:/Mord in Peep-Show – Kurt Ostbahn – ein Mörder?

text: mich

Dr. Kurt Ostbahn begibt sich auf eine Dienstreise in die Vereinigten Staaten, um Menschen, Musik und Kulinarisches zu studieren und delegiert sein aktuelles Problem ("Die Rikki hat massive Wickeln"), das ihm ob der räumlichen Ferne zu lösen unmöglich erscheint, an seine beiden kon(tra)genialen Mitstreiter Trainer und Trash. Als diese jedoch die Peep-Show am Mariahilfergürtel betreten, befindet sich der Kurtl schon im Taxi Richtung Flughafen und die Tänzerin Rikki ist zum Opfer des brutalen Mordes geworden.
Der Mentor, Lenker und Organisator des Rock n’ Roll-Mittelbetriebes Kurt Ostbahn, kurz: Der Trainer (das (alter) ego Günter Brödls) lebt allein in der Mansarde in Meidling, in der Chaos und ein unbarmherziger Anrufbeantworter mit einer Kassette, die wegen der Bandkürze nie imstande ist, alle Nachrichten aufzuzeichnen, regieren. Zurückrufen erscheint unsinnig, da jene, die Wichtiges zu erfahren trachten wie die Musikanten um den Kurtl, die Studio- oder Konzerttermine erfahren wollen, sowieso wieder anrufen. Wieder einmal ist der Trainer unglücklich und unpassend verliebt, nicht imstande, Liebe, Termine, Freundschaft und unbeabsichtigte Privatermittlungen unter einen Hut zu bringen, was sich naturgemäß auf den Magen schlagen und den Bierkonsum beträchtlich erhöhen muss. Einzig sein treuer Begleiter, sein Auto, die froschgrüne Rostlaube, erweist sich als zuverlässig.
Nicht weniger chaotisch lebt der immer schwarz gekleidete Dr. Trash (oder als Fesch, Dresch von den dem Englischen nicht mächtigen Wienern beueichnet). Der Computerexperte und Internet(z)freak der ersten Stunde bewohnt in der Kirchengasse seine Datenzentrale, in der sich Server an Rechner, Drucker an Scanner reihen sowie sich aus den alten Tagen immer noch Aktenordner stapeln. Jede menschliche Beziehung wie Geplauder verabscheuend, lebt er zurückgezogen, was ihm eine Menge Zeit bietet, seinem Hobby, der Kriminalistik in Form von ungeschnittenen Originalfilmen wie Internetseiten nachzugehen. Nicht verwunderlich erscheint jedoch, dass er in seiner Nachbarin, der honigblonden, angehenden Pathologin Dr. Bettina Messeritsch eine Gesprächspartnerin sowie nach dem tragischen Unfall in der Datenzentrale, der beinahe die gesamte Ausrüstung zerstört hatte, bei ihr Unterschlupf gefunden hat.
Eben diese beiden, Trainer und Trash, sind dem Kurtl schon in vier Fällen nach unliebsamen Hineinbugsiertwerden in Privatermittlungen in den Untiefen des Wiener Rotlicht- und Verbrechermilieus hilfreich zur Seite gestanden – seit der Suche nach dem Schlächter von Fünfhaus im Jahre 1995 (Kurt Ostbahn: Blutrausch) ergänzt man sich, jeder auf seine Weise. Erst der Mord konstituiert die Zusammenarbeit – der Trainer ruft zwar den Kurtl gewohnheