Aus dem menschlichen Kuriositäten-Kabinett

Michael Geißler 01.01.'98


: signore kis maet : teil 2


In der Vorhalle zum Tempel steht eine Vitrine, Panzerglas, raffiniert ausgeleuchtet: eine schlichte Sandale. Du kennst diese Art, wie Badelatschen: eine Sohle wird von zwei Riemen gehalten, durch den großem Zeh.. Es ist noch heute das einzige Schuhwerk für Millionen und Abermillionen Menschen in der sog. 3. Welt. Da eigentümliche: Diese hier ist aus Autoreifengummi. Die Sohle aus dem Profil, die beiden Riemen aus den Felgenseiten. Ich glaube, selten hat jemand diesem simplen Latschen Aufmerksamkeit geschenkt.

Ich fragte Angi, ein noch recht junges Ding aus den Staaten, fortgeschrittene Adeptin des Meisters. Im breiten New-York-Slang berichtete sie mir strahlend, als stamme die Super-Idee von ihr: "Mit der Idee hat Signore Kis Maet seine ersten Millionen gemacht. Er war als junger Abenteurer in Asien unterwegs. Überall auf der Welt müllen kaputte Reifen die Landschaft, die Vorstädte zu. Keiner weiß, wie man sie entsorgen oder gar recyclen kann. Da ließ er diese Sandalen daraus fertigen. Es begann gerade der Korea-Krieg! Ein Bomben-Erfolg! Stell` dir den bedarf vor. Militärfahrzeuge: Rohmaterial kostenlos. Keine Maschinen nötig. Nur ein Messer. Weit über eine Milliarde Menschen laufen barfuß. Diese Reifenlatschen waren so billig, daß auch die Ärmsten sie sich leisten konnten. Und unverwüstlich. Kaum vorstellbar, doch die ersten Millionen Dollar waren schnell beisammen. Wie sagt ihr so schön?: Kleinvieh macht Mist! Und weil er all` die Jahre da so viel reisen mußte, war bald eine Fährschiff-Flotte von ihm aufgestellt. Es bestand ein enormer Bedarf, zumal in der Indonesischen Inselwelt. Nur hatte sich noch nicht niemand rangewagt. Diese Projekte waren noch viel lohnender..."
"Aha ! Ungarischer Jude. Allet klärchen!" dachte ich.

Die Lehre des Meisters in Kurzfassung. Immer ganz in weiß saß er, imposant, zwischen seinen roten und schwarzen Kissen auf dem Thron... Täglich rollte er andere, detaillierte Aspekte der Menschheitsgeschichte auf. In den Anfängen: Kannibalismus. Intelligenzsteigerung konnte ursprünglich nur entstehen, durch das Essen intelligenzspeichernder Gehirne. Frisch. So frisch wie möglich. Die chemische, elektromagnetische Schwingung sollte möglichst noch erhalten sein. Grundmuster prägen sich ins Hirn, wie Falten ins Gesicht. Ißt Du viel Tierhirn, wirst Du viel Instinkt entwickeln. Doch die Alten wußten: Eigene dir die Intelligenz Deiner Feinde an! Genau das habe er gemacht. Man sähe wohin es ihn geführt habe. Kannibalismus sei einerseits so alt wie die Menschheit, andererseits ein Riesen-Tabu. Warum: Die Herrschenden wollten das für sich behalten! Vielen Dutzend Stämmen auf dem ganzen Globus mußten die christlichen Missionare diese Unsitte erst austreiben.
Und dann geht er ins Detail (das ich uns hier erspare), bringt Beispiele (die du natürlich nicht überprüfen kannst!) aus allen Zeiten und Kulturen... Diese habe sich übrigens vom goldenen Dreieck aus (Laos, Kambodscha, Vietnam) mit der Entdeckung der Bronze stets westwärts bewegt, dann Klein-Asien, die Antike, weiter nach Venedig, Florenz (Renaissiance), Nürnberg, Aachen, von London der Sprung über den großen Teich, von New York stets weiter westwärts - bis die Suchenden, Avantgarde am Pazifik stand. Da ging es nicht mehr weiter. Also nur noch hoch. Deshalb seien therapeutische, spirituelle und esoterische Schulen nirgends so weit verbreitet wie zum Beispiel in L.A., in Berkeley.

