Dies ist ein Vorabdruck aus dem Buch: "Wenn ein alter Hash-Rebell
erzählt..."


Hier einige Schlagworte zu dem Autor Michael Geißler:
  • wurde 1942 im Bombenhagel in Berlin geboren
  • Berliner Herz mit Schnauze
  • war bei der wilden 1968er Studentenrevolte dabei
  • 1. Vorsitzender des Zentralrats der umherschweifenden Hash-Rebellen
  • Kommuneerfahrungen, Freie Liebe
  • machte alle Drogenerfahrungen, die man machen kann
  • lange Reisen nach Indien, Italien und Ibiza
  • lebt heute als Schriftsteller und Privatier in Berlin zusammen mit einer hakennasigen Hexe, bei der er sich den letzten Schliff holt

Aus dem menschlichen Kuriositäten-Kabinett

Michael Geißler 01.01.'98

Heute:

: signore kis maet :

Kennt ihr die Geschichte dieses sagenumwobenen Signore Kis Maet? (Kismet = arab.: Karma, Schicksal)

Nein, eher nicht? Gut, so will ich sie euch kurz berichten. Bzw., das Wenige, was ich aus eigener Erfahrung weiß - und was ich so aufgeschnappt habe. Die Legenden, die sich um ihn ranken, sind ungezählt. So z.B. die, daß er über 400 Jahre alt sei... Er habe das Geheimnis der Unsterblichkeit in Tibet, auf esoterischen Tontäfelchen entdeckt, entschlüsselt und in die Praxis umgesetzt...

Anderen Gerüchten zufolge arbeitet er für die westlichen Geheimdienste CIA und Mossad (Israel), hat die Hände im internationalen Waffengeschäft oder zieht an den entscheidenden Fäden im globalen Drogenhandel. Andere Spinner und Gerüchteköche stellen ihn mehr in die Ecke Magie/Mystik/Okkultismus. Demzufolge soll er einem geheimen, gnostischen Orden vorstehen, der ungeheure Macht in Politik und Wirtschaft entwickelt. Es hält sich ja erstaunlich zäh die Vorstellung von den "sieben Weisen" - welche von einem geheimen, unterirdischen Versteck in Tibet aus, die Geschicke der Menschen lenken...(Meiner bescheidenen Meinung nach werden die Geschicke des ganzen Globus eher von den sog. 'Multis' bestimmt - die Petrochemie z.B., die Pharma-, Lebensmittel- und Autoindustrie...). Doch sehen wir noch ein wenig, was die Esoteriker so zu bieten haben: Demzufolge lenkt er auch die Geschicke der im Untergrund erhaltenen Linie der 1246 mit dem Fall der Feste Montsegeur in den Pyrenäen ausgerotteten Katharer (= Ketzer), der Gralshüter aus dem Geschlecht des Parzival. (der wiederum ein Nachfahre der Kinder von Jesus Ch. und Maria-Magdalena`s ist! Diese beiden hätten sich nach dem Scheintod auf Golgatha erst zu ihrer Ordenshochburg der Essäer bei Damaskus und von da nach Südfrankreich abgesetzt und dort ein blühendes Geschlecht begründet...)

Nun, auch wenn ernstzunehmende Wissenschaftler an der Erforschung des Lebens Jesus Ch. (nach seinem Scheintod) beteiligt sind, mir klingt das doch schon arg abgehoben - und es ranken sich noch viel abgehobenere Geschichten um das Leben des Signore KisMaet. Doch ich verschone euch damit!

