: new order : we´re back, so get ready

text: christoph hofer

"Get Ready", New Orders erstes Studioalbum seit acht Jahren, beendet das rätsel- wie zweifelhafte Wachkoma einer der bedeutendsten Popbands der 80er Jahre. Es ist ein Aufbäumen von Popgeschichte, eine Besinnung auf die Wurzeln, und doch ein großer Satz vorwärts. New Order sind Superstars, die nie welche waren. New Order, um es auf den Punkt zu bringen, kehren zurück. Kleine Geschichtskunde und Laudatio von Christoph Hofer.

Und doch waren sie nie so richtig weg...!

Schon drei Jahre vor "Republic", dem bis gerade eben noch letzten Studioalbum der britischen Poptruppe, wagte sich Bernard Sumner, Sänger und philosophisches Leitwesen, gemeinsam mit Johnny Marr (Ex-The Smiths Gitarrist) quasi auf musikalischen Parallelkurs zu New Order. "Electronic", unter diesen trefflichen Titulus wurde das Projekt gestellt. Und obwohl man dessen Eigenständigkeit nie anzuzweifeln hatte, war stets ein substantieller Teil des New Order-Charismas in Electronic zu erkennen, und wurde auch wohlwollend in diesem Bewußtsein rezipiert. Selbiges galt auch für sämtliche andere "Ablegerprojekte" der Bandmitglieder: Ob "Hooky" Peter Hook mit "Monaco" oder Stephen Morris und Gilian Gilbert mit "The Other Two", stets ließen sich die Identitäten der einzelnen Musiker, die im Verbund schon das Wesen von New Order so unverkennbar gestalteten, auch in besagten Projekten leicht identifizieren. Durch diese "Umwege" also wähnte man New Order auch in den Jahren ihrer faktischen Abwesenheit immer gegenwärtig.

"Up, down, turn around, please don´t let me hit the ground”
Ganz am Beginn der New Order-Story stand "Warsaw". Peter Hook und Bernard Sumner, beflügelt von einem Sex Pistols-Konzert, kauften sich Bass, Gitarre und etwas "How-To..."-Literatur. Mit Ian Curtis als Sänger und Stephen Morris am Schlagzeug öffnete die Band schon bald nach ihrer Gründung die Türen zu einem wichtigen Kapitel der musikalischen Eighties: Aufstieg und tragischer Fall von "Joy Division".
Denn unter diesem Namen wurde das Quartett zum Inbegriff des selbstverzweifelten, hochdepressiven Düster-Pop. Ihre erste LP "Unknown Pleasures", erschienen bei den innovativen Factory Records, wurde als Meisterwerk von dunklem Genius gerühmt. Nummern wie "Transmission", "Love Will Tear Us Apart", "Dead Souls" oder "Atmosphere" sollten noch viele Jahre später alle möglichen Arten von Gothic- und Indie-Pop beeinflussen. Mit dem Freitod des charismatischen Sängers Ian Curtis fand Joy Division ein jähes und tragisches Ende. Curtis konnte dem Spannungsfeld zwischen Erfolg und persönlicher Verausgabung bei Tourneen etc. einfach nicht mehr standhalten und nahm sich am 18. Mai 1980 das Leben.

Der Rest der Band sah sich gezwungen Joy Division aufgeben. Dennoch, bereits einige Monate nach dem durch den Todesfall verursachten Chaos traten die Musiker erneut zusammen, es war der Moment gekommen "New Order" ins Leben zu rufen. Bernard Sumner übernahm den Part des Sängers, und Stephen Morris´ Freundin Gilian Gilbert besetzte ab nun die Keyboards. Nach anfänglicher Ratlosigkeit fanden New Order vor allem in der Zusammenarbeit mit dem HipHop und Dance Pionier Arthur Baker neuen Ansporn, und vor allem eine neue musikalische Marschrichtung. Knallende, euphorisierende Tanzbeats, harte Sequenzer-Basslines und frische Keyboardsounds im Verbund mit Sumners einzigartigem Jünglings-Satin-Timbre und der typischen Hooky-Bass-Lead-Gitarre gaben dem unantastbaren Joy Division-Nachlass neuen Effet. "Everything´s Gone Green" und "Temptation” machten die Popmusik plötzlich so richtig clubtauglich. "Blue Monday", die Vorab-Single zur "Power, Corruption & Lies"-LP, verkaufte sich über 12 Millionen mal auf der ganzen Welt und gilt als Referenzprodukt des energiegeladenen 80er-Dancepop.

