: seeed : die apokalyptischen dancehall-reiter aus berlin

text: andreas probst

„neue Zeiten ham begonnen,
Jungs das Gute hat gewonnen.
Zepter und Krone hab ich heut nacht
im Schlaf geschenkt bekommen.“

Daß Berlin eine Reise wert ist, irgendwer da noch irgendwo irgendeinen Koffer vergessen hat, ist ja allgemein bekannt. Und daß die Club- und Musikszene der multikulturellen Stadt zwischen Spandau und Müggelbergen auch auf internationalem Parkett ganz vorne mittanzt hat sich mittlerweile wohl bis zu den hintersten Reihen rumgesprochen. Nicht umsonst steht hier die Wiege der wegweisenden Tangerine Dream, einer außerirdischen Nina Hagen oder der mehr weltlich bezogenen Humpe-Sisters von Ideal und Neonbabies.
Seit Hertha den Bayern nun auch wieder die Lederhosen auszieht und sich im Sog der Loveparade Hunderttausende um die Friedenssäule sammeln, hat sich nun endlich eine gar nicht so neue Combo an die Spitze der Berliner Luft gespielt. Seeed. Mit drei E, als New Dubby Conquerors. Jedem MTV-Seher, mit „Dickes B“ wohlbekannt grooven die elf Musiker durch ihr unvergleichliches Universum aus Spielfreude, Lebenslust und Einfallsreichtum. Mit viel Chilling und mellow Beats, unterstützt von einer upliftenden Bläsersektion, der tighten Rhythmuscrew und drei charismatischen Sängern legen Seeed eine große Klammer um alles was mit Riddims, Rhymes und Roots zu tun hat. Das mitreißende Ergebnis, eine Verschmelzung von Deutsch und Englisch, Europa und Jamaica, Dub, Ragga, Hip Hop und Dancehall. Wer dann glaubt der Sound auf dem Debütalbum New Dubby Conquerors müße mal ablaschen, sieht sich voll getäuscht. Ein musikalisches Feuerwerk jagt das andere und man verspürt die Lust den CD-Player im Kleinhirn zu installieren und die Repeat-Taste zu fixieren. Also abjammen solange die Tide noch High ist und bevor das nächste Tief das Tanzbein gefrieren läßt.

Ende Okober gastierten nun Seeed im Rahmen ihrer laufenden Tournee im ausverkauften WUK zu Wien. Vor über tausend begeisterten Fans stellten die Jungs von der Spree voll überzeugend ihre Live-Tauglichkeit unter Beweis und bestätigten dem WUK als Veranstalter eine lange klaffende Lücke als innovativer Austragungsort gelungener Avantgarde Konzerte zu schließen.

Andreas Probst sprach für wellbuilt mit Seeed-Sänger Frank.

A.P.: >Im Sommer tut´s gut, im Winter tut´s weh<, eine Zeile aus „Dickes B“. Sind die Berliner Winter immer noch so heavy?

Frank: Ja, doch schon. Berlin ist einfach grau gebaut. Zwar inzwischen mit viel Farbe aufgelockert, es gibt aber wenig Grünflächen innerhalb der Stadt und wenn dann der Himmel noch grau ist tut´s echt weh. Dennoch ist es positiv diese Vielfältigkeit auf einem Platz zu haben und durch den Osten kommen doch viele grüne Bereiche dazu, Naturschutzgebiete und Waldflächen. Teilweise wirklich traumhaft.

A.P.: Und wo spielt sich die Szene ab, wo swingt das Bein? Wo ist es progressiver, im Osten oder im Westen?

Frank: Schon im Osten. Da hat sich natürlich alles hin verlagert. Gerade am Anfang war es echter Underground, wo an den unglaublichsten Plätzen Parties entstanden. Das ist leider mittlerweile wieder alles vorbei weil sich da natürlich schnell der Kult-Wessi niedergelassen hat. Wie es immer so ist. Eine Welle die dann weiterschwappt. Aber generell kann man sagen, daß du alles findest und auch im Westen deinen Spaß haben kannst. Was es ausmacht ist das echte Großstadtfeeling in der jeder seine Nische finden kann. Im Gegensatz zu anderen Großstädten ist alles nicht so festgelegt.

A.P.: Aber die innovative Musikszene ist schon im Osten?

Frank: Die hat sich schon dahin verlagert. Clubs, und gerade was die Dancehall-Szene betrifft, läuft größtenteils im Osten ab.

A.P.: Seid Ihr alle in Berlin geboren?

Frank: Die meisten sind Wessis, die in den Osten gezogen sind. >Heute lebe ich im Osten zwischen Blümchentapeten und früher gings um Panzer und Raketen<. Das spiegelt sehr schön wieder wie wir das erleben. Als ich zwei Jahre alt war bin ich mit meinen Eltern von Berlin weggezogen und zum Studium vor acht Jahren wieder zurückgekommen. Nach Babelsberg im Osten.