Ich habe den Meister anno Domini 1975 höchstselbst aufgesucht, berichten kann ich, was ich gesehen, gehört und gesprochen habe - ich war 10 Tage Gast in seinem Reich. In 'seinem Reich' ist wohl treffend ausgedrückt. Wenn kolportiert wird, daß er einer der reichsten Männer dieser Erde sei, so will ich das wohl gern glauben. Er soll über Inseln im Südchinesischen Meer und im Pazifik verfügen, über ausgedehnte Ländereien, vor allem in Lateinamerika und und und....Wer in der Hierachie seiner Adepten (= Schüler) aufsteigt, wird sie, je nach Einweihungsgrad, kennenlernen. Unbeabsichtigt und überraschend kam auch ich zu der Ehre, einen Antrag auf Adeptenschaft stellen zu dürfen - wobei mir signalisiert wurde, daß seine Hochwohlgeboren meinem Ansinnen höchstselbst gnädigst stattzugeben gedenke - und das nach nur 9 Tagen 'Prüfung'! 9 von 1o blieben chancenlos ! Doch gerade meine 'respektlose Art' hätte Anklang gefunden... Na, überleg doch mal, wo ich heute wäre! Auf jeden Fall hat es etwas mit Macht zu tun - und ich habe nie begriffen, was an Macht geil sein soll. Auf jeden Fall wärst Du mir höchstwahrscheinlich nicht begegnet, geliebte Hexe Melanie, und so hat die Göttin meine Schritte anders gelenkt, gepriesen sei SIE!!! Was ist alle Macht und aller Reichtum im Verhältnis zu Deiner Zuneigung!?! Hohl und schal. Nun aber wirklich zum Tatsachenbericht!: Ein Wassergrundstück am Lago di Como - ich weiß nicht, wie viele ha groß - doch mach Dir ein Bild: Es zieht sich vom See (mit aufwändigen Bootshäusern, Landestegen) bis hoch in die Berge, wobei es sich keilförmig verbreitert.

Versuch einer Skizze

Bevor ich weitere Details (und damit den unermesslichen Reichtum) beschreibe, möchte ich in aller Deutlichkeit feststellen, daß ich in keinster Weise kohlegeil bin. Besitz bindet. Mich interessiert der ganze Scheiß nicht - und ich beschreibe das alles nur als Rahmen für eine Psyche, einen Charakter, ein Phänomen. Es dürfte bekannt sein, daß die Lage am Lago di Como wohl zu den teuersten Flecken Europas zählt. Es gibt auf der Welt ein paar Dutzend Geld- und Besitzmilliadäre. Doch die meisten leben genau so beknackt, wie ihre Untergebenen. Jedenfalls wüßte ich von keinem, der seine pervers-exotisch-elitär-esoterischen Fantasien so exaltiert auslebt, wie der Meister, Signore Kis Maet. Jedenfalls: Wer am und um den Lago di Como Immobilien sein Eigen zu nennen, sich glücklich schätzen kann, muß so reich sein, daß er es auf keinen Fall nötig hat, Teile davon zu veräußern. Geld allein also reicht nicht, um sich dort nieder zu lassen. Geld haben die da unten alle genug, 'altes Geld' - Familienerbschaften, in Jahrhunderten als Adel oder Klerus zusammengeräubert, mit Beginn der sog. "1. Industriellen Revolution" vor 100 - 150 Jahren in die aufsteigende Wirtschaft gesteckt und auf wunderbare Weise vervielfacht - gewürzt mit Blut, Schweiß, und Tränen ganzer Generationen von Lohnsklaven. Keiner von all diesen so vornehmen Superreichen hat je gearbeitet - man hat "sein Geld arbeiten lassen". (Doch das lassen wir heute hier alles mal weg. Es soll doch eine muntere, frohgemute, unterhaltsame, vielleicht sogar ein wenig 'lehrreiche' 'Guten-Morgen' oder 'Gute Nacht-Geschichte' werden - mehr nicht!)

