: MIDTOWN MADNESS 2 :

getestet von: ben

Ein Computer, ein Auto, ein Spieler kämpfen für das Chaos

Abgebrochene Laternenmasten, umgeknickte Bäume, Telephonzellen auf den Straßen; Fußgänger ängstlich an Hausmauern gepreßt; Autos übereinandergestapelt wie bei den Blues Brothers; und in weiter Ferne die Rücklichter eines......Mini Coopers?

Da kann doch was nicht stimmen! Richtig, das tut es auch nicht. Die Gesetze der Natur sind auf den Kopf gestellt. Realismus ist auf den Straßen von London und San Francisco ein Fremdwort. Midtown Madness 2 (MM2) ist wie sein Vorgänger ein Rennspiel ohne jeglichen Bezug zu den Regeln der Physik. Das Motto lautet Bleifuß und Spaß.

Eigentlich ein ganz simples Prinzip. Was man bei einem Spiel dieser Gattung trotzdem falsch machen kann, wird sofort verraten.
Ein Rennspiel, egal welche Ausrichtung es hat, sollte brummigen Sound haben. Die Fahrzeuge in MM2 unterscheiden sich zwar akustisch, aber der Motorsound ist bei allen Vehikeln enttäuschend. Wozu darf man einen Ford Mustang fahren, wenn das Blubbern und Brummen unter der Haube nur ganz zart zu hören ist? Da klingt ja der kleinen VW Bettle in der Startreihe daneben noch besser.
Richtig viel Spaß macht ja bekanntlich auch das Rutschen durch Kurven. Nicht bei MM2, das gibt es nämlich gar nicht. Außerdem sind die Autos mit ultramodernen Reifen ausgestattet, so etwas hat die Welt noch nicht gesehen: selbst nach der fünften 180 Grad Drehung keine Gummispuren! Sensationell....

Ein weiteres Kuriosum sind die Enten im Hyde Park. Fährt man dort durch den See, wird man vom Geflügel überholt. Die U-Bahn in London und das Cable Car in San Francisco überholen auch ganz schamlos, obwohl der Tacho bei 100 steht. Das läßt den Schluß zu, daß englische Enten mit circa 100 km/h unterwegs sind. Wer eine günstige und pflegeleichte Alternative zum PKW sucht, ist sicherlich gut beraten.
Am langsamsten ist in diesem Spiel die Polizei unterwegs. Die Exekutive hat immer das Nachsehen. Eine vergebene Chance, das hätte dem Spielspaß sicherlich gut getan.

Vertretbar ist das Schadensmodell der Fahrzeuge. Es ist zwar unrealistisch, aber im Rahmen des Spiels durchaus akzeptabel. Große Autos und Trucks halten viel mehr aus als fragile Flitzer.

Eine zwiespältige Angelegenheit ist die Graphik. Einerseits sind die Autos, die dem Spieler zu Verfügung stehen, sehr gut gelungen. Alle schauen sehr authentisch und schön aus. Wunderbare Reflexionen im Lack, gut erkennbare Schäden bei zu wildem Fahrstil und eine schöne Cockpit-Ansicht verwöhnen den Spieler. Die zwei Metropolen sind auch gut umgesetzt. Viele Sehenswürdigkeiten laden zu Erkundungstouren ein, das Gefühl, in einer echten Stadt unerlaubt schnell zu fahren, wird glaubwürdig vermittelt.
Andererseits macht der Rest der Graphik all diese Boni wieder zunichte. Die Fahrzeuge sind so groß wie ein Stockwerk eines Hauses. Die anderen Verkehrsteilnehmer fahren abscheuliche, stark stilisierte Autos, die an frühe Volvo-Modell erinnern. Ihr Fahrstil paßt sich dem Äußern der Fahrzeuge an: eckiges Abbiegen prägt das Straßenbild. Und als krönender Abschluß ruinieren grobe Clipping-Fehler den Gesamteindruck.

Zu guter Letzt noch das Wichtigste: die Spielmodi. Zur Auswahl stehen rundenbasierende Rennen, Checkpoint-Rennen und Zeitrennen. Hier kann man Strecke und Fahrzeug frei wählen. Zusätzlich kann man auch noch eine Karriere als Taxifahrer in London oder als Stuntdriver in San Francisco einschlagen - wobei sich die (einfallslosen) Missionen leider kaum unterscheiden. Es gilt, verschiedene Aufgaben in einem vorgegebenen Zeitrahmen zu lösen. Als Belohnung bekommt man neue Autos und neue Lackierungen.
Doch die anfängliche Motivation schwindet schnell. Die Aufgaben sind dürftig beschrieben, oft weiß man nicht genau, was zu tun ist. Das Zeitlimit ist äußerst knapp bemessen und der Schwierigkeitsgrad unfair. Das ständige Wiederholen wird mühsam und Frustration macht sich breit. Ein schwerer Fehler bei einem Computerspiel !
Außerdem bekommt man gleich nach einer der ersten Missionen einen ziemlich guten Flitzer als Belohnung. Mit diesem sind die weiteren Rennen kein Problem mehr und es stellt sich die Frage: warum weiterspielen? Die Vehikel, die folgen, sind allesamt schlechter.

Oberstes Ziel von Midtown Madness 2 ist Spaß und Action. Leider wird es diesen Ansprüchen nicht gerecht. Das schon etwas ältere Spiel „Driver“ ist in diesem Genre immer noch das Maß aller Dinge. Wer trotzdem etwas neues ausprobieren will, sollte sich ein wenig gedulden. „Driver 2“ kommt bald und der vielversprechende Titel „Loose Cannon“ wird sich Anfang nächsten Jahres in den Geschäften einparken.