enki bilal : der schlaf des monsters :

getestet von bernhard steinmayer

Enki Bilal – Der Schlaf des Monsters
1. Auflage 1998 EGMONT EHAPA VERLAG GMBH Stuttgart 1998

"Ich bin achtzehn Tage alt, and I remember die dicken schwarzen Fliegen und die laue Sommerluft, die durch die klaffenden Löcher in die Klinik dringt. Mit achtzehn Tagen kann ich schon den Windhauch vom Luftdruck einer Bombe unterscheiden und den Schuß eines Mörsers von dem einer T 34. Mit achtzehn Tagen weiß ich auch, daß ich Waise bin, und daß man mich Nike nennt ("Naiki" ausgesprochen). Links neben mir im Bett liegt Amir, einen Tag jünger, und rechts brüllt Leyla, die Jüngste, knapp zehn Tage alt. Die zwei sind auch Waisen, aber sie wissen es nicht. Ich bin der Älteste, und ich schwöre bei de glitzernden Sternen über dem davongeflogenen Dach, daß ich sie immer beschützen werden. Das schwöre ich".

Das Szenario, in welches uns Enki Bilal versetzt spielt 33 Jahre später. Seine Protagonisten sind Amir, Leyla und Nike, die im Bombenhagel von Sarajewo in einem halbzerstörten Spital ihre ersten Lebenstage gemeinsam verbrachten. Nike Hatzfeld (der seinen Vornamen den Turnschuhen seines toten Vaters und den Nachnamen einem französischen Kriegsberichterstatter, der ihn vor dem Tod gerettet hat, "verdankt") ist Gedächtnisspezialist der Central Bank of World Memory (einer Datenbank die Erinnerungen sammelt) in New York. In Nikes Welt – einer neo-apokalyptischen, futuristischen Cyberwelt kämpft der ORDEN OBSCURANTIS – auch Dubble O genannt – um die Weltherrschaft. Dieser Geheimbund huldigt einem fundamentalistischen, monotheistischen Gottglauben und versucht Philosophie, Wissenschaft und Kultur zu zerstören. Als Astronomen einen geheimnisvollen intergalaktischen Nebel entdecken, der offenbar extraterrestrisches Leben enthält, setzt der Obskurantenorden zur letzten Offensive an – da durch diese Entdeckung die Existenz ihres allmächtigen und einzigen Gottes in Frage gestellt werden könnte. Nike Hatzfeld, sowie Amir und Leyla, ehemalige "Gefährten" in ersten Lebenstagen, unterschiedliche Figuren in einem seltsamen und tragischen Spiel, prallen bei dieser Konfrontation bei der das weitere Schicksal der Welt entschieden wird, nach 33 Jahren wieder zusammen.

Enki Bilal läßt uns mit "Der Schlaf des Monsters" abtauchen in eine fremde, wirre und aus den Fugen geratende Zukunftswelt. Seine Erzählstruktur läßt die gemeinsame Vergangenheit der drei Protagonisten – der Krieg um und der Zerfall von Jugoslawien sowie Gegenwart und Zukunft zu einem ephemeren Amalgam verschmelzen. Bilals typische – eindrucksvolle – Bilder und der betörende Storyverlauf, der gegen die Gesetze von Raum und Zeit rebelliert, wirken wie ein hypnotischer Fiebertraum.
Bilal war immer schon politisch. In seinen Frühwerken dominierte das Eindringen des Unfaßbaren, Mystischen, Geheimnisvollen in unsere Alltagswelt und der unvermeidbare Zusammenstoß mit diesen Phänomenen. Enki Bilal – selbst aus dem ehemaligen Jugoslawien stammend – kritisierte und entlarvte in seinen Arbeiten Totalitarismen und vor allem das herrschende politische System des sog. Ostblocks. Seine letzten Werke sind großteils in hektischen, neo-apokalyptischen Zukunftswelten situiert, doch immer ist darin ein Spiegel- und zynisches Zerrbild unserer "realen" Gegenwart enthalten. Die Zustände in der Welt von Bilals "Der Schlaf des Monsters" sind desillusionierend, doch nicht hoffnungslos: seine Protagonisten verbindet ein Band der Liebe und Zuneigung das durch Krieg, Gewalt und Zerstörung nicht vernichtet werden kann.