Es war hochspannend, toll aufbereitet, allein nur das Rumgeflippe durch die verschiedenen Sprachen, wobei er anscheinend immer genau mit einem Blick erfaßt hatte, wer anwesend war, wer nicht. Da wir die einzigen Deutschen waren, sprach er auch nicht deutsch, wenn ich nicht unter den Zuhörern weilte, berichteten mir meine Hash-Rebellen, die er wohl alle nicht für voll nahm - was ich ihm nicht verdenken kann, so stoned, wie die da immer kicherten... Letztes Kapitel: Der Park!

Leute, der Park, der sich bis hoch in die Berge und in immer dichteren Wald zog. Also das war schon ein Traum! Der ganze alte Baumbestand war erhalten geblieben. Kunstvoll Büsche und Bäume dazugepflanzt. Hügeliges Gelände. Alles künstlich aufgeschüttet. Bächlein gluckerten über Steine, kleine Teiche, Pagoden, Moscheen, Tempelchen, Tee-Häuschen und andere Garten-Lauschigkeiten. Manches, wie die geschwungenen Brücken, wirkte Japanisch, manche Sitzecke streng ZEN...

Ein Buschlabyrinth - aus dem du echt nicht herauskamst! (Deshalb war da speziell ein Helfer abgestellt) Das eigentliche aber war: Signore Kis Maet besaß die (angeblich) größte Sammlung an Buddha`s - und anderen indischen, asiatischen Statuen, von 30 cm bis über 3 m aus allen Arten von Steinen und Metallen... Jedes Museum müßte neidisch sein.

Er muß den ganzen, unendlichen Raum von Indien über Thailand, Indonesien bis nach Japan auf der Suche nach den erlesensten Köstlichkeiten abgeklappert haben. Hier wird auch klar, daß er mit den verschiedenen Geheimdiensten kooperiert haben muß: Anders hätte er viele Statuen, zum Teil massiv aus Edelmetall, blattvergoldet gar nicht aus den Ländern und nach Europa schaffen können...
Höhepunkt und vorläufiger Schluß: Den letzten Versuch, mich für ihn und seine Sache zu begeistern, unternahm der Erleuchtete, als ich am Abend vor meiner angekündigten Weiterreise eine spezielle Einladung erhielt . Ich möchte mich doch bitte nach Sonnenuntergang (ohne meine Bande) auf seiner oberen Terrasse im Schloß einfinden. (Zu der Zeit hatte ich die Gewohnheit, bei Sonnenuntergang eine kleine Wasserpfeife zu rauchen. Das hatte ich an diesem Tag noch nicht gemacht. Und Gott sei dank! Denn was er mir vorführte, hätte ich stoned nicht glauben und schon gar nicht so genau zu erinnern vermocht...)

Unter den Palmen, am Brunnen in einem der lauschigen Innenhöfe erwartete mich Angi schon. Wieder wurde mir bewußt, daß sie zu den fortgeschrittensten SchülerInnen des Meisters zählte. Ihre Nähe war geradezu deutlich körperlich zu spüren, wie eine intensive, erotische Berührung. Es bereitete mir große Mühe, ihrem 'Röntgenblick' standzuhalten. Sie schien in mich hinein, direkt durch mich durchschauen zu können, meine geheimsten Gedanken zu lesen. Alle, bis auf Kim und den Meister, senkten vor ihr den Blick. Auch wenn es noch so verlockend war, solche und andere Fähigkeiten zu erlernen, ich war entschlossen, weiterzureisen, mein Leben selbst zu gestalten. Auch wenn ich aller Sorgen, auch der materiellen, auf einen Schlag enthoben wäre: Ich konnte mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, ein Sannyasin, ein Schüler zu sein. Auch wenn Signore Kis Maet wirklich ein Hocheingeweihter war und seine Lehre frapierend - ich war ein Suchender. Deutlich spürte ich, daß meine Suche hier noch nicht zu Ende war. Daß es mein Karma, mein Kismet war, weiter zu suchen. Angi hatte mir diesen Entschluß sofort angesehen - und ich hatte das Gefühl, daß sie ihn, wenn auch mit Bedauern, akzeptierte.
Nicht so der Meister selbst. Doch eines nach dem anderen.