Der (laut seinen Getreuen:) Erleuchtete (Kis Maet) kam in den 60er Jahren (dieses Jahrhundert!) in die Gegend. Obwohl er mehr als die halbe Welt gesehen hatte, verliebte er sich spontan in den Flecken. Zumal er erdmagnetische Kreuzungen zu spüren glaubte - einen Kraftplatz erster Güte! Vom Stammpersonal erfuhr ich nach und nach in langen 'Küchengesprächen', er habe ungezählte Anwesen aufkaufen müssen, ein halbes Dutzend Villen abreißen lassen (!), bevor er mit dem Bau seines Tempel-Schlosses beginnen konnte. Hochqualifizierte Handwerker und Bauherren hat er kolonnenweise aus Indien und Asien herbeigeholt. Einheimische Trupps erstellten gleichzeitig ca. 10 Gästhäuser für seine Schüler, Mitarbeiter, Anbeter...und für richtige Gäste - Besucher wie mich und den Trupp Hashrebellen, die mich begleiteten. Seine Maxime, daß jeder jederzeit als Gast willkommen sei, hatte einen bunten Haufen Suchender, Amis natürlich, Europäer und Asiaten aus vielen Ländern zusammengewürfelt. Alles, auch die köstliche Verköstigung, umsonst. (Typisch für die Hippie-Zeiten! Sowas wäre heute, gut 20 Jahre später, undenkbar! Die Verweildauer war auf 16 Tage limitiert. Wer nicht Adept werden wollte (oder, was meist der Fall war: Höflich abgelehnt wurde) durfte sich empfehlen - und bitte! nicht noch einmal kommen!

Wir kamen bei Sonnenuntergang an. Ich am Steuer war clean geblieben, doch mein wilder Haufen 'Hash-Rebellen' war von etlichen Joints im Daimler-Bus unterwegs, doch schon merklich 'angeheitert'. Eine hohe Mauer, elektronisch gesichert, Videokameras (1975!), ein gewaltiges, schmiede-eisernes Tor, der Parkplatz und der zum Anwesen gehörende Fuhrpark war unterirdisch angelegt. Das gefiel mir. Muß man die Karren nicht ständig vor dem Haus sehen, wie es eigentlich immer üblich ist. Hätte auch schlecht gepaßt: Das Schloß, in diesem speziellen Abendlicht, ließ uns doch verstummen! Märchenhaft! Eines indischen Maharadschas würdig: Wohl gut 100 Räume inklusive des Tempelbereichs und der äußerst umfangreichen Bibliothek. (Angeblich nach der Vatikanischen die wohl größte Private auf den diversen Gebieten der Esoterik, des 'Zaubers' und der Spiritualität. Eine riesige Sala, wo gelegentlich Signore Kis Maet mit Gästen und Adepten zu speisen pflegte. Für den Meister, sowie für seine (bezaubernde!) Geliebte, eine Brasilianerin um die 4o, Vollweib (!) ganz bescheiden vielleicht je 5 Privatgemächer.

Dann der Tempel! Da es ohne Dias einfach nicht möglich ist, diese ganze Pracht und Herrlichkeit aus erlesenem Marmor, poliertem Granit, Ebenholz, Rosenwurzelholz, Intarsien aus Perlmutt und Elfenbein, Jade, Jaspis und Rubin zu beschreiben, laß Deiner Fantasie Flügel wachsen...

Es gab da einen Koreaner, Kim, unschätzbares Alter, der mich wohl irgendwie ins Herz geschlossen hatte. Jedenfalls erfuhr ich durch ihn so manches, bekam Dinge zu sehen, konnte Räume betreten, die den meisten Besuchern wohl verschlossen waren. Ich denke, daß Kim, der eine führende Position innerhalb der 'Sekte' innehaben mußte, hochbegabt und hochintellegent war. Ich glaube, er betätigte sich als Meisterkoch, als persönlicher Berater und 'Body-guard' (Meister verschiedener asiatischer Kampfsport-Arten)...Das Wenige, was er über sein bewegtes Leben andeutete, läßt vermuten, daß es Spielfilm-reif ist: Überläufer vom nordkoreanischen Geheimdienst, eine Weile Doppelagent....Hier war vorerst für ihn ein halbwegs sicheres Versteck. Doch er war da illusionslos: Einen dauerhaft sicheren Platz konnte es für ihn nicht geben - zu gern hätten ihn die 'Roten' gehabt, um ihn auf kleiner Flamme zu rösten... Dabei war er von so einer heiteren Gelassenheit, daß ich ihn - schlicht gesagt -bewundere...

