: V'03 : the review

text: nicolas ossberger

"Die Wahnsinnigen können den Perversen nicht helfen!“ (aus "Die Teuflischen von Mykonos“, GR 1975)

Aus. Vorbei. Das letzte Stündchen hat geschlagen. Zwei Wochen Festival-Fieber liegen hinter dem Schreiber dieser Zeilen, 14 Tage im Vollrausch der bewegten Bilder. Eine Bestandsaufnahme.

Der nüchterne Blick zurück attestiert Direktor Hans Hurch und seinem Team erneut einen sensationellen Erfolg. Unter dem Motte „Ein neues Jahr, eine neue Superlative“ spricht die Besucherstatistik nach Abschluss der 41. Viennale erneut eine deutliche Sprache. Nachdem man im Vorjahr bereits die 70.000er-Schallgrenze durchbrechen konnte, toppte man 2003 dieses Ergebnis noch einmal mit einem Plus von beinahe 5000 Besuchern und einer Gesamtauslastung von 74,16%.

Rant #1

Bedauerlicherweise erlebte allerdings auch ein weiterer, weit weniger erfreulicher, Trend der letzten Jahre seine Fortsetzung. Jener des mediokeren Hauptprogramms nämlich. Ob es am Umstand liegt, dass zur Zeit tatsächlich nur wenige wirklich herausragende Produktionen das Licht der Welt erblicken oder jene schlicht und ergreifend eben nicht ins Festival-Konzept passen, sei einmal dahingestellt – es dürfen jedoch ob der Tatsache, dass man beispielsweise die neuen Werke von Richard Linklater, Guy Maddin oder Takashi Miike vergeblich im Katalog suchen musste, verwundert die Augenbrauen hochgezogen werden. Frei nach dem Motto „Wien darf weder Rotterdam noch Toronto werden“ hat die Viennale so in den letzten Jahren einen Weg eingeschlagen, der einen schon zum Illusionisten abstempelt, verkündet man nur vorab seine geheimen Filmwünsche.

So ergab sich heuer, ähnlich schon wie in den letzten Jahren, eine in dieser Form sicherlich einzigartige Programmierung, welche zwar in Sachen Auswahlkriterien und Relevanz einige Fragen aufwarf, der man aber zumindest eine gesunde Portion cineastischer Abenteuerlust beschönigen kann. Wer bei einem Festival vorderrangig darauf aus ist unentdecktes Filmland zu erforschen, kommt in Wien voll und ganz auf seine Rechnung.

Oder auch nicht, denn gerade die im Vorfeld hochgelobten Erstlingswerke schwankten durchwegs zwischen auf unspektakulär getrimmter Affektiertheit („Ana Y Los Otros“), überinszenierter Mühsamkeit („Lo-du Moo-Bi“, „Mil-Ae“), Konsenskino („Nói Albinoi“) und blankem Ärgernis („Masked and Anonymous“).

Weapons of Choice

Im Konzert der großen Namen gelang es abermals Takeshi Kitano die Lacher auf seine Seite zu ziehen, der mit seiner zugegebenermaßen wenig ehrfurchtsvollen Bearbeitung des Schwertkampfklassikers „Zatoichi“, nicht nur die Old-School-Fraktion in seiner Heimat gegen sich aufbrachte, sondern souverän wie immer einen absoluten Höhepunkt des Kinojahres fabrizierte.

Das größte cineastische Wunder der letzten zwei, drei Jahre ist allerdings mit Sicherheit Gus Van Sants very own Relaunch. Hatte diesen Mann noch irgendjemand ernsthaft auf der Rechnung? Unwahrscheinlich. Ein augenscheinlicher Fehler, denn was letztes Jahr mit seinem visuellen Meisterstück „Gerry“ begann, setzte er heuer mit „Elephant“ fort. Trotz eines Themas bei dem man eigentlich nur verlieren kann, im Zentrum steht eine US-High School am Tag eines Massakers der Marke Littleton, macht Van Sant einfach alles richtig. Er verzichtet auf moralische Belehrung und prätentiöse Ursachenforschung und lässt den Dingen seinen Lauf (und nebenher gleich eine ganze Riege an Kollegen sehr schlecht aussehen).

Seit vielen Jahren eine verlässliche Konstante im Big Business sind Ethan und Joel Coen. Ebenso eine fixe Bank ist allerdings auf jene seltsame Spezies Mensch, die einem nach wirklich jedem neuen Film der beiden Brüder erzählt, dieser wäre nun aber wirklich ihr Schlechtester gewesen. Get A Life! möchte man jenen Herrschaften dann gerne als Lebensweisheit auf den Weg mitgeben oder zumindest eine Kopie von „Raising Arizona“. „Intolerable Cruelty“ jedenfalls bietet Mainstream-Kino von seiner besten und amüsantesten Seite.

For whom the Bell talls

Mit trockenen Humor kann erneut auch wieder Meister Sabu aufwarten, der mit „The Blessing Bell“ einen absolut liebenswerten und witzigen Film geschaffen hat, der mit seiner skurrilen Handlung - Mann verliert Job, landet unschuldig im Gefängnis, rettet Kinder aus Feuer, sieht einen Geist, gewinnt die Lotterie, wird ausgeraubt, usw. – eigentlich komplett aus dem gewohnt von sozialen Dramen geprägten Rahmen fällt und vielleicht gerade deshalb zu den Höhepunkten des Festivals zählt.

Das er sich zuletzt selbst in eine veritable Sackgasse manövriert hat, dürfte Lars von Trier nicht unmaßgeblich beim Schreiben des Skripts zu „Dogville“ beeinflusst haben. Dementsprechend lange muss das Publikum auch warten, bis der Regisseur sein eigenes Dilemma zu lösen in der Lage ist. 2,5 Stunden Vorgeschichte der Marke „Malen nach Zahlen – der Lars von Trier Film zum Selbstbasteln“ für ein zugegebenermaßen gelungenes Finale verlangen nämlich schon eine große Portion Fanboytum.

