erdnussbutter & leichen on the rocks :
scheiß generation x !!!

text: thomas weber

Daß es ”ohne Perspektive mehr zu erleben” gibt (Hakim Bey), das dürfte sich der Wahlwiener Martin Amanshauser bei der Arbeit an ”ERDNUSSBUTTER”, seinem eigentlichen Romandebüt, immer wieder ins Bewußtsein gerufen haben. Denn zumindest einer seiner beiden Protagonisten, ein gescheiterter Student, der gerade einmal dem Teenager-Alter entwachsen ist und der Provinz den Rücken gekehrt hat, der weiß sich mit seinem Leben so überhaupt nichts anzufangen. Zwar schreibt er in guter alter Slacker-Manier an einem (autobiographischen) Roman, liest Bukowski und plagt sich mit seinen verrückt spielenden Hormonen ab (wobei sich der Arme dann auch noch die Krätze holt), aber Ziel hat er ganz bis zum (offenen) Ende der Story keines vor Augen. Als dann auch noch die Geldüberweisungen seiner Eltern ausbleiben und er von seinem ehemaligen Schulfreund wegen permanentem Schweißgeruch aus der Wohnung geworfen wird, schlägt er sich erst einmal ein paar Tage und Nächte im Schönbrunner Schloßpark herum. Seine Habseligkeiten haben in einem Seesack Platz. Und los geht’s. Derart ungebunden und ”frei” stünde einem Leben on the road eigentlich nichts mehr im Wege. Vom Zufall getrieben wie ein Blatt im (lauen Sommer-) Wind, weht es ihn aber erst einmal für hundert bis hundertfünzig Seiten in eine dubiose WG. Für jeweils hundert bis hundertfünfzig Schilling (und freie Kost und Logis) wird er mit diversen Botengängen beauftragt. Nachzufragen traut er sich erst gar nicht, aber der Verdacht daß es sich in jedem Fall um irgendetwas Ungesetzliches handelt, erhärtet sich von Mal zu Mal; zumal er eines Abends in einem - sonst versperrten Zimmer einen dicken Ordner mit der Aufschrift ”Ebergassing 1995” entdeckt.
Parallel erzählt begegnen wir dem zweiten Protagonisten, der auch noch unter Dreißigjährigen Ninette. Sie arbeitet als City-Guide (das Wort ”Führer” wird auch in dieser Branche nicht mehr verwendet) in Salzburg für einen ehemals kommunistischen, neureichen Reiseagentur-Besitzer (mit dem wunderbar irreführenden Namen ”Hecht”). Mehr als die Hälfte des Buches ist Ninette damit beschäftigt, einer seltsamen vietnamesischen Reisegesellschaft die Mozartstadt zu zeigen. Mißtrauisch wird sie erst, als sie in der Schreibtischlade ihres Chefs einige misteriöse Faxkopien findet ...
Hier in Salzburg kreuzen einander auch die Wege der beiden Protagonisten. Erst nach und nach entpuppen sich die beiden (zuvor parallel ablaufenden) Erzählstränge als längst kunstvoll ineinander verschlungen. Und ineinander verschlungen liegen sich die Beiden dann auch in den Armen. Aber nicht in Salzburg, sondern in einer Villa in der Toskana. Dort landen sie nach ein paar filmreifen (Roadmovie-artigen!) Szenen, in denen sie unter anderem einen riesigen Truck stehlen, um ihn dann (von Gewissensbissen geplagt) ein paar Raststationen weiter, mit einem Entschuldigungszettelchen am Lenkrad, wieder zurückzulassen. Schlußendlich hat auch Ninette jegliche Perspektive verloren. Zurück kann sie nicht mehr, denn ihren Chef hat`s (wie ein gutes Dutzend anderer Nebenpersonen) erwischt. Auch das dekadent übertriebene Happy End (die beiden liegen in der Sonne, schlürfen Austern und saufen literweise Champagner) scheint nur ein Vorübergehendes zu sein, ein neuerlicher Halt auf einer allein vom Zufall gelenkten Odyssee. Denn immerhin lagern sie im Keller zwei Leichen, abgekühlt auf ein paar Grad unter Null...
Dem selbst erst knapp über dreißigjährigen Amanshauser (Falter-Lesern dürfte er noch von seinen dreiundzwanzig Wiener Stadtepisoden her in Erinnerung sein) ist mit ”ERDNUSSBUTTER” ein beeindruckendes Buch gelungen, das, obwohl eindeutig in Österreich verwurzelt (es tauchen u.a. authentische Orte wie der TU-Club oder das Blaue Cafe auf), kein typisches Österreichisches geworden ist. Ein Umstand, der ganz klar positiv zu werten ist. Amanshauser, selbst kein großer Freund dessen, was er etwas abwertend ”deutschsprachige Nachkriegsliteratur” nennt, hat sich sowohl stilistisch als auch konzeptionell einiges von anglo-amerikanischen, britischen, zumindest aber nicht-deutschsprachigen Vorbildern abgeschaut. Die in dreiundsechzig eher kurz gehaltene Kapitel unterteilte Story wirkt flott, wird witzig erzählt, kaum einmal langatmig und eignet sich aufgrund ihrer entgegenkommenden Gliederung ganz nebenbei hervorragend zum Lesen in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Lästig ist nur, aber darauf hat Amanshauser ja keinen Einfluß, was sich im medialen Umfeld des Buches so abspielt bzw. abgespielt hat. Ständig wird irgend etwas von der ”Generation X” daher gefaselt, obwohl wahrscheinlich ein Bruchteil der Damen und Herren Rezensenten Douglas Couplands Buch auch wirklich gelesen hat. Wohl der Einfachheit halber werfen sie mit irgendwo aufgeschnappten Zeitgeist-Vokabeln um sich. Nicht weiter unverständlich ist es, daß ergraute Germanisten wenig damit anfangen können, wenn die Lassie Singers, They Might Be Giants oder die Mekons zitiert werden, (obwohl diese Zitate auf den Verlauf der Handlung eigentlich so gut wie keinen Einfluß haben.) Aber das macht das Buch vielleicht umso lesenswerter. Und auch der Umstand, daß Amanshauser in jungen Jahren vielleicht doch etwas zuviel Brautigan gelesen hat, macht das Lesevergnügen keinen Deut geringer. Ganz im Gegenteil. ”ERDNUSSBUTTER” sei hiermit uneingeschränkt weiter empfohlen.

Martin Amanshauser: ERDNUSSBUTTER. Deuticke Verlag, Wien 1998, 352 Seiten; DM 34