Wenn der Palast von außen wie ein 3-stöckiges Gebäude wirkte, merkte man innen sehr schnell, daß man ohne Führer schon nach kurzer Zeit total aufgeschmissen war! Da die Räume alle unterschiedlich hoch und groß, rund, oval und vieleckig waren, ergaben sich unterschiedliche Ebenen, durch Flure, Treppen und Wendeltreppen, geheime Gänge und Korridore verbunden. Hinzu kamen etliche Geheimtüren, z.B. durch den Kamin, durch eine wie mit Geisterhand bewegte Wand oder Regalzeile. Als Kim (und später auch der Meister selbst) meinen ungebrochenen Spaß an diesen Spielereien bemerkten, wie alles mit zu der Zeit hochmoderner Elektronik bewegt wird, machten sie sich öfter mal die Freude, mir allein eine kleine 'Führung' angedeihen zu lassen. Die Stunden rannen nur so dahin, wenn sie sich damit vergnügten, nach z.B. links unbemerkt zu verschwinden, unvermittelt von rechts wieder aufzutauchen...

Die Größe einzelner Räume ließ sich auf Knopfdruck verdoppeln oder auf die Hälfte reduzieren. Mit einer Fernbedienung konnten sie u.a. die unglaublichsten Beleuchtungseffekte erzielen. Kim verriet mir, daß sie viele Tricks indischer und europäischer 'Zauberer', also 'Illusionisten' verwandt haben, sozusagen in die Architektur eingebracht haben. Ich muß ehrlich sagen, daß das ganze Schloß, ich habe bei weitem nicht alles gesehen, in seinem ganzen Prunk, in dieser ganzen Pracht und Herrlichkeit trotzdem nicht überladen wirkte! Auch waren alle Stile miteinander gemischt, von chinesisch - koreanisch - japanisch - über indisch - arabisch bis zu europäischer Renaissance, Barock und Rokoko sowie kühle Bauhaus-Moderne - und doch wirkte es erhaben, ja sogar zuweilen schlicht und streng. Signore Kis Maet war einfach total stilsicher.

Das Mobiliar war spärlich, aber ausreichend. Leicht konnte man erkennen, daß jedes Stück speziell für diesen Raum angefertigt worden war. Die Fußböden waren oft meisterliche Edelholz-, Stein- oder Halbedelstein-Intarsienarbeiten. So war z. B. in einem runden Raum aus schwarzem Stein (Onyx?) der Tierkreis in weißem Marmor eingelassen. In einem quadratischen Raum bildete das exakte Schachbrettmuster den Boden. Am Rand warteten kindsgroße Figuren darauf, aufgestellt und elektronisch bewegt zu werden. Andere Räume waren mit wertvollen Teppichen ausgelegt, alte Kelims an den Wänden. (Kim verriet mir mal schmunzelnd, daß einer davon, nähme ich nur den Richtigen, ausreichen würde, meinen Lebensabend finanziell sorgenfrei zu gestalten...) Der Meister liebte Spiele. Spielchen aller Art. Das Leben sei ein Spiel, wir würden uns die Rolle selbst aussuchen und unser Drehbuch selbst schreiben...war mit ein Aspekt seiner Philosophie. Auch ich spiele gern. Doch bei ihm verging mir mein Spieltrieb! Der Einsatz war mir zu hoch: So konnte man den Teppich, die Vase, die Statue - oder womit er gerade spielte - behalten, wenn man sagen würde, welches von den vorgelegten 12 Teilen z.B. das Wertvollste sei... Andernfalls 6 Jahre unbezahlten Küchendienst im Personaltrakt oder auf einer der entlegenen Inseln. Ich habe erlebt, daß Leute mit ihrer Beute abgezogen sind. Aber ich habe auch, und das nicht nur einmal, erlebt, daß Leute verloren haben. Mehr als nur einer haben das Anwesen in panikartiger Flucht verlassen. Das schien den Meister auch noch zu amüsieren: "Dummkopf! Schlechter Verlierer! Weiß er nicht, daß die Erde rund ist? Daß ich ihn überall erwische? Daß es noch niemandem gelungen ist, sich meinem magischen Fangnetz zu entziehen?!..." In wie weit das nur Sprüche waren, weiß ich nicht. Es gingen die grausigsten Gerüchte von Ferntötung und andere Horror-Storys um. Was davon zu halten ist, weiß ich nicht. "Wo viel Licht ist, ist viel Schatten" ist das, was mir dazu einfällt. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß der Alte gern gegen beliebig viele Gegner gleichzeitig Schach zu spielen beliebte, daß er (lt. Eigenaussage) 12 Sprachen fließend sprach...wobei Kim mir gegenüber erwähnte, das sei typisches Understatement: Er spricht 18 und kennt weitere 12 Dialekte, die im asiatischen Raum oft eine größere Rolle spielen... So, nun aber mal der Reihe nach. Wir bekamen in einem der geräumig-gemütlichen Gästehäuser, in gebührendem Abstand zu Schloß und Tempel, unsere Zimmer. Vom versteckt gelegenen, zentralen Versorgungstrakt kam durch unterirdische Gänge und elektrisch betriebene Wagen unser Essen. Das Schloß durften wir nur betreten entweder in Begleitung einer seiner Leute - viele tolle Frauen dabei, vor allem aus den USA - oder aber, um im Tempel seinen 'Lektures', seinen Endlos-Monologen zu lauschen, in denen er der 'schlafenden Masse' (also uns!) zu erklären versucht, wie der Hase läuft...,was eigentlich los ist..., das 'woher', 'wohin' und 'warum' des menschlichen Seins! Nicht mehr und nicht weniger. Mit allen Details. Mit Beispielen aus allen Zeiten und Kulturen. 'Hoch geheimes Wissen' nannte er das. Nur gäbe es keinen Grund mehr, das länger geheim zu halten. Weil ein Umbruch bevorstehe - so gewaltig, daß es keinen Sinn hätte, den 'Schlafenden' (also uns!) davon zu berichten... Sie könnten es eh noch nicht verstehen! Blödes Gefühl, als so blöde hingestellt zu werden. Doch dann waren seine Ausführungen doch wieder so spannend, daß ich ihm den Größenwahnsinn gern nachsah...

