartanischen Gitarrenakkorde gemahnen an den australischen Freund.

Blixas Freundschaft mit der Berliner Schauspielerin/Lyrikerin Meret Becker trägt wesentlich dazu bei, die sprachliche Ausdrucksstärke noch mehr zu steigern und zu expressionistischen Höhenflügen zu beflügeln. 1991 vertonten die Neubauten Heiner Müllers "Hamletmaschine" für den WDR (Blixas schnarrende Stimme intoniert Hamlet!!!). An der Seite des umstrittenen Dramaturgen erhielt die Band neue Betätigungsmöglichkeiten. Sie profilierten sich alsbald als Bühnen – und Theatermusiker. Diese Werke/Projekte/Hörspiele erscheinen regelmäßig in der "Reihe Ego" – ein CD Label speziell für die Soloprojekte der Neubauten. Auch mit Theatergenius Peter Zadek wurde Theatermusik realisiert und eine entfesselte atonale Gewalt auf das blasierte Theaterpublikum losgelassen. Was sie wieder einmal in die Klatschspalten der Regenbogenpresse bringt, aber auch neue Käuferschichten erschließt.

Auf der ganzen Welt haben sie Tausende und abertausende Fans um sich geschart, ihre Texte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, ihre Platten und CDs erschienen praktisch überall, sie zählen zu den wichtigsten Kulturexportgütern Deutschlands und wurden im Laufe der Zeit mit Auszeichnungen, Pokalen und anderen Wertschätzungen überhäuft.

Klar ist auch, daß den Neubauten eine Wandlung widerfahren ist, die nichts mit Anpassung oder gar Anbiederung an den drohenden Maelstrom des Kunstkommerzes zu tun hat. Die extremen Zeiten sind schon seit den 1990ern vorbei, keine Exzesse mehr auf der Bühne, kein Blixa mehr, der sich in Schmerzen windet mit einem Gehirn zuckend wie einem Starkstromkreis. Als dandyhaftes, nicht mehr wegzudenkendes Enfant Terrible haben sich die Neubauten zu guter Letzt einen fixen Platz am Firmament geschaffen (vgl. "Das letzte Biest am Himmel", 1/2 Mensch).

Was geblieben ist, ist das Zweifeln, das Hinterfragen, das Einbinden von Naturgeräuschen (z.B. "Stein", eines von vielen FM Einheit Projekten). Die Welt hat sich inzwischen an die Neubauten gewöhnt, es hat lange gedauert, bis sie selbst in den konservativen Avantgardekreisen der deutschen Kunstszene anerkannt wurden, und auch heute taucht mancherorts noch immer der Vorwurf des Diletantismus auf. Dieser wird jedoch von ihrer multiplen Kreativität einfach überrollt.

Nach über 22 Jahren Arbeit erschien dieser Tage "Strategien gegen Architektur 3", eine Retrospektive der letzten 10 Jahre. Schöner und fülliger hätte man es sich gar nicht träumen lassen. Bei der Doppel CD handelt es sich um ein erlesenes Sammelsurium von Outtakes, Livemitschnitten und alternativen Versionen. Maßgeschneidert für Fans und solche, die es werden wollen, zeigt diese Kompilation, daß es durchaus Sinn macht, KEINE "Best of" Alben zu publizieren. Davon legt "Strategien gegen Archtitektur III" einmal mehr beeindruckend Zeugnis ab.

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