Durch verwirrende Flure, Räume, die ich noch nie gesehen hatte, über Wendeltreppen und zum Schluß eine Rutsche aus polierter Bronze gelangten wir zur Sternwarten-Terrasse. Nur eine Handvoll Jünger aus dem 'Inner Circle' umgab den Meister. Vorher noch so frohgemut, kam ich mir plötzlich klein und unbedeutend vor, als er so imposant vor mir stand. Tatsächlich eine Respekt einflößende Erscheinung - egal, was man nun von ihm hielt: Trotz der Jahre noch über 190 cm groß, sehr schlank, mit dem weißen, langen Zickenbart am Kinn, a la Ho Chi Min, in einem bodenlangen Kaftan aus weißer Rohseide. Ihm genügte wohl ein Seitenblick auf mich, um zu wissen, daß ich abreisen würde. Kurz spürte ich einen Schmerz, als krampfe sich das Herz zu - und schon hatte er sich wieder voll in der Gewalt. Ja, er wirkte plötzlich ungewöhnlich heiter und gelöst. Ich glaubte, es sei die Vorfreude auf das bevorstehende Lieblingsspiel (wie mir Angi versichert hatte). Doch es war noch etwas anderes. Ich spürte, wie die Luft vibrierte. Alle meine (unsere!) Sinne waren bis zum Zerreißen angespannt. Und da kam es auch schon - der letzte Versuch, mich umzustimmen, die letzte Prüfung meiner Standhaftigkeit: Mit spielerischer Lässigkeit griff er in eine Falte seines weiten Gewandes, zauberte ein paar kleine, funkelnde Gegenstände hervor und breitete sie vor mir auf dem Tisch aus. Ein ziseliertes, kleines Zeremonien-Messer aus Toledo, ein Ei aus Sterling-Silber (zum Aufklappen und Verstauen seiner 'Goodies'), eine Bernstein- und eine Jade-Arbeit - kurz, alles Dinge aus meiner verschlossenen (!) Wohnung in Berlin. "Ich dachte, Du hättest diese Dinge gern bei Dir -wenn Du Dich denn doch noch entschließt, Deine Pläne zu ändern...." Das war ganz klar eine Demonstration seiner Macht! Daß es keinen Ort der Welt gibt, an dem ich mich verkriechen konnte... Es erinnerte mich an die 'Botschaft der warmen Brötchen' - eine Tradition bei den Assasinen, die als letzte Warnung ein noch ofenfrisches Fladenbrot auf den Nachttisch des Todgeweihten plazierten. Um zu zeigen, daß es für sie keine verschlossenen Türen gibt!
Mir war klar, daß meine Reaktion über mein weiteres Leben (oder nicht...) entscheiden würde.
Und so sagt ich ehrlichen Herzens und ergeben: "Ich danke Euch, Meister. Tatsächlich sind diese Kleinodien mir sehr ans Herz gewachsen und ich freue mich, sie wieder bei mir zu haben. Denn lange werde ich meine geliebte Geburtsstadt nicht wiedersehen. Ich gehe auf eine weite Reise, nach Persien, nach Afgahnistan - auf die Suche nach einem Sufi-Lehrer. Auch wenn ich Euch morgen verlassen muß, Meister, so gehe ich doch mit einem Herzen voller Dank!" Erschöpft ließ ich mich auf die Bank fallen. Mir war schwindelig. Mir war klar, daß selten jemand so viele ungefragte Worte an den Meister richtete...Und wie lange hatte ich gequatscht? Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich eine steile Zornesfalte auf seiner Stirn. Doch plötzlich brach er in Lachen aus: "Einen Sufi-Lehrer muß er finden, der Kleine! Süß! Ganz wie ich in diesem Knabenalter! Steht mitten im Licht und will in die Finsternis - die Sonne suchen! Köstlich. Doch Reisende soll man nicht aufhalten. All meinen Segen auf Deinen wirren Wegen!" Dann klatschte er in die Hände und es wurde süßes Naschwerk gereicht. Oder wahlweise Silberschalen mit gerösteten Pinienkernen, Taubenschenkel und winzige Grillfischchen. Dazu erlesene Weine, wie ich sie noch nie gekostet hatte (Obwohl Alk, also auch Wein, die einzige Droge ist, von der ich absolut Null Ahnung habe - außer, daß ich weiß, sie macht mich blöde und besoffen und der nächste Tag ist grau...)