Die Bibliothek! Eh, Leute: Die Bibliothek!! Ich erspare sie euch komplett - es hat keinen Sinn, wenn ich als Büchernarr anfange, sie zu beschreiben. Da werde ich nie fertig! Es sind 3 Greise, Hutzelmännchen, die da mit den köstlichsten Folianten rumwursteln in ungezählten Räumen, Wendeltreppen zu den Galerien, Leitern an den Regalen bis zur Decke...

Kurz: Mein Lieblingsaufenthaltsort, wenn ich nicht grade im Tempel weilte, der Stimme des Meisters zu lauschen...

Der Tempel! Üppig mit Kissen ausgelegt. Von den gut 100 Leuten, die auf dem Gelände lebten, waren selten mehr als 40 - 50 anwesend. An der von ungezählten Kerzen in weiches, warmes Licht getauchten Stirnseite, mehrere Stufen erhöht, ein hoher Thron. Die vielen Kissen und der von schwarzlackierten Barocksäulen getragene Baldachin erinnerten eher an eine Lotter-Liege. Alles in schimmernder Seide, schwarz und rot. Aus allen 4 Himmelsrichtungen schien Sonne durch die farbigen Fenster mit ihren rätselhaften Zeichen und fremdartigen Symbolen zu fallen. Die hohe, farbig ausgemalte Kuppel und die wabernden Wolken schweren Weihrauchs gaben dem Ort eine geheimnisvolle, magische Note.