Leider beinahe völlig untergegangen ist Ishikawa Hiroshis „tokyo.sora“, einer der wohl interessantesten Auseinandersetzungen mit dem Thema der Entfremdung und Einsamkeit weiblicher Großstadtbewohner. In wunderschönen, distanzierten Bildern zeigt der eigentlich aus der Werbung kommende Regisseur das Leben von sechs Frauen in Tokyo, deren Lebensumstände zwar durchwegs verschieden sind, unbekannterweise aber eine große gemeinsame Einheit bilden. Es bleibt zu hoffen, dass dem Film ein ähnliches Schicksal wie Shunichi Nagasakis letztjährigen Meisterwerk „Yawaraka Na Hoo“ erspart bleibt und sich noch irgendjemand erbarmt ihn in den Verleih zu nehmen.

Show me the Bunny!

Kein Problem einen Verleih für seinen neuen Film „The Brown Bunny“ zu finden hatte Vincent Gallo. Die neue Fassung seines Cannes-Aufregers hatte in Wien Europapremiere und sorgte selbstredend für zwiespältige Reaktionen. Klarer Fall von Zwei-Fronten-Krieg, Grauzonen zwischen „Das Größte!“ und „Der letzte Dreck“ konnten keine ausgemacht werden. Umso erfreulicher, dass die internationale FIPRESCI-Jury den Film mit dem diesjährigen Hauptpreis der Filmkritik auszeichnete, schuf Gallo hier doch ein wirklich denkwürdiges Monument der Sehnsucht und des Verlangens.

Aber nicht nur wegen „The Brown Bunny“ zählt Roger Eberts größter Fan zu den klaren Gewinnern des Festivals. In diesem Jahr, das kann man ohne Übertreibung festhalten, spielte die Musik definitiv außerhalb des Hauptprogramms, in den Tributes, Special Programs und der Retrospektive. So konnte Gallo gleich mehrmals punkten, als Late-Night-Talker in „Get Well Soon“, Hero of the Day in „Palookaville“ oder Neuzeit-Vampir in „Trouble Every Day“.

Gewalt rast durch die Stadt

Wie bereits im Preview zur V’03 befürchtet, hatte die dem Münchner Werkstattkino gewidmete Nightline in der Urania kein Toppriorität im diesjährigen Festivalkonzept. Während man den Bazar-Methoden zur Saalfüllung des Tomasz Stanko Quartett Konzertes im Gartenbaukino kaum entkommen konnte, hätte man im Falle der „Sex, Gewalt und gute Laune“-Schiene annehmen können, sie wäre gestrichen worden. Dementsprechend schwach fiel auch leider der Besuch aus und das bei zweitlosen Klassikern wie „King Kong – Frankensteins Sohn“ und „Infra Man“.

Überhaupt entwickelte sich die Urania recht rasch zum Treffpunkt der üblichen Verdächtigen, denn auch wenn der neue Saal vom Charme her wie eine Mischung aus San Siro und Segafredo wirkt, für die wohl einmalige Chance Werke wie „Der flüsternde Tod“, „Die Teuflischen von Mykonos“ oder das im Rahmen des Warren Beatty Tributes gezeigte, nach wie vor verkannte, Meisterwerk „Ishtar“ noch einmal auf großer Leinwand zu sehen, sah man gerne über die architektonische Schändung des Volksbildungshauses hinweg.

Make War not Love

Was Mundpropaganda während eines Festivals alles bewirken kann, zeigte sich im Rahmen des Tributes für den Polit-Dokumentaristen Emile de Antonio. Verlief der Vorverkauf höflich ausgedrückt schleppend, entwickelten sich die zehn ausgewählten Werke zum absoluten Sleeper-Hit. Ergebnis: eine Auslastung von knapp 70%.

Doch nicht nur de Antonios bissige Arbeiten über Richard Nixon, die Ermordung von JFK, Joseph McCarthy oder den Vietnam-Krieg erhielten großen Zuspruch. Auch die beiden US-Dokumentationen „The Weather Underground“ und „The Fog of War - Eleven Lessons from the Life of Robert S. McNamara” füllten scheinbar problemlos das Gartenbau.

Rant #2

Rückblickend gesehen hatte die 41. Auflage der Viennale also vor allem im Detail ihre Stärken. Den Schwerpunkt, sowohl inhaltlich als auch produktionstechnisch, auf die Vereinigten Staaten zu legen hat der Auslastung sicherlich nicht geschadet und auch der Umstand, dass man durch die Auswahl des Materials ganz klar politisch Stellung bezogen hat, wurde vom Publikum honoriert. Enttäuscht kann man also nur über das Hauptprogramm sein, dessen Zusammenstellung doch arg viele Leerläufe produzierte.

Das amerikanische Independent-Kino ist, wie bereits 2002 angemerkt, beinahe zur Gänze verschwunden und wenn es doch einmal auftaucht, dann in Form von Produktionen wie „All The Real Girls“, über deren cineastischen Nährwert man lieber das Mäntelchen des Schweigens breitet. Dafür gab es gleich zweimal „The Insider“, denn der ist ja wirklich eine echte Rarität.

Zum Abschluss noch einen letzten großen Beifall für die diesjährige Retrospektive im prächtig hergerichteten Filmmuseum, welche in ihrer Art wirklich einzigartig war und deshalb zurecht von gut 5000 Leuten besucht wurde. Sicherlich für jeden Einzelnen eine Erfahrung fürs Leben.

Der (nächste) Oktober kann kommen.