Kurz bekam ich mit, wie Angi und Kim Blicke austauschten. Dann verriet mir ein bedeutungsvoller Blick von Kim, daß ich mit meiner ehrlichen Antwort wohl grade noch knapp meinen Arsch gerettet hatte. Signore Kis Maet hatte, aus welchen Gründen auch immer, einen Narren an mir gefressen - er bot mir die Welt und ich schlug sie aus! Es ist sicher nicht häufig in seinem Leben vorgekommen, daß etwas nicht nach seinen Wünschen verlief... Nach einer Weile löste sich die Spannung.

Während sich allgemeine Ausgelassenheit breitmachte, beobachtete ich, daß der Meister an seinen süßen Weinen nur nippte - und tat es ihm nach. Es herrschte die totale Finsternis einer Neumond-Nacht. Schwarz lag der Park vor uns. Plötzlich stand eine große Buddha-Figur in flammendem, goldenem Licht. Kurz darauf, am anderen Ende des Parks, illuminierte eine thailändische, schlanke Bronze-Figur, über 3 m hoch, in bronzefarbenen Licht. Von irgendwoher wehten die so köstlichen Sphären-Klänge zu uns herüber und weitere Statuen erstrahlten in der weiten Parklandschaft, das Licht streifte Pagoden, Tempelchen, Brücken und spiegelte sich in den kleinen Teichen und Bächen. Kurz: Der Meister vergnügte sich wie ein Knabe an einer Armatur, einem Mischpult, mit dem er jede der vielen Figuren in Licht tauchen konnte, dimmern oder einfärben. Suchscheinwerfer glitten sacht über die Hügel, Teehäuschen oder Schilfgürtel... Wirklich, wirklich schön. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Einfach: Schön! Was Menschenhand zu vollbringen vermag. Wir waren alle ergriffen. Keiner sprach. Hier begegneten sich Jahrtausende. Uralte, spirituelle Handwerkskunst und allermodernste Technik. Es wurde eine lange Nacht. Alles, was sich zwischen uns abspielte, geschah ohne ein Wort. Als wir uns bei Aurora, der ersten Morgenröte, voneinander für immer trennten, waren es lange, lange Umarmungen...
Ich glaubte, die Nässe einer Träne auf meiner Wange zu spüren, als sie die des Meisters bei der Umarmung berührte. Vielleicht war es nur der Morgentau...
Warum ich weiter mußte und wohin - das ist eine andere Geschichte!