A.P.: Wo die Filmstudios sind. Was studierst Du?

Frank: Ich habe Filmtoningenieur studiert. Das ist jetzt abgeschlossen, sodaß ich mich voll und ganz Seeed widmen kann.

A.P.: Ist das jetzt Eure erste Tour?

Frank: Die erste Große. Wir haben Anfang des Jahres im März eine kleine Zweiwochen-Tournee gemacht. Diesmal ist es eher zum Abchecken. Wo stehen wir, wer zahlt wirklich Geld um sich Seeed anzugucken.

A.P.: Und läuft es gut?

Frank: Erfreulich gut. Wir haben in Göttingen angefangen. Jetzt sind es schon vier Konzerte und wir sind wirklich überrascht wie die Leute abgehen und Spaß haben. Das ist wirklich super.

A.P.: Hat Euch der Erfolg von New Dubby Conquerors erstaunt? War da schon eine gewisse Vorahnung - das könnte einschlagen? Ihr kennt Eure Musik und habt sicher gemerkt, da ist ein super Album entstanden. Es gibt ja keinen Song auf dem Album der qualitativ abfällt.

Frank: Nun, das merkst du als Musiker. Das hat aber oft nicht so viel mit der Qualität zu tun. Gerade kommerziell eine Platte zu vermarkten ohne sich selbst zu verkaufen hat nicht nur was mit guter Qualität zu tun. Ich glaube auch daran, daß Gutes sich im Endeffekt durchsetzt. Aber daß der Erfolg mit elf Musikern und Reggae in Deutschland funktionert, damit habe ich definitiv nicht gerechnet.

A.P.: Gute Qualität hat ja letztendlich auch nichts mit Verkaufszahlen zu tun. Dafür gibt es genug Beispiele. Schau Dir nur die Hitparaden an.

Frank: Klar, aber die Plattenfirmen müssen sich ja auch trauen. Es muß ja erst mal publik werden. Das hat sich entwickelt. Es fing an mit „The Tide Is High“. Und diese Nummer mit deutschem Text war der Grund, daß die Plattenfirma gesagt hat, wir probieren es mal. Während der Produktion des Albums hat dann auch erst die WEA die Stärken und unser Potenzial erkannt. Das war ein Entwicklungsprozeß und keiner konnte mit so einem Erfolg rechnen.

A.P.: Wie geht Ihr mit dem plötzlichen Erfolg um, was hat sich für Euch verändert?

Frank: Für mich ist das die Erfüllung eines Traumes. Ich spiele schon seit ich dreizehn bin in Reggae-Bands und habe immer diese Art der Musik gemacht. Es gibt glaube ich kein Land in dem Reggae so problematisch ist wie in Deutschland. Man verbindet diese Musik nur mit Urlaub oder Sunshine und die Menatlität ist auch eine andere. Und wen dann noch die Rede von Reggae-Welle ist bekomme ich überhaupt die Krise.

A.P.: Seeed bezeichnen sich als Großstadt-Dub-Band. Werdet Ihr nach dem Motto, never change a winning sound, Eurem Stil treu bleiben? Keine Kreation neuer Musikrichtungen?

Frank: Auf jeden Fall. Ich glaube alle sind soweit, daß wir uns natürlich beeinflussen lassen von dem was so läuft. Keiner kann sagen was durch Erfolg oder Veränderung passiert. Aber jeder wird seinem Sound treu bleiben. Wir machen diese Musik nicht weil wir denken daß es gerade ein Trend ist, sondern weil wir sie wirklich lieben. In dieser Sparte kann sich natürlich Veränderung entwickeln, die wir uns aber nicht unbedingt für ein neues Album vorgenommen haben.

A.P.: Das heißt Entwicklungsmöglichkeiten auf der vorgegebenen Schiene?

Frank: Klar, wir sind alle zwischen 20 und 50 und entwickeln uns noch. Diesen Prozeß wird man in der Musik bestimmt auch spüren aber wir haben jetzt nicht vor auf einmal Fusion-Rap-Reggae oder so zu machen. Wir spielen Reggae, und den in seiner ganzen Vielfalt. Bis jetzt wurde bei uns Reggae hauptsächlich durch Bob Marley geprägt und deswegen hat jeder ein bestimmtes Bild was man von dieser Musik erwartet. Alles nicht Konforme, also mit Roots von Marley geprägt, wird als beeinflußt hingestellt. Das war schon immer so. Dadurch, daß wir dank unserer Plattenfirma die Möglichkeit haben jetzt mal auf so einer Ebene das vorzutragen, die Leute auch zuhören und ihre Sprache gesungen wird, sieht man erst wie vielfältig und schön diese Musik ist.

