14. Wave-Gotik-Treffen

13.5. - 16.5., Leipzig


Pfingsten in Leipzig. Das heißt 20.000 Mal die Farbe Schwarz, Konzert und Kultur am laufenden Band und unter Garantie Regen. Ein Überlebender berichtet.

Freitag, 13.5.

An absehbaren Höhepunkten traditionell arm, stand der erste Tag des Wave-Gotik-Treffens auch in diesem Jahr wieder unter dem Motto "Wenn man schon einmal hier ist, schaut man sich auch etwas an". Also hin zur Parkbühne, wo Visions of Atlantis mit ihrer "Wir sind zwar aus Österreich, bitte jubelt trotzdem"-Masche wenig zum nationalen Wir-Gefühl beitragen und ihr etwas angestaubt wirkender Opern-Metal dementsprechend geflissentlich ignoriert wird.

Größer ist die Anteilnahme anschließend bei Midnattsol, der Band des kleinen Schwesterleins von Leaves' Eyes-Sängerin Liv Kristine. Für den erst dritten Auftritt durchaus passabel, auch wenn der inflationären Vermehrung nordischer Goth-Metal-Bands mit Damengesang demnächst einmal Einhalt geboten werden sollte.

Danach galt es erstmalig Angelzoom vors Auge zu bekommen, ist es doch jedes Jahr aufs Neue ein ganz besonderer Spaß zu sehen wer in letzter Zeit so aller mir nichts dir nichts ins schwarze Lager gewechselt ist. 2004 war es Luci van Org (ehemals Lucilectric) die mit ihrer Vergothung für erheitertes Staunen sorgte, in diesem Jahr geht der Pokal für den flottesten Szenenwechsel definitiv an Claudia Uhle, ihres Zeichens Ex-Stimme von X-Perience. Der Menge war's egal, das Werk II mehr als beachtlich gefüllt.

Das die Agra-Halle nicht gerade das Nonplusultra in Sachen Klangoptimierung darstellt ist seit Jahren kein Geheimnis, ein Ausweg aus dieser Misere scheint jedoch nicht in Sicht. Das bekamen ganz besonders Apoptygma Berzerk zu spüren, deren Auftritt im totalen Soundbrei unterzugehen drohte, es sei jedoch auch angemerkt, dass gegen das übermotivierte Gitarrengemopse aus dem Hause Groth selbst der beste Tonmischer machtlos ist.

Dann hieß es Ellbogen aufwärmen, der Jürgen ist da. Die Krupps feiern Jubiläum und das mit einem Programm, dass man in dieser Form kaum noch erwarten durfte. Stahlophon, Songs aus wirklich allen Zeitepochen der Band (was seine Vor- und Nachteile mit sich brachte, auf "Alive" hätte in der Halle nämlich wohl jeder gerne verzichtet), dazu ein Herr Engler in Spendierlaune - wenn es schon nicht herausragend war, so war es doch zumindest äußerst kurzweilig.

Samstag, 14.5.

Hauruck zur späten Mittagszeit. Mit Darzamat ging's los im Haus Auensee, einzige Erkenntnis: auch vor Polen macht der Gothic-Metal-Boom nicht halt. Es folgten The Wounded aus Holland, die mit ihrem trägen Dark-Rock maximal die eingefleischte erste Reihe bei Laune halten konnten und spätestens mit ihrer sehr eigenwilligen Version von "Smells Like Teen Spirit" für Gedränge am Zapfhahnstand sorgten.

Come on Barbie, let's go Party! Jawohl, Beseech feat. die Britney Spears des - ja, schon wieder - Gothic-Metals betraten danach die Bühne und outeten sich damit als eine jener Bands, die ihren durchaus brauchbaren Studiosound live noch nicht so wirklich transportieren können. Aber lustig zum Zusehen allemal.

This Morn' Omnia in der Agra - bei solchen Voraussetzungen ist man erst einmal auf Schadensbegrenzung aus. Doch der derzeit bestkickendsten Electro-Liveband können augenscheinlich selbst die übelsten äußeren Bedingungen nichts anhaben, verwandelte sich der Betonpalast doch innerhalb kürzester Zeit zum würdigen Dancefloor. Superstardom - nur noch eine Frage der Zeit.