Acid House Hacienda
Durch die New Yorker Club-Szene inspiriert öffnete die Band 1982 die Pforten zu ihrem eigenen Nachtclub: die "Hacienda" in Manchester wurde in den Folgejahren zum Zentrum der explodierenden Acid House-Szene. In dieser Zeit der unzähligen Alkoholräusche, Drogen-Hangovers, selbstzerstörerischer Livekonzerte und Groupie-Eskapaden entstanden die LPs "Brotherhood" und "Low Life"... großartige Alben, die das Phänomen New Order in seiner Einzigartigkeit unterstrichen.
Danach folgte "Substance 1987", eine Bestandsaufnahme von diversen Singles und B-Seiten, und so gesehen eine musikalische Zwischenbilanz vor dem ersten Platin-Albumerfolg der Band: "Technique".

An diesem Punkt hatten New Order ihr eigenes musikalisches Wesen zur Perfektion geschult. "Technique" verdeutlichte all die Ambivalenzen, die im gewaltlosen Kampf die Balance und den Fokus in der Band schufen: Tanzlastige Elektronik-Tracks verketten sich mit schwer atmendem Gitarrenpop, fröhlich lächelnder Zweckoptimismus verwechselt sich mit dumpfer Elegie, geschniegelter Perfektionismus erduldet schlampige Unbeherrschtheit.

"Express yourself!"
Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 1990 entstand "World In Motion". Dieser Track wurde zur allerersten Nummer 1-Single, und gleichzeitig zum letzten Release auf den strauchelnden Factory Records. Mit London Records fand man schließlich ein neues Label, und kurz darauf war auch schon das nächste Album im Entstehen. "Republic" (1993) war bestimmt das am besten produzierte, erwachsenste und kohärenteste Album von New Order überhaupt. Doch gerade ob der technischen Perfektion wähnten Fans den einzigartigen "Spleen" der Band verloren, so mancher vermisste die gewohnt liebenswürdigen Scharten und Kratzer in der Politur.

Kurz darauf passierte der Zusammenbruch... angebahnt von verschiedenen Konflikten, Verschleiß und Unstimmigkeiten innerhalb der Gruppe. Obwohl sich New Order niemals wirklich trennten, traten ab nun die Jahre der Stille ein. Diese wurden zwar gelegentlich unterbrochen, wie etwa von einer neu produzierten "1963"-Maxi, den "Best-Of" und "Rest-Of"-Kollektionen und natürlich den Releases aus den Seitenprojekten, dennoch schien New Order zunächst versiegt.

Get Ready
Anfang 2000 wurde man aber plötzlich hellhörig: Irgendwie hatte sich auf den Soundtrack zum Streifen "The Beach" ein neuer New Order-Track verirrt: "Brutal", eine gitarrenlastige Nummer die sich stark an die Trends des letzten Electronic-Albums anlehnt. Gerüchte um ein neues Album verdichteten sich schlagartig, dennoch musste man noch über ein Jahr warten, bis schließlich mit "Crystal" der tatsächliche Vorbote eines brandneuen Longplayers erschien.

"Crystal" stellt auch den Einstieg in das lang ersehnte neue New Order-Album "Get Ready" dar. Schon der Opener verlautet neue Energie und einen neu gefundenem Schöpfungsdrang. Beidseitig herausgebratene Gitarren, energisch herangetriebenen, von einem krachigen Beat besonnen eingeflochtene Elektronik und all die typischen Sumner, Hooky & Co-Goodies suhlen sich launig in einem gelungenem Pop-Arrangement. Mit Steve Osborne fand man einen fähigen Produzenten, der sich mit viel Hingabe der Bedürfnisse der Band annahm, und gleichzeitig den wiedererwachten Geist von New Order zu schüren vermochte. Auf dem Album präsentiert sich die Formation von einer verstärkt rockigen Seite, "Republic" wurde also mit großem Abstand hinter sich gelassen. Dennoch lässt der unglaublich frische Sound, in dem die Pop-Skills von 25 x 3 + 21 Jahren musikalischer Erfahrung zur Geltung gelangen, keinerlei Wünsche offen.
Auch Bobby Gillespie (Primal Scream) und Billy Corgan (Smashing Pumpkins) durften ihr Scherflein zum Album beitragen (siehe/höre die Tracks "Rock The Shack" und "Turn My Way"). Man möge diese Beiträge zwar nicht unbedingt als essentiell erachten, dennoch sind sie dem Spielspaß alles andere als abträglich.
New Order sind zurück, sie haben die Freude an der Band wiedergefunden, und die Popwelt hat die Freude an New Order wiederentdeckt. Way to go!

: related links :

www.neworderweb.com
www.newordergetready.com