15. Wave-Gotik-Treffen

02.6. - 05.6., Leipzig


Zum bereits 15. Mal ging in diesem Jahr das große schwarze Szene-Treffen im sächsischen Leipzig über die Bühne, Grund genug, dem nicht allzu bunten Treiben einen Besuch abzustatten. Fünf Tage im Konzerttaumel rekapituliert: Nicolas Ossberger

Donnerstag, 01.06. (Intro)

Einen Tag vor der Toröffnung des 15. Wave Gotik Treffens, gaben Laibach im Rahmen des parallel stattfindenden J. S. Bach-Festivals im Werk 2 ihr eigens für diesen Anlass verwirklichtes Projekt "Kunst der Fuge - Konzert für das Kreuzschach und vier Schachspieler" zum Besten. Ein Titel, der Programm sein sollte, wie das natürlich bereits stark WGT-durchmischte Publikum merken sollte.

Nach kurzem Intro und einem etwas längeren Laptop-Eröffnungs-Livetrack, setzten sich die vier slowenischen Protagonisten nämlich an ein überdimensioniertes Schachbrett, wo sie die nächste Stunde Munitionshüllen unterschiedlichster Kaliber über schwarzweiß-karierte Flächen schieben sollten. Zum im feinsten Surround-Sound aus den Boxen schallenden, phasenweise natürlich sehr freien, Neu-Interpretationen Bachs, gab es via 2 Videowänden Optik.

Musikalisch zu einer Form auflaufend, die man seit dem Release von "Kapital" (1992) verzweifelt vermisste, präsentierten Laibach eine Show, die von Dark Ambient über Industrial bis E-Klassik alles beinhaltete. Die Reaktionen waren dennoch gespalten, jene die dem Spektakel jedoch bis zum Ende beiwohnten, verabschiedeten die Band mit verdient lautem Beifall.

Die Inoffizielle WGT-Eröffnung fand auch heuer wieder innerhalb der Mauern der Moritzbastei statt, neben einem ausführlichen Party-Programm gab es Auftritte von Ronan Harris' Solo-Projekt Modcom und Daniel Myers Architect zu bestaunen. Ersterer arbeitete sich an einem Modularsystem ab, wenig zur Begeisterung der zahlreich vertretenen VNV-Fans, die mit dem straighten Früh-90er Electro ihres Meisters nicht viel anzufangen wussten, Zweiterer kämpfte vor allem damit das Publikum bei Laune zu halten, was angesichts des Myer'schen Stil-Mischmasches nicht immer gelang.

Freitag, 02.06.

Der erste Tag versprach mit dem Auftritt von Nitzer Ebb bereits den ersten großen Treffen-Höhepunkt, bevor die EBM-Heroen jedoch kurz nach 1:00 die Bühne der Agra-Halle betreten konnten, galt es noch einen gesamten Nachmittag/Abend totzuschlagen. Ein Besuch im Clara Zetkin Park lag nahe, nicht nur weil das Wetter pro-aktiv wirkte, sondern mit Samael auch musikalisch Interessantes zu erwarten war.

Los ging es mit Silvery, die ihre Aufgabe die Parkbühnen-PA warm zu spielen ohne großen Schaden anzurichten meisterten. Es folgten Regicide, die musikalisch zwar weder durch Originalität noch durch saubere Stimmen glänzten, dem Publikum mit ihrer energischen Performance aber dennoch die ein oder andere positive Reaktion entlocken konnten. Goth-Metalisch sollte es auch beim Theatre de Vampires weitergehen, wobei hier die Begeisterung schon wieder in deutlich engeren Bahnen verlief.

Die ersten klaren Stimmungssieger waren im Anschluss Xandria, die mit "Ravenheart" ja auch einen staatlich abgesegneten Chart-Hit im Petto haben. Einen solchen konnten The Dreamside bis dato leider noch nicht für sich verbuchen, was möglicherweise daran liegen mag, dass die Holländer ein wenig gar offensichtlich nach Schema F vorgehen. Ein Vorwurf, den sich Samael wahrlich nicht gefallen lassen müssen, haben die Schweizer die Eigenständigkeit doch quasi für sich gepachtet. Starker Auftritt, mit Hits aus allen Phase ihrer Karriere.