Sonntag, 15.5.

Der Volkszorn tobte im Rund der Parkbühne. Da erdreistete sich doch tatsächlich eine Band sich über jene Szene lustig zu machen, auf deren Treffen sie spielt. Massiv In Mensch ahoi - Dark Rave marsch! Da stampfte der Beat, da wackelte das Gogo (in Weiß, Sauerei!) ungelenkt mit dem Allerwertesten, da schallte es "You are the Greatest Lover" aus den Boxen. Der Solidaritäts-CD-Kauf, eine Ehrensache.

Kontrastprogramm galore. Love Is Colder Than Death im Schauspielhaus. Den Saal hätte man angesichts der angestellten Massen locker dreimal füllen können, die glücklichen Platzbesitzer bekamen jedenfalls eine prächtigen Auftritt geboten, der nicht nur den zahlreich vertretenen Dead Can Dance Hardlinern die Augen benetzt haben dürfte.

Stumpf ist augenscheinlich auch in Australien Trumpf, würde zumindest die heimatliche Popularität von Angel Theory erklären, die zum Anbruch des Abends das Auditorium der Parkbühne mit belanglosestem Weiberelectro langweilte. Der Menge dürfte es egal gewesen sein, schließlich war man nur deshalb so früh da um sich einen Platz für Welle:Erdball zu sichern.

Die durften danach auch ihren ersten von zwei Auftritten im Rahmen des WGT's hinlegen, in gewohnt souveräner Manier sei hinzugefügt. Neben so manchem neuen Track, gab es auch einige wirklich alte Stücke zu hören und da es den C64ern generell ja wahrlich nicht an Hits mangelt, verwandelte sich das Konzert zu einem echten Heimspiel für die Karl Marx Städter.

Zurück in der kleinen Ausgabe der Agra-Halle, Charmefaktor Viehauktion, erwarten einen schon Stimmbandmalträtierungen von Mila Mar Sängerin Milu, doch Seize reißen das Eisen sogleich wieder aus dem Feuer. Auch wenn die, ob des Soft-D'n'B-Sounds des britischen Trios, anwesenden Trauergestalten vor lauter Schock kaum aus der Hüfte kommen.

Danach heißt es fröhlich Hallenhoppen, denn während sich im großen Raum The Human League souverän durch ihr Repertoire gaukeln, packen nebenan Client den E-Bass aus. Was zusammen ein durchaus interessantes Klangbild ergibt und für Kurzweil zu später Stunde sorgt. Als gegen 2:30 dann IAMX die Gitarre auspacken, wird es ist Zeit zu gehen.

Montag, 16.5.

Weniger ist bekanntlich manchmal mehr. Eine Weisheit, zuletzt beobachtet beim Auftritt der Swans of Avon, die sich im Schauspielhaus, auf Akkustik-Gig-Stärke reduziert, dank fehlendem Rock-Pathos plötzlich als durchaus annehmbar erwiesen. Womit das deutsche Trio Andrea Haugen alias Nebelhexe schon einmal etwas voraus hätten, verbreitete die Hagalaz’ Runedance Sängerin an der Parkbühne doch eher unzufriedene Stimmung.

Und auch NFD wussten anschließend nicht wirklich zu überzeugen, zu groß ist einfach immer noch der Fields of the Nephilim Schatten, der die Band überallhin verfolgt. Dienst nach Vorschrift gab es danach von Qntal, die, unpassenderweise bei Tageslicht, artig all ihre Clubhits abspulten und dafür ebenso artig Applaus ernteten.

Ufta! Wer zu einem Angels & Agony Konzert geht, darf sich über fehlende Abwechslung nicht beklagen. Ein Beat muss genügen, der sorgte dann allerdings auch gut 40 Minuten für freudige Stimmung im Werk II. Alte WGT-Bekannte sind die Herren von Dance or Die, die es sich zum Abschluss leider nicht nehmen ließen, einige ihrer alten Hits in neuem Gewand zu präsentieren.

Nicolas Ossberger