: lemming - geschichte eines aufstieges ::.. michael amon

text: kisling

Nach einiger Überlegung kann ich mich nun doch durchringen, eine erste Idee zu diesem Roman zumindest als zweiten Satz zu schreiben:
Ein Roman wie die Texte Konstantin Weckers.
Ich werde noch erklären, warum dies nichts weiter ist als mein Versuch, hin- und herschwingende Eindrücke zu einem verantwortbaren Urteil zusammenzufügen – und durchweg nicht zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen bin.
Möge es sich also nun - egal, ob dies professionell zu nennen ist, oder nicht – aus dem Schreiben dieser Rezension ergeben und möge es, unter Einwirken aller mir zur Verfügung stehenden Mittel, zumindest schlüssig sein.
Bevor ich auf meine Überschrift zurückkomme noch einige Details zum besseren Verständnis. Ich beginne also ganz am Anfang.
Da gibt es einen (fiktiven) Jungen namens Lemming, dessen politisches Gespür und Verantwortungsgefühl sich anhand ihm zugeschriebener hoher Intelligenz, einiger schulischer (Ver-)bildung und eines mysteriösen Mädchens entwickelt, um es im Laufe des Romans auf virtuose Weise zu unterwandern und abzubauen, um eine "leere Seele" zu hinterlassen, der dann, wie aus Pandoras Büchse noch eine letzte Hoffnung entflattert. Doch dies alles greift den Geschehnissen vor, eine Phrase übrigens, die der Autor selbst nie zu erwähnen vergißt, wenn er einem Vorgriff auf kommende Ereignisse Einhalt gebietet. Doch auch das greift der Entwicklung dieser Kritik vor.
Zurück zu Konstantin Wecker:
Zunächst muß ich wohl rechtfertigen, wo es meiner Meinung nach ganz offensichtliche Parallelen gibt. So kann man Michael Amon sicher nicht absprechen, daß die Kraft seiner Worte in einer mitunter überaus anmutigen Sprache liegt, die sich allerdings, was bei lyrischen Texten ja durchaus willkommen ist, teilweise selbständig zu machen scheint.

Und mir erscheint es ganz einfach so, als würden lyrisierende Einschläge in diesem Roman, wie zum Beispiel die etwas rührselige Verschnörkselung mit Textfragmenten aus den sechziger- und siebziger Jahren, zwar eindeutig mit dem Vorzeichen "Funktion" belegt sein, diesem allerdings nicht ganz zu entsprechen.
Wohl sind sie als Begleiterscheinung zweier, oder besser eines Lebensprofils in dieser Zeit gedacht, möglicherweise auch bewußt zu einer Begleiterscheinung degradiert.
Es fällt mir etwas schwer, genau herauszufiltern, was gerade diese Sprenkel nicht ganz stimmig erscheinen läßt.
Möglicherweise liegt es ganz einfach daran, daß es sich dabei, zumindest der Machart zufolge, um keine Sprenkel handelt, sondern um die Gegenüberstellung von "wahrem" Idealismus der Sixties (Die Texte, die Stimmen dahinter, oder die Produzenten, wer ist gemeint?) und einer REXgummiroten Partei.
Michael Amon läßt keinen Zweifel daran, gegen wen der aus dieser Gegenüberstellung resultierende Zynismus gerichtet ist.
Und gerade das ist möglicherweise auch ein Grundproblem dieses Romans.
Es wirkt ja durchaus sehr weinselig (österr. Variante), wenn von Joints (internat. Variante), Barrikaden, und noch ein letztes Mal Joints, im illustren Kreis von Journalisten und Ministern im Amtsgebäude letzterer konsumiert, die Rede ist.
Was als Farbpunkt in einer zugegenermaßen nicht schlecht geglückten Schwarz-Weiß Malerei abgeht, ist ein wenig die Einsicht, die sich gerade aus langer Beschäftigung mit jeder Art von Ideologie meiner Meinung nach ergeben sollte: Daß sie sich im besten Fall einfach totläuft.
Nun ist vom Verfall, in freier Interpretation von Barockisierung eines klaren Leitfadens durchaus alle paar Seiten die Rede. Aber immer kommt einer klaren Bestandsaufnahme, jener oben angeführte Zynismus in die Quere.
Als ob es noch immer von Interesse wäre, nach Schuldigen dieses Verfalls zu suchen, als ob dieser Verfall nicht das natürliche Ergebnis einer jeden menschlichen Idee sein muß.
Was diesem Roman als solchem fehlt, ist die notwendige Dekandenz der Zeit danach.
Wenn ein Konstantin Wecker Lieder in der Zeit selbst schrieb, oder eine Idee besingt, von der er selbst zutiefst überzeugt ist, so belebt er diese nicht nur durch seine Musik, sondern auch durch das Lebenszeichen einer Idee, das er selbst beisteuert.
Hier fehlt ein solcher Mensch.
Die Worte des Ich-Erzählers, die einigermaßen pragmatisch Bestand aufzunehmen suchen, sind so, allein schon durch die Tatsache, daß er auf Band spricht (äußerer Rahmen der Erzählung) und somit die Möglichkeit ihrer unwillkürlichen Zusammensetzung offen bleibt, die zerrissene Verpackung einer grenzenlosen Nostalgie.
Auch deren Resultat ist wieder ein melancholisch angehauchter Zynismus.
Ein Buch der verloren gegangenen Ideale, sicher.
Aber kein Buch der verlorenen Ideale, sondern eine nervenaufreibende Anhäufung alter Werte und ehemaligen jugendlichen Elans.
Über das alles stülpt sich kein gnadenloser Werteverlust, kein bedrückender Stillstand, sondern – wie ein Zuckerguß – die Überraschung, daß irgendwann irgend etwas verloren gegangen ist.