A.P.: Der Kollektivgedanke steht bei Euch im Vordergrund. Drei gleichberechtigte Frontleute etc. Gibt es da bei elf Menschen ein Problem? Wie erarbeitet ihr also die Songs, auch gemeinsam?

Frank: Ich habe ein Studio, Pierre mittlerweile auch. Wie man auf dem Album sehen kann hat diesmal Pierre die Stücke bzw. Grundideen geliefert. Es gibt zwei Arten von Songs, Bandstücke wie „Walk Up Right“, „Psychedelic Kingdom“ und es gibt Stücke die mehr computerlastig sind wie „ Dickes B“, „New Dubby Conquerors“ oder „Dancehall Caballeros“. Die computerbezogenen Beats werden eher von Pierre oder dem Schlagzeuger, Reibold und mir geprägt. Das Kollektive kommt meist dazu wenn die Grundstruktur ausgearbeitet ist. Einer kommt mit der Idee und während des Spielens, des Versuchs das Stück auf die Bühne zu übertragen, entsteht der Song. Texte und Melodien werden von den Sängern wieder einzeln komponiert und arrangiert, sodaß das fertige Stück im Endeffekt auf der Basis, der Idee, die einer gehabt hat aufgebaut wird. Aber trotzdem haben wir eine ganz klare Hierarchie. Wenn es zu unterschiedlichen Meinungen kommen sollte hat Pierre das letzte Wort. Wir müssen uns gegenseitig nichts mehr beweisen um besser dazustehen.

A.P.: „Neue Zeiten ham begonnen,
Jungs das Gute hat gewonnen.“
Eure Sichtweise der Dinge scheint recht positiv zu sein.

Frank: Ich kann nur für mich sprechen und sagen ich hatte Glück in meinem bisherigen Leben und habe daher sehr viel Positives weiterzugeben. Es ist sicherlich nicht alles gut auf der Welt, aber ich habe sehr viel Erfreuliches erlebt, in einer vielleicht auch teilweise schlechten Welt, und kann deswegen aus dieser Sicht das absolut positiv rüberbringen. Ohne das Gefühl zu haben mir eine Welt zurecht zu spinnen die nichts mit meiner Realität zu tun hat.

A.P.: „Psychedelic Kingdom“, „Sensimilla“. Kann man Eure Musik als Absage an Gewalt in jeder Form und Richtung sehen?

Frank: Das kann ich auf jeden Fall unterschreiben. Ich habe gelernt über Probleme zu diskutieren und dem anderen nicht gleich auf die Schnauze zu schlagen. So einfach kann ich das auf den Punkt bringen. Was nicht ausschließt, daß man manchmal im Leben auf den Tisch hauen muß um klar seinen Standpunkt zu vertreten. Was aber nichts mit Gewalt zu tun hat.

A.P.: Was hältst Du vom Projekt Brothers Keepers der deutschen Hip Hop Szene und Xavier Naidoo? Würdet Ihr so etwas auch machen oder unterstützen?

Frank: Ich befürworte so ein Projekt sehr. Es gibt aber für mich den Unterschied Seeed und Frank. Ich möchte mich gerne mit Seeed aus politischen Sachen raushalten. Ich will Musik machen und meine Message lautet >Leute tanzt und genießt den Moment wo wir zusammen sind und Euch das rüber bringen können<. Solche Sachen wie Brothers Keepers sind für mich ganz klar, muß man gar nicht erst drüber reden.

A.P.: Wann wird es das neue Album von Seeed geben?

Frank: Wahrscheinlich im Herbst des nächsten Jahres. Das zweite Album ist besonders wichtig, jeder schaut besonders drauf. Was kommt dabei raus, war das erste eine Eintagsfliege. Deshalb werden wir uns Zeit nehmen den Standard zu halten und eine gute Platte rauszubringen. Da ist die Geschwindigkeit zweitrangig.

A.P.: Kannst Du Dir eine Fusion mit anderen Gruppen vorstellen?

Frank: Nicht unbedingt vordergründig. Wir haben natürlich vor ins Ausland zu gehen, eventuell zu dritt mal nach Jamaica um das Land kennenzulernen, aus dem diese Musik kommt. Da ergeben sich natürlich Möglichkeiten mit dortigen Künstlern Sachen zu produzieren.

A.P.: Wie fühlt man sich so als Dancehall Caballero?

Frank: Endlich kann ich reiten ohne Sticks and Stones, mit offenem Blickfeld.

: konzertermine u.a. :

23.11.2001 München, Georg Elser Halle
26.11.2001 Hamburg, Große Freiheit
07.12.2001 Graz, Orpheum
08.12.2001 St. Pölten, FM4 Party@Stadtsäle
15.12.2001 Berlin, Columbia Halle

: related links :

www.seeed.de
www.wea.de