EPILOG:
Sommer '97, also 22 Jahre später überwinde ich meine eingefleischte Abneigung gegen Autos, sitze neben meiner Frau (und großen Liebe) in einem und wir rollern auf die Alpen zu - Directione Italia Bella: "On the road again!" Da sticht mich der Hafer, ich nehme die Karte und lege den Umweg über Como fest. Eine spontane Eingebung.
Bei Sonnenaufgang daimlern wir vor die Einfahrt. Verriegelt und verrammelt. Was vom Weg zu sehen ist, zeigt, daß die Natur sich ihr Recht zurückerobert: Gräser und kleines Buschwerk drängen sich in den Spalten des Kopfsteinpflasters. Keine Glocke, nichts rührt sich. Wie ausgestorben. 1975 war im Sommer der frühe Morgen die aktivste Zeit. Um die Morgenkühle zu nutzen. Ich beschließe, zu warten und parke den Wagen im Schatten, mit Blick auf die Einfahrt. Warten, dösen, warten. Ungerufen steigen Bilder aus der Vergangenheit in mir auf, wird die Erinnerung wach. Die Zeit auf dem Gelände dort hinter der eisernen Pforte gehört zweifelsfrei zu den Perlen auf der Kette meines Lebens. Mein Gott, ist das lange her! Was war ich doch damals jung und unerfahren... Wo wäre ich heute, wenn ich Sannyasin des Meisters geworden wäre? Sicher würde ich heute mit Millionenbeträgen in Südostasien spekulieren... Doch egal, wie steil und steinig der Weg auch war, der hinter mir liegt - ich mußte ihn gehen. Meinen eigenen Weg...So, wie es andere gibt, die ohne 'Führer' nicht zurechtkommen. Ein kurzer Blick auf die Schönheit neben mir - und ich weiß: Es war nicht immer leicht - doch es war richtig so!

Es wird 10, es wird 11 Uhr, grad, wo ich die Suche nach Signore Kis Maet und seinem Gefolge abzubrechen beschließe, huscht eine kleine, dunkle Gestalt aus einer niederen Seitenpforte. Ich stürme ihr nach. Erkenne sie! Das soll Susann aus Basel sein? Angies liebste Gespielin? Die stolze Schönheit aus dem 'Inner Circle'? Als ich sie kennenlernte, war sie eine blühende Frau in der Lebensmitte. Jetzt steht hier vor mir ein gekrümmtes Mütterlein im schwarzen Kopftuch, den Einkaufskorb unterm Arm. Welche Spuren die Zeit wohl an mir hinterlassen hat? Bin auch ich so alt geworden?
Erst nach langem Zögern erkennt sie mich an der Sprache. Ja, ja, gerade diese Berliner Schnodderigkeit, Respektlosigkeit habe derzeit doch dem Meister so gefallen. Es dauert lange, bis ich sie in eine schattige Nische auf der Terasse eines Weinlokals am See bugsiert habe. Oje, Herrgott - nur Flaschenweine, ab 18o DM! Dabei trinke ich das Zeug doch gar nicht. Meine Frau ist im Hotel. Nach etlichen Schlucken bricht es aus ihr heraus. Hier die Kurzfassung:
Der Erleuchtete wurde im Laufe der Jahr doch immer älter und gebrechlicher (warum auch nicht?) und verließ 1990 das Anwesen. Als er 1993 aus Indonesien zurückkehrte, sei er nicht wiederzuerkennen gewesen: Gesund, rosig, stämmig und voller Tatendrang hätte er den Eindruck eines Mannes in der Blüte seiner Jahre gemacht! Bart und Haare dunkelbraun - nun, das kann man färben! Das Gesicht kann man liften...Doch Susann bestand darauf, daß er durch eine Verjüngungskur gegangen sein muß. Dann habe er sofort etliche, weitsichtige Veränderungen vorgenommen. Sie verriet nicht, welcherart diese waren, doch kann ich mir das schon denken... Galt sie doch als Börsen- und Finanzgenie. Den Besucherstrom habe er eingestellt, die 'tauben Nüsse' unter den Adepten aussortiert. Kim und Angi, die den Laden schon während seiner Abwesenheit gut geleitet hatten, wurden von ihm offiziell als seine Stellvertreter bestätigt und mit umfangreichen Vollmachten ausgestattet.
Einige seiner Schüler gingen 'runter' (d.h. auf seine Inseln im Südchinesischen Meer), andere 'hoch' (d.h. auf seine Anwesen in den unzugänglichen Bergen auf den Philippinen). Hier hielte nur noch eine handvoll Getreuer die Stellung.
Was war passiert? Als wenn er es vorausgesehen hätte: Im Winter 1994 wurde er auf dem Flughafen von Zürich verhaftet. Ob ich denn nichts gelesen hätte - die Presse sei doch voll davon gewesen?! Hatte ich nicht. Blut- und Tränen-Kolportagen interessierten mich nicht.