Das es den Bookern des WGT wahrlich nicht an Humor mangelt, beweist sicherlich am Besten die abendliche Agra-Kombination Lacrimosa / Nitzer Ebb. Irritierte Blicke galore, als Muskel-Pakete und Betroffenheitsprofis Schulter an Schulter ins Betonmonstrum strömten. Tilo Wolff und Co. bedienten ihr Publikum 1,5 Stunden lang mit Altbewährten, im steten Kampf gegen soundtechnische Missstände und gegen Ende hin langsam unruhig werdende Ebb-Heads.

Die kamen dafür kurz darauf ein 15-teiliges Klassiker-Set geboten, das es wahrlich in sich hatte (auch wenn es mit der Textsicherheit noch ein wenig haperte). Kaum ein Hit fehlte, egal ob bei "Getting Closer", "Let Your Body Learn" oder "Murderous" - der Boden vibrierte. Das Comeback scheint jedenfalls geglückt, nun darf den Dingen entgegen geharrt werden, die da noch kommen mögen.

Samstag, 03.06.

Auch wenn es bekanntlich nicht immer nur Kaviar sein muss, die Popularität einer Band wie S.I.T.D. wird sich dem Schreiber dieser Zeilen wohl dennoch nie so wirklich ganz erschließen. Der Party-Meute in der Agra war's egal und feierte deshalb Holterdipolter-Hits wie "Snuff Machinery", "Richtfest" und "Laughingstock" nach allen Regeln der Kunst ab.

Es folgten die schwedischen Urgesteine Cat Rapes Dog (ohne Verkleidungen) und siehe da, der Altersschnitt vor der Bühne schnellte plötzlich wieder in ungeahnte Höhen. Geboten wurde ein buntes Potpourri aus allen Phasen der Bandgeschichte, Klassiker wie "Trojan Whores" natürlich inklusive.

Über VNV Nation anno 2006 noch viele Worte zu verlieren, dürfte wohl vergebene Liebesmüh' sein, sind die Fronten wohl bei kaum einer anderen Band so deutlich abgesteckt wie bei den Briten. Die Optionen lauten Hallenflucht oder totaler Euphorie und riskierte man an diesem Abend einen Rundumblick, dürften sich 98% der anwesenden wohl für Punkt 2 entschieden haben.

Future-Pop-Wonneproppen Ronan Harris geht in seiner Rolle als Zeremonienmeister auf wie kein Anderer und das Publikum dankt es ihm mit ohrenbetäubenden Beifallsbekundigungen. Songs wie "Genesis", "Chrome" oder "Beloved" sorgten früh für den absoluten Stimmungs-Höhepunkt des Treffens, ein Erlebnis, im wahrsten Sinne des Wortes.

Sonntag, 04.06.

Nach dem Ausfall des Haus Auensee, der mit Abstand besten Location der letzten Jahre, durfte man gespannt sein, ob der Addition des sogenannten Kohlrabizirkuses als Veranstaltungsort. Die Halle entpuppte sich rasch als neuer Liebling unter den Besuchern, nicht zuletzt weil sie neben ausreichend Platz und einem veganen Essstand auch guten Sound gewährleistete.

Los ging der sonntägliche Spaß mit Dupont, die flotten EBM ins Oval feuerten, der zwar garantiert nicht die Welt verändern wird, frühmorgens um 16:00 aber genau die richtige Beats per Minute Quote zu erfüllen wusste. Das Vergnügen kam jedoch schon direkt im Anschluss zu einem jehen Ende, sorgte der schmalzüberladene Synth-Pop der Herren von Michigan doch für so manchen Abgang.