Nicht auszumachen, wo, versteckt in den Wänden, im Boden, in der Decke, müssen Dutzende von Lautsprechern installiert gewesen sein. Musik, die ich damals nicht hätte näher definieren können. Heute würde ich 'Trance' sagen oder 'Meditationsmusik', 'Sphärenklänge'...Dann die sonore Stimme des Signore (auch über die Boxen): "Heute freue ich mich, Freunde aus Berlin begrüßen zu können. Eine Abordnung des Zentralrates der umherschweifenden Hashrebellen mit ihrem 1. Vorsitzenden, Michael Macaba..." Man könnte glauben, ein spöttisches Grinsen regelrecht hören zu können (denn zu sehen war noch nichts!), bevor er weiter 'dozierte' :" Nun, Rebellen! Rebellion ist schon ein recht kindisches Verhalten. Doch unsere Berliner Freunde sind ja noch jung! So wollen wir ihnen ihr Ungestüm nachsehen! Schließlich haben sie ja den Weg hierher gefunden, um sich zu Edelsteinen schleifen zu lassen. Wenn sie erst mal gelernt haben, 'atmen' und 'Luft holen' zu unterscheiden, brauchen sie auch nicht das Kraut für arabische Greise...etc bla bla...". Alles in fließendem, fehlerfreiem Hochdeutsch! Dann gab er schnell eine knappe Zusammenfassung des Gesagten in englisch, spanisch und in einer asiatischen Sprache. (Später bekam ich mit, daß er das immer tat: Seinen Monolog in der Sprache, welche die meisten Anwesenden verstanden und dann Übersetzungen.) Sein Thron hatte eine versenkbare Ebene. Das war wieder eine typische Spielerei von ihm. So erschien oder verschwand er immer hinter seinem Kissenberg. Man wußte nie, wann und ob er da war, wann nicht. So ging das jeden Tag. Es gab keine festgesetzten Zeiten (und er wetterte gern dagegen - als einen Spiegel unseren starren Denkens: "Nur die 'Lektures', bei denen Du anwesend bist, sind für Dich wichtig! Vertraue Deiner inneren Uhr - sie führt Dich rechtzeitig in den Tempel...")

In seiner strahlendweißen Robe, mit dem weißen Bart und den wallenden weißen Haaren war er schon eine recht beeindruckende Erscheinung. Der Thron, das Licht und die Kissen unterstrichen diese Wirkung. An manchen Tagen sprach er, mit kleinen Pausen, in denen er verschwand, seine Stimme aber weiter zu hören war, 8 - 10 Stunden. (Ehrlich: Es wurde mir nicht langweilig, obwohl ich sonst so voller Ungeduld bin!) An anderen Tagen erschien er nur 2 - 3 mal für ein paar Minuten. (Ich glaube, er richtete sich da, außer nach seiner Laune und seiner Bio-Kurve vor allem nach dem Wetter und dem Mondstand. Zumindest war er bei strahlend schönem Sonnenschein im Park, in einer der Pagoden oder Tee-Häuschen dort - und nicht im Haupt-Tempel. Bei Vollmond philosophierte er - vor vielen Sannyasins - bis zur Morgenröte...)

Immer lief diese unbeschreibliche Musik. Sie unterlegte auch seine 'Lektures'. Zuweilen gab es 'Lektures' - ohne ihn! Vom Band! Okay, okay, ich weiß: Alles machbar. Alles nur Technik, Spitzen-Elektronik. Aber bedenke: 1975!... Obwohl der New-Age-Markt ungezählte Discetten mit Meditations-Musik und ähnlichem aufgefahren hat: Vergleichbares, wirksameres ist mir auch später nie untergekommen. Das erwähnte ich auch einmal bei der Gelegenheit, als er uns die Illumination im Park vorführte. Da lachte er verschmitzt, happy und erklärte: "Das ist klar. Weil die Leute "Menschenmusik" machen. "Kompositionen". Was sich so ein kleines Menschengehirn an Musik halt so vorstellen kann. Kappes! Alles Kappes!" (Ein Lieblingswort von ihm. Er soll, einem der vielen Gerüchte zufolge, gebürtiger ungarisch-armenischer Jude sein - das würde den Ausdruck für "Schwund", "Mist" erklären...)

"Nein, Michael, mein Lieber! Ich gestehe: Ich habe diese Musik geklaut - und halt nur von guten Musikern in guten Studios nachspielen lassen. Aber sie stammt nicht von mir. Sie stammt aus dem gleichen, universellen Archiv, aus dem sich auch Ludwig van bedient hat. Selbst wenn ich groß wäre, dann doch nie so groß wie das allgöttliche Universum. Es schwingt. Das erzeugt Töne. Das ist die Sphären-Musik, die durch Raum und Zeit klingt. Schon immer. Und lange nach uns. Manche können sie hören. Sie lebt in der Stille. Manche indische Musik versucht, sie zu kopieren....Kennst Du R. R. Tolkins 'Silmarillion'? Nie hat er selbst diese Sphären-Klänge hören können... Doch er hat darum gewußt! Seine Sehnsucht nach dieser Musik hat ihm das Buch diktiert..."

