09.06. - 13.06.2011, Leipzig

Das Wave-Gotik-Treffen 2011 ist Geschichte, die schwarzen Feierlichkeiten anlässlich des 20. Festival-Jubiläums zu Ende. Fünf Tage im kulturellen Dauerlauf durch Leipzig im Rückblick.

Donnerstag, 09.06.

In Reminiszenz an das erste Wave Gotik Treffen im Leipziger Eiskeller (heute: Conne Island), lud die Treffen-Gesellschaft bereits Donnerstags in die Agra-Halle, um gemeinsam mit jenen Bands, die bereits bei der Erstauflage anno 1992 am Start waren, den schwarzen Reigen zu eröffnen. Den Anfang machten Das Ich, die ohne den schwer erkrankten Stefan Ackermann auftraten und stattdessen auf die Gesangsdienste von befreundeten Kollegen wie u.a. Myk Jung von The Fair Sex zurückgriffen.

Die Behauptung, der daraus resultierende Auftritt wäre einer Einladung zum Fremdschämen gleichgekommen, wird dem sich auf der Bühne abspielenden Debakel nicht einmal annähernd gerecht. Wie so oft bestätigte sich, dass das Gegenteil von gut, gut gemeint ist - keine Stelle des kurzen Best of Sets, von "Gottes Tod" und "Kain und Abel" bis "Kindgott" und "Destillat", kam ohne gröberen Schnitzer aus. Wie der Spagat zwischen Nostalgiefaktor und Gegenwart mit Bravour zu bewerkstelligen ist, konnte man danach bei Henke spielt Goethes Erben bewundern, entpuppte sich der Auftritt doch als erstes echtes Highlight.

Mit "neuer" Band im Rücken, griff Oswald Henke sprichwörtlich in die alte Seemannskiste und zauberte in Folge Hit auf Hit in zum Teil völlig neuen Gewändern aufs Parkett. Es sollte nicht lange dauern, ehe die Stimmung ihren ersten Höhepunkt erreichte und Klassiker wie "Das schwarze Wesen", "Himmelgrau", "Märchenprinz" und "Iphigenie" berechtigterweise mit tosenden Beifall abgefeiert wurden.

Dem vorangegangenen inszenatorischen Wirbelsturm nichts entgegenzusetzen hatten wenig später The Eternal Afflict, die wohl auch in den kommenden 20 Jahren weiterhin damit zu kämpfen haben werden, dass im Grunde alle nur auf "San Diego" warten.

Freitag, 10.06.

Der Freitag begann, wie der Donnerstag endete, nämlich mit einem weiteren eher mauen Darbietung alter Szenehelden in der Agra-Halle. In diesem Fall von 18 Summers, die ihre Bühnenrückkehr mit einer gesunden Portion alter Silke Bischoff Hits anreicherten und so zumindest die eingefleischtesten ihrer Fans bei Laune halten konnten. So wirklich wollte der Funke jedoch nicht überspringen.

Weiter ging es im alten Volkspalast (jetzt: Pantheon), wo zuerst Mercydesign in knarzender Stille verharrten, eher in der Kuppelhalle die mit Spannung erwartete Performance von Adi Newtons The Anti Group (T.A.G.C.) ihren Anfang nahm. Versteckt im Inneren eines weißen Cubes und ausgestattet mit einem quadrophonisch ausgerichteten Soundsystem, kreierten die Briten einen Soundteppich der von Ambient über (Minimal-) Electro bis hin zu Industrial-Noise an Bandbreite kaum Wünsche offen lies. Gepaart mit effektiven, wenn auch nicht unbedingt den State of the Art repräsentierenden, Visuals ergab dies ein gleichsam spannendes wie überzeugendes Konzerterlebnis.

In der Kantine gegenüber gab's derweil das Xabec-typische Ambientgeblubber, das um drei Uhr morgens in einem bequem bestuhlten Ambiente sicher seine Wirkung erzielt, einem zur Primetime allerdings eher den unternehmerischen Wind aus den Segeln nimmt. Dann eben in die einen Steinwurf entfernte Messehalle 15, ein altes Möbelhaus, dessen Funktionstauglichkeit als Konzerthalle in etwa bei 2% liegen dürfte. Auch wenn das Programmheft verkündete, dass gerade Tristania auf der Bühne stehen, gehörtechnisch verifizierbar war dies nicht. Hier bleibt für die Zukunft zu hoffen, dass es sich Halle 15 tatsächlich nur um eine Übergangslösung gehandelt hat.