Im Werk 2 warteten bereits Neotek auf ihr Comeback, womit sie allerdings ziemlich alleine waren, gelang es den Dänen doch nur spärlich für Begeisterung zu sorgen. Anders ging es da schon bei den neuen Hands-Starlets von S.K.E.T. zur Sache, die nach kurzen Anfangsschwierigkeiten ein durchaus gelungenes Rhythm 'n Noise Set hinlegten.

Bahntier sorgten im Anschluss für ein Wiedersehen mit Skinny Puppy Drummer Justin Bennett, der nun auch für die Italiener von Bahntier die Stöckchen schwingt. Wenig überraschend klingt das Ganze dann auch mehr nach einer leicht technoid angehauchten Version der kanadischen Industrial-Meister, denn wirklich originell.

Ein Sound der bei näherer Betrachtung allerdings durchaus seine Vorzüge hat, insbesondere dann, wenn man sich plötzlich mit einer Band wie The Pain Machinery konfrontiert sieht. Implant packten in weiterer Folge die straighte Bass-Drum aus, was der motivierten Tanzgemeinde durchaus entgegen kam.

Im Kohlrabizirkus packten The Twins gerade ihre größten Hits aus, ehe die Bühne für die englischen Synth-Stars Mesh bereit gemacht wurde. Eben jene zeigten sich jedoch leider von ihrer lustlosesten Seite und auch die beinahe komplett auf Klassiker verzichtende Setlist tat ihr übriges, dass die Stimmung wahrlich nicht in Gefahr geriet überzubrodeln.

Montag, 05.06.

Emminence of Darkness eröffneten den abschließenden Treffen-Tag und das auf durchaus nicht unsympathische Weise, ging ihr meist zweistimmig vorgetragener Gothic Metal doch direkt in die Beine. Für wesentlich traditionellere Klänge sorgten im Anschluss die Düster-Rocker The House of Usher, ehe die Bloodflowerz für allgemeines Abgewander sorgten.

Waren es auf der Parkbühne noch die eher rockigen Klänge die dominierten, stand der Kohlrabizirkus an diesem Tag ganz im Zeichen der Elektronik. Glis stampften gleich einmal fröhlich vorne weg, verfolgt von den Briten Tactical Sekt, deren Soundmix bei der auf Feindflug wartenden Stadtmiliz offensichtlich gut ankam.

Mit God Module folgte ein weiterer Beitrag aus der populären Reihe "Verzerrter Gesang plus straighter Beat = Out of Line", ehe mit Sonar die erste ernst zunehmende Band des Abends die Bühne betrat, Rhythm'n Noise vom Feinsten stand auf dem Programm und genau das bekam die Meute dann auch gut 40 Minuten um die Ohren gehauen.

Dann der Auftritt, dem heuer, zumindest wenn es nach der Frequenz der T-Shirts geht, die meisten Besucher entgegen gefiebert haben: jener von Feindflug nämlich. Man könnte es sich einfach machen und das Ganze Bahöö inklusive Galgen, elektrischen Stuhl und Flak als Update der Pradler Ritterspiele abtun, doch damit würde man der Wiener Theatertruppe wohl ziemlich unrecht tun.

Auch wenn das Ablenkungsmanöver mit gleich sieben anstelle der eigentlich notwendigen zwei Musiker aufzutreten ein durchaus legitimes sein mag, über den Fakt, dass es sich bei Feindflug doch nur um eine Uffta-Band mit launigen Samples handelt, konnte auch dieses Konzert nicht hinwegtäuschen. Ein Umstand, der selbst beim eingeschworenen Publikum für teilweise Ernüchterung sorgte.

Ob beabsichtigt oder nicht, die Ironie auf Feindflug ausgerechnet And One folgen zu lassen, durfte spätestens bei "Military Fashion Show" wohl auch dem schwersten Hardliner nicht entgangen sein. Davon abgesehen, boten Steve Naghavi und Co. eine anfänglich überraschend ruhig angelegte, jedoch alle Hits inkludierende Show hin, die mit "Technoman" ihren würdigen Abschluss fand.

Nicolas Ossberger