: requiem for a dream :

text: ernest meyer

Sarah Goldfarb (Ellen Burstyn) ist eine nette ältere Dame, die mit ihrem Sohn Harry (Jared Leto) ein sonderbares Übereinkommen hat. Er stiehlt immer wieder ihren Fernseh-Apparat, bringt ihn zu einem Pfandleiher , kassiert Geld um sich Drogen zu kaufen. Seine Mom holt das Gerät dann Stunden später wieder vom Pfandleiher ab. Und offenbar geht das schon seit Jahren so. Alle Beteiligten haben sich an dieses Ritual gewöhnt .

"Rituale" dominieren Aronovskys neue "Tour de force" noch stärker als in seinem viel beachteten Erstlingswerk Pi. In "Requiem for a dream" ist nahezu alles Ritual Die Liebesbeteuerungen Harrys gegenpüber seiner Freundin Marian (Jennifer Connelly), der gemeinsame Drogenkonsum mit Kumpel Tyrone (Marlon Wayans), das damit verbundene Musikhören, das Lieblings TV-Programm seiner Mutter Sarah, eine Nonstop-Trottel-Quizshow mit sektiererischen Tendenzen.

Hubert Selby jr, Autor von "Last Exit Brooklyn" arbeitete selbst am Drehbuch des Pandämoniums mit. Die Realität wird demgemäß so gezeigt wie sie ist, ein Kaleidoskop menschlicher Abgründe.

Alles fließt mit einer erschütternden Gleichgültigkeit vorüber. Die Charaktere der Protagonisten werden kaum herausgearbeitet, sie bleiben - so wie bei unseren Nachbarn, die man nur vom Einkaufen kennt – eine schablonenhafte Projektionsfläche für eigene Erfahrungen. Darüber schwebt wie das Schwert des Damokles die brutalisierte Vision einer degenerierten Gesellschaft.

Drogen gehören zum täglichen Leben wie Speis und Trank. Selbst Harrys Geliebte Marian nimmt Drogen. Am Anfang ist es "nur" Koks, später gerät auch sie in den Strudel der Junkie-Ereignisse und je länger der Film in seiner Gnadenlosigkeit fortfährt, desto härter wird der Konsum aller Beteiligten.

Sarah träumt den Traum vom Berühmtsein, daß sie einmal, nur ein einziges Mal in ihrem Leben in der Quizshow im Fernsehen auftreten darf. Auf die Darstellung des verstorbenen Ehemannes Sarahs oder Marians Eltern verzichtet das Script vollends. So dünn ist also das soziale Gefüge. Keine Rückblenden verstellen die Sicht auf die laufenden Ereignisse.

Harry träumt vom Reichtum freilich ohne Arbeiten zu müssen und gemeinsam mit Tyrone beginnen sie das Heroin zu strecken und zu verkaufen das sie auch selbst in immer größeren Mengen konsumieren.

Ganz weit abseits von verharmlosenden Fixer-Streifen wie "Trainspotting" ist es Darren Aronovsky ganz ernst und nebenbei auch noch gelungen, den ultimativen Anti-Drogen Film zu drehen. Er zeigt den Beginn genauso realistisch und ungeschminkt wie den Verlauf der Sucht und deren Ende. Marian verliert ihre Kreativität und ihre Ehre, Harry sein attraktives Äußeres, seine Mutter den Verstand.

Zum Soundtrack. Mit unglaublicher Eindringlichkeit intoniert das Kronos-Quartett pointiert und zappenduster das destruktive Oeuvre, elektronische clicks & cuts von Score-Writer Clint Mansell geben der sterlien Coolness noch den letzten Schliff. Die Athmosphere ist manchmal fast schon unerträglich dicht.

Jedesmal, wenn Drogen eingenommen werden oder Harrys Mutter Sarah Goldfarb (Ellen Burstyn den Fernseher einschaltet , die Momente des Rituals also, verdichtet Aronovsky das filmische-Tempo mittels ultrapräziser Close-Up-Cut-Ups (Plastikhülle aufreißen, weiße Kristalle schmelzen, Spritze aufziehen, Abdrücken, Pupillen erweitern sich etc, alles auch klanglich sehr eindruckvoll mit verstärkten Geräuschen unterlegt). Je nachdem welche Droge (Gras, H, Koks oder Tabletten) konsumiert wird, greift Aroonovsky auf altmodisch-effektive Tricks wie Zeitlupe oder Zeitraffer zurück um uns einen Einblick in die verzertte Wahrnehmung der Süchtigen zu geben Das sind die Augenblicke die zählen, die Augenblicke, die Erlösung versprechen. Doch mit jedem weiteren Mal wird es schlimmer, wandlet sich die Erlösung in Bann, aus dem es kein Entkommen gibt.

Unaufhörlich schaukeln sich die Elemente des Films spiralenförmig hoch und enden in einer harschen Schnittfolge, die sich jedweder Beschreibung entzieht. Der Betrachter muß untätig zusehen, wie sich alle langsam aber sicher zugrunde richten. Selten zuvor war ein Kinopublikum so betrübt schweigsam wie nach der Prmiere dieses Films.

Jedoch nicht die Brutalität und auch nicht die Szenen, in denen die Nadel angesetzt wird, haben dafür gesorgt, daß der Streifen in deutschen Landen (vorläufig) nicht zu sehen sein wird. "Zu explizite Sex-Szenen", solche biedere Zensor-Beurteilungen müssen offenbar auch noch im 3. Jahrtausend herhalten, wann immer Kino-Geher "Gefahr" laufen, auf die von oben verordnete Hollywood-Schonkost verzichten zu müssen.