War der Anfang mit The Anti Group (T.A.G.C.) bereits hervorragend ausgefallen, war man nun natürlich auch auf den Auftritt von Adi Newtons Hauptformation Clock DVA gespannt. Um deren Auftritte Anfang der 90er ranken sich ja Legenden, dementsprechend voll präsentierte sich zu Beginn auch der Kuppelsaal. Dies sollte sich im Laufe der nächsten 70 Minuten jedoch frappant ändern, denn gerade der im EBM-Einheitslook anwesenden Fraktion, schlief von Beginn an zuerst der Pogostiefel und dann das Gesicht ein. Nun darf man sich natürlich fragen, weshalb die Briten überhaupt so ein Standing innerhalb dieser Szene haben, Clock DVA anno 2011 jedenfalls knattern elektronisch kräftig vor sich hin, wobei das Hauptaugenmerk klar auf neuüberarbeitenden Versionen lag. Ein in Kombination mit dem The Anti Group (T.A.G.C.) Auftritt wirklich spannendes und mitreißendes Konzertdoppel.

Zurück in der Agra brachten zur mitternächtlichen Stunde noch Deine Lakaien Hits aus allen Schaffensphasen ihres Bestehens unter das gegen alle vier Wände gepresste Volk. An ein genüssliches Konzertvergnügen war angesichts der eklatanten Überfüllung der Halle leider nicht zu denken.

Samstag, 11.06.

Eine der größten Attraktionen des diesjährigen Wave Gotik Treffens, zumindest für all jene die sich pünktlich um 15:00 im Pantheon eingefunden hatten, stellte die Reunion und Live-Premiere von Empyrium dar. Von Markus Stock auf phasenweise bis zu acht Personen aufgestockt, präsentierten die Franken einen Live-Querschnitt durch sämtliche Schaffensperioden, von den Black Metal Anfängen bis hin zum Düster-Romantik-Folk späterer Jahre. Spätestens mit "Mourners" war der Bann gebrochen und die tobende Halle verabschiedete eine ob der minutenlangen Akklamation sichtlich gerührte Band.

Musste man sich Freitags noch über die alte Messehalle 15 ärgern, gab es tags darauf über die Schaubühne Lindenfels als neue Location nur Positives zu berichten. Das kleine, etwas abgewrackte, Theater glänzte nicht nur mit einem guten Sound und einem Lichttechniker der seinen Job ernst nahm, sondern auch eine bestuhlte Galerie für die etwas älteren Semester.

Dementsprechend erfreulich war es, dass ausgerechnet an diesem Ort der Post Rock Tag über die Bühne ging, programmiert mit Gruppen die noch nicht einmal annähernd an die schwarze Szene anstreifen - nicht nur eine der Bands gab sich überrascht von einen "Gothic-Festival" eingeladen worden zu sein - und somit für eine willkommene Abwechslung sorgten.

Die Polen Tides from Nebula legten mit brachial-geradlinigem und direkt in die Beine fahrenden Noise-Rock der Marke AmRep und Co. los, während es EF aus Schweden zwar nicht weniger lärmig, dafür aber umso progressiver krachen ließen. Anschließend gaben Les Discrets ihr Live-Debüt und waren sich dabei offensichtlich intern noch nicht ganz einig darüber, ob man nun eine Metal-Band oder doch eher ein Alternative-Vehikel darstellen will. Sei wie's sei, die Franzosen konnten zumindest für sich verbuchen, die mit Abstand meisten Besucher in den Ballsaal gelockt zu haben. Zum Leidwesen der äußerst sympathischen Giardini di miro, die ihren Auftritt quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit darbringen mussten, dabei aber völlig unbeirrt ihre herrliche Mischung aus Noise, Shoegazer, Rock und Folklore zum Besten gaben.

Sonntag, 12.06.

War das Programm des Schreibers dieser Zeilen an diesem Tag vor allem am Auftritt der Leipziger Love Is Colder Than Death ausgerichtet, fand er sich schon früh am Eingang des Centraltheaters (ehemals Schauspielhaus) ein, da der Tag dort mit einer Veranstaltung des äußerst populären Biologen Dr. Mark Benecke begann. Angesichts der Tatsache, dass an den drei Vortragstagen jeweils 700-800 Leute weggeschickt werden mussten, spricht wohl einiges dafür, den werten Herren zukünftig vielleicht als Hauptact in der Agra auftreten zu lassen.

Im Wissen einen Platz für die nächsten Stunden sicher zu haben, lies sich auch die mild-amüsante Bio-Vorlesung zum Thema Bakterien gut über die Runde bringen und selbst die mit jeder Menge Vorschusslorbeeren bedachten Trobe de Morte konnten das persönliche Stimmungsbarometer mit einer phasenweise spielerisch leider etwas unexakten Performance ins Wanken bringen.