Nun aber zu den einigen wirklich überaus anregenden Aspekten dieses Buches, die auch, möglicherweise gegen den Willen des Autors, von besagtem einiges wieder gut machen.
Zuallererst steht hier der Charakter des Ich – Erzählers.
Mit allem geheuchelten, vielleicht auch eingebildetem Idealismus, mit all der Dumpfheit in die Amon den Ich – Erzähler stellt, gelingt es ihm auf geradezu perfide Art und Weise, eine der wohl widerlichsten Figuren in der Geschichte der deutschen Literatur anzusiedeln. 
Selten habe ich eine Figur erlebt, die derart frivol eigene Schwächen, so sie diese überhaupt als solche zur Kenntnis nimmt, einfach als Lauf des Schicksals (eines anderen, noch dazu) abtut. Tatsächlich ein Ärgernis für den Leser; fast scheint es, als wäre er der böse Geist, der namenlose Schatten dieses Theodor Lemmings.

Zum einen beteuert er immer wieder seine Freundschaft zu ihm, andererseit fällt er ihm mit Kritik in den Rücken, die ihm selbst wohl tausend mal besser zu Gesichte stünde.
Auf allen Wegen scheint er ihm treu zu folgen, und seine Schritte mitzuverfolgen, um, zu Lebzeiten Lemmings - unter einer Maske aus wehmütiger Freundschaft - aus ziemlich allen Schachzügen Lemmings einerseits persönliche Vorteile zu ziehen und andererseits - unter einer Maske aus posthum verbitterter Freundschaft - jeden einzelnen dieser Schachzüge als Fehltritt zu verbuchen, und noch dazu - als würde dies allein nicht genügen – gerade mit diesen Fehltritten Lemmings virtuos zu kaschieren, wie sehr er selbst daran profitierte.
Letzteres wird durch eine überaus interessante Konstruktion in Amons Roman verstärkt.
Unentwegt wiederholen sich Unheilprognosen (á la Willhelm Busch: Wie wird dies alles enden ?)
Ihnen folgt, gleichsam aufs Wort, eine kleine Notiz am Rande: Auch der Ich-Erzähler hat von jeder neuen, angeblich so verderblichen Süße mitgenascht.
Was zunächst als kleine Notiz nicht auffällt, wird doch immer mehr untrüglicher Indikator für den Charakter dieses Ich-Erzählers, besser gesagt, für seine Charakterlosigkeit.
Doppelt kaschiert durch seine zweifelhaften Ansätze zu einer Selbstanklage; am Ende jedenfalls ist Lemming tot und einzig schuld an seinem Tod ist sein angeblich bester Freund.
Der Freund selbst steht vielleicht für jenen vielzitierten Werteverfall, doch es erscheint mir aus genannten Gründen müßig darüber zu schreiben.

Der Roman wird nicht nur einmal als Liebesgeschichte postuliert, und dieses Prädikat verdient er sich mit Sicherheit nicht.
Die einzige wahre Liebe Lemmings ist die dubiose Gestalt Angelikas.
Dubios in mancherlei Hinsicht:
Zunächst einmal scheint sie ganz einfach der Gliederung des Romans in bestimmte Lebensabschnitte Lemmings zu dienen, ohne je selbst ein Profil zu besitzen.
Sie taucht einfach auf, und am Ende wird ihr vergönnt, zwei Gedichte Rilkes anläßlich zweier Beerdigungen vorzutragen.
Sehr besinnlich;
Und das ist auch das Flair, das jene geradezu allwissende Angelika immer begleitet:
Besinnlichkeit, gnadenlos;
Lemmings Frau trägt noch viel weniger zu einem Liebesroman bei, insofern sie, möglicherweise auch ungewollt, nur die Personifikation jener Ideale bildet, die Lemming allmählich abzubauen versteht.
Personifikation allein deshalb, weil die Zeichnung ihres Charakters geradezu programmäßig flach erscheint.
Wenn sie redet, dann nur auf Abruf, Anrufbeantworter, oder in Sätzen, die ohnehin gleich der 218 Seiten starken Anklageschrift einverleibt werden.

Zum Schluß noch diese paar versöhnend gemeinten Worte, da sich manches meiner Meinung nach wirklich aus dem Roman abhebt, weil es nicht irgend welchen obskuren Werten, oder deren Verfall entspringt, sondern einfach das ist, was der ganze Roman nach meiner Meinung nach sein sollte. Die Geschichte, die Abwicklung des Sterbens, in mancherlei Hinsicht. 
Aus, keine Zitate; 

ISBN 3-8530-8036-7