So schlicht, menschlich, freundlich waren oft auch seine 'Lektures'. Dann wieder spöttisch, zynisch, rätselhaft, weise und größenwahnsinnig.... Man wußte nie, woran man bei ihm ist. Das machte ihn mir so sympatisch. Viele Freunde fanden es grauenvoll. Die Leute erwarteten einfache Gebrauchsanweisungen, Regeln für das Leben. Doch die gab er nicht. Vieles schien gar widersprüchlich. Oder wollte er mit seinen 'Lektures' zum selbst-denken und selbst entscheiden anregen? Ich weiß es nicht. So z. B. das Reizthema 'Vegetarismus'. Bei den gelegentlichen gemeinsamen Essen (um nicht zu sagen: Freßorgien...) in der großen Sala des Schlosses sah ich durchaus mal deftige Brocken auf seinem Teller: Einen Hecht, eine Lammkeule oder Gänsebrust...Paßt das zu Ausführungen wie: "Die Kuh hat Milch, damit das Kalb auch eine Kuh oder ein Bulle wird. Wenn Du ihr die immer wegnimmst und selbst verbrauchst, wundere Dich nicht, wenn Dir Hörner wachsen..." oder, deutlicher: "Es gibt 2 Bewegungsrichtungen für den Menschen: Hin zum Göttlichen oder hin zum Tierischen. Der 1. Weg ist schwierig. Deshalb arbeiten wir daran so lang. Ein paar Wandertips kann ich euch geben, laufen müßt ihr selbst. Doch der Großteil der Menschheit wählt den 2. Weg - weil man ihn auch gehen kann, ohne nachzudenken. Z.B. reicht es schon, immer tüchtig tote Tiere zu essen. Täglich ein Stück vom Schwein, nach einiger Zeit wirst Du eines. Schaut euch in der Stadt um. Auf den ersten Blich könntest Du alles für Menschen halten - aber sie genau hin: Meist sind es Rindsviecher, sind es Puten, Hühner, Gänse. Meistens aber doch eben Schweine. Rosig und dumpf..." Als ihm daraufhin ein bleicher Sannyasi empört vorhielt, daß er doch selbst nicht strenger Vegetarier sei, bekam der Alte einen solchen Lachanfall, daß ihm die Geflügelkeule, an der er gerade rumnagte, fast im Halse stecken geblieben wäre: "Gut beobachtet, mein Sohn! Brav! Immer schön aufpassen! Tja, weißt Du, MIR macht das nichts mehr, ICH kann das essen. Es geht durch mich hindurch. Es berührt mich nicht. Im Gegenteil, es erdet mich. Damit ich noch eine Weile unter euch Weilen kann. Doch okay: Du gehst den göttlichen Weg?! Recht so! Brav! Ernährst Dich ausschließlich von Pflanzenkost?! Löblich! Tüchtig!" Und nach einer Pause fügt er verschmitzt hinzu: "Doch mußt Du verdammt aufpassen, daß Du nicht eine Mohrrübe wirst!" Als ich mich heute, nach 25 Jahren, mal wieder an Signore Kis Maet erinnerte, glaubte ich, Dir mit ein paar schnellen Strichen ein Bild von ihm malen zu können. Doch nun sehe ich: Noch immer keine rechte Vorstellung von der Faszination, die - bei allem Wahnsinn - von diesem Mann ausging. So bringe bitte noch die Geduld auf für 2 knappe Schlaglichter: Eines aus seiner 'Lehre' und Karriere (soweit bekannt) und eines auf den unglaublichen Park. Wenn Du mal nach Italien fährst, fahr doch über den Lago di Como. Vielleicht findest Du die Pforte. Ich habe in den späteren Jahren etliche Leute hingeschickt. Einige fanden es. Andere nicht. Skizzen mitzugeben war strickt untersagt. Ich denke, die Pforte schützt sich selbst. Die potentiellen Schüler werden vorausgesiebt - von Kräften, die ich nicht kenne.

... fortsetzung folgt...