Was folgte war ein langes Warten auf nichts, denn wie sich nach fünf Stunden vor Ort herausstellen sollte, hatten Love Is Colder Than Death ihren Auftritt gesundheitsbedingt kurzfristig abgesagt, eine Information von der man annehmen sollte, dass sie es wert gewesen wäre, in einem größeren Rahmen als einem A4 Aushang beim Ausgang (!) kommuniziert zu werden.

Um der Enttäuschung Herr zu werden, musste eine gesunde Portion Finsterforst her und die Schwarzwälder lieferten prompt. Die Wiese vor der Heldenbühne im Heidnischen Dorf wurde kurzerhand zum Moshpit umfunktioniert, während die Pagan-Metaller einen Stumpf-ist-Trumpf-Hit nach dem anderen Richtung Meute schleuderten. Das war nicht notwendigerweise die feinste Klinge, aber ohne Zweifel unterhaltsam.

Agra zu Abend, mit alter Schule hoch 3. Erst überzeugten Killing Joke in gewohnter Manier und mit Hits aus allen Schaffensperioden, ehe die Goth-Rock-Ikonen Fields of the Nephilim eingehüllt in jeder Menge Rauch die Bühne betraten und mit einem sehr ausgewogenen Set das Publikum jenseits der 30 in Verzückung versetzten

Für den Kehraus sorgte abschließend kein Geringerer als Alan Wilder mit seinem Langzeitprojekt Recoil. Das äußerst tanzflächenkompatible, einstündige Programm umkreiste sämtliche Karrierephasen des Briten, inklusive einer kurzen Reminiszenz an die alten Kollegen von Depeche Mode, sowie einem umjubelten Gastauftritt von Nitzer Ebbs Douglas McCarthy der neben "Faith Healer" auch gleich noch "Family Man" zum Besten gab.

Montag, 13.06.

Am letzten Tag führte der Weg dann doch noch zur Parkbühne im prächtigen Clara Zetkin Park, wo Soul in Isolation und Midnight Caine zum großen Carl McCoy Cosplay geladen hatten. Wesentlich eigenständiger waren dann schon die Klänge aus dem Hause Aun, einem kanadischen Ehepaar, dass sich mit Haut und Haar dem Dark Ambient verschrieben hat und optisch wie klanglich voll überzeugen konnte.

Wirklich gespannt durfte man anschließend auf den Auftritt von In The Nursery sein und erfreulicherweise präsentierten sich die britischen Martial Industrial Mitbegründer in prächtiger Spiellaune und begeisterten den bis auf den letzten Platz gefüllten Kuppelsaal mit Hits aus 30 Jahren Bandgeschichte.

Doch damit noch lange nicht genug, oblag es doch Brian Williams alias Lustmord seinerseits dem Abend die Krone aufzusetzen. Unterstützt von einer bis an ihre Grenzen ausgereizte Subbass-Anlage, fabrizierte der Waliser ein einstündiges Dark Ambient Dauerinferno, das wohl noch so einige Jahre als Referenzperformance wird herhalten müssen. Meisterhaft.

Die Ehrenrunde führte am Ende dann noch einmal zum Agra-Gelände, wo die Pagan-Superstars Eluveitie ihre Stammhörerschaft zu begeistern in der Lage waren, während der Rest der Verbliebenen doch recht fluchtartig das Weite suchten und in Richtung Abschiedsparty, Schlafplatz oder Heimat aufbrachen.

Fazit

Mit 23.000 Besuchern dürfte sich das Festival in seiner jetzigen Form langsam aber sicher dem Limit nähern. In zahlreichen Gesprächen mit Besuchern des Treffens wurde vor allem die Themen "Überfüllung der einzelnen Locations" und "Sound" kritisiert.

Gerade auch in Anbetracht dieser Umstände ist es umso bewundernswerter und international wohl einzigartig, wie friedlich und unproblematisch das WGT auch im Jahre 2011 immer noch abläuft. Die Organisation mag einen phasenweise eigenwillig vorkommen, doch im Großen und Ganzen funktioniert sie reibungslos und das ist was unter dem Strich zählt.

Die Synergieeffekte zwischen Stadt und Festival sind unübersehbar und gerade der Umstand, dass Besuchern des Treffens über das eigentliche Angebot hinaus Zugang zu Häusern klassischer Musik, Theatern und Museen ermöglicht wird, machen das WGT weiterhin zu einem der entspanntesten und gleichzeitig spannendsten Festivals Europas.

Nicolas Ossberger