Die Anklage: Er habe von Bombay bis Bali eine Blutspur hinterlassen. Grausige magisch-spirituell begründete Ritualmorde. Das besonders abstoßend-makabere: Allen Opfern fehlten die Gehirne... Soll ich noch weitererzählen? Den Rest kannst Du Dir denken. Im Sommer '95 sei ihm die Flucht aus der Untersuchungshaftanstalt gelungen - ganz sicher mit hohen Bestechungssummen, seither fehle auch von Angi jede Spur. Zuweilen melde er sich kurz telefonisch, um ein paar Anweisungen zu geben. In dem Zusammenhang verspräche er, wiederzukehren, als ein Anderer, oder spätestens, wenn die Tat verjährt sei: In 30 Jahren! Als wenn es den Faktor Zeit für ihn nicht gäbe, Alter, Krankheit, Tod, der Weg jedes Sterblichen - für ihn scheint er nicht gemacht...

Später recherchierte ich noch Folgendes:
Ein besonderer Umstand gab der Interpol eine extraharte Nuss zu knacken: In der Regel kamen die Opfer von Mord meist aus dem 'Milieu', der Rotlicht- und Bandenszene. Oder sie wurden bei einem Raub getötet. Doch hier handelte es sich um die jeweiligen Spitzenköpfe aus Kunst und Kultur, sowie um führende Wissenschaftler und Hocheingeweihter esoterischer, spiritueller Schulen. Wir, geneigte Leser, wissen warum. Wollte sich Signore Kis Maet die Fähigkeiten eines begnadeten Tabla-Spielers aneignen, die Grazie einer jungen Gamalan-Tänzerin, das Wissen eines führenden Biochemikers oder eines anderen 'Erleuchteten'?
Ferner mußte es sich bei dem Täter -und es mußte sich immer um ein und denselben handeln, bei der Präzision des Schädel-Öffnens mit einer speziellen Chirurgensäge - um einen 'Verkleidungskünstler' handeln, mit ganzen Koffern von Requisiten wie Bärten, Perücken, Pässen etc: Das Personal der Hotels, in denen sich der großzügige Fremde jeweils Luxussuiten mietete, konnte sich an einen eleganten Herrn in Begleitung einer blutjungen Schönheit erinnern, die seine Tochter hätte sein können, ganz sicher aber die Geliebte (und Mit-Täterin?) war. Ansonsten waren die Aussagen unterschiedlich: Er sprach fehlerfrei in der jeweiligen Landessprache, variierte sein Äußeres jedoch von Mal zu Mal: Edle europäische Maßanzüge, fließend weiße arabische Burnusse oder die traditionelle Kleidung der jeweiligen Führungsschicht des Landes...

Nun, diese überdreht-versponnenen Spielereien, diese Manie, die ganze Welt als Bühne und sich als Hauptdarsteller zu begreifen, hatte ich ja schon bei meinem Besuch '75 beobachtet. Doch daß er seine absurden Kannibalismus-Theorien wirklich mal in die Tat umsetzt - das hätte ich nie für möglich gehalten. Hatte er mit 'Gehirne' tatsächlich 'Gehirne' gemeint? Ich hatte das immer als Methapher für geistige Entwicklung verstanden - und 'essen' als feinstofflichen Vorgang, aber doch niemals real! Aber irgend etwas muße doch dran sein an der Manipulation mit seinem Alter... nur was? Schon während meines Aufenthaltes machte er sichtbar eine Entwicklung durch von 'über 70' bis 'unter 50' - auch wenn vieles durch Schauspielerei und Theaterschminke zu bewerkstelligen ist. Doch warum? Wieso? Waren nicht US-amerikanische Forscher aus dem Kreis der Uni Berkeley (Th. Leary, R. A. Wilson, John C. Lilly u.v.a.) auf dem selben Trip? Daß Altern und Sterben altmodisch sei? Daß sie der Formel auf der Spur wären, diesen Prozess zu stoppen? Nun, für Leary kam er auf jeden Fall zu spät - und mich interessiert er nicht sonderlich... 'In die ewigen Jagdgründe zu gehen' ist doch das letzte große Abenteuer, auf das man sich freuen kann... Daß ein Mensch, der die größte Buddha-Skulpturen-Sammlung, die zweitgrößte magisch-spirituelle Bibliothek (nach dem Vatikan) zusammengetragen hat, daß der das anders sieht - nun, das verstehe ich schon!
Also, Jugend der Welt: Aufruf an alle: Haltet die Augen offen. Wenn Signore Kis Maet tatsächlich so etwas wie 'der ewige Jude' ist, mit der 'Unsterblichkeitsformel' hantiert, dann werdet ihr ihn finden. Spätestens im Jahre 2025 sind seine Taten verjährt, kann er in die Öffentlichkeit treten. Ihn für eine Weile zu genießen, lohnt allemal. Das kann ich nicht anders sagen!

Warum rufe ich die Vergangenheit wach, warum erzähle ich Dir (und mir) denn von dem alten 'Baba' - der sich dieses fulminante Rythmus-feeling eines Tabla-Trommlers aus Kerala, der sich dieses elfenhafte Körper-feeling einer balinesischen Tempeltänzerin über ihre noch lebenswarmen Gehirne anzueignen versuchte...?
Nun, zum einen, weil es schön ist, von Menschen zu wissen, die mehr können, als Brot essen...in diesen seelisch-geistigen Einöden, in denen wir hier hausen, bei Aldi, in der U-Bahn, auf der Arbeit! Zum anderen, weil er ausdrücklich auf das GEHIRN hinweist - auf das Organ, das tatsächlich dazu in der Lage wäre, die Menschen von ihren Ketten zu befreien: Von Armut, Krankheit, Leid, auch von Arbeit und vor allem Unliebe! (Natürlich auf anderen Wegen als dem Kannibalismus - da kippt das Genie des Signore um und wird zum Wahnsinn). Das Gehirn ist das Organ, von dem die meisten Mystiker (und jetzt die moderne Neuro-Forschung) sagen, daß es schläft, daß es mit seinen ungeahnten Möglichkeiten kaum genutzt wird. Viele esoterische und spirituelle Schulen haben kein anderes Ziel, als es mit den unterschiedlichsten Methoden zu erwecken. Du und ich z.B. nutzen nicht mal 5% unserer Gehirnkapazität...
Mag sein, daß eine Laune der Natur dazu geführt hat, daß dem Meister sein Gehirn zum überwiegenden Teil zur Verfügung stand. Den Eindruck machte er auch: Ein katzenhaftes Sein: Überhellwach und dabei schläfrig, total entspannt, neugierig, schelmisch und dabei ganz gelassen... So erklärt sich auch, daß ihm die vielen Sprachen nur so zufielen, daß er gegen fast beliebig viele Leute gleichzeitig Schach spielen konnte, daß er sich in dem riesigen arabisch-asiatischen Raum bewegen konnte, wie ein Fisch im Wasser - und das vor den Möglichkeiten des modernen Tourismus.

"WIR SIND RIESEN - VON ZWERGEN ERZOGEN" . Signore Kis Maet war -bei allem Wahnsinn - zweifelsfrei ein Riese. Selten genug - und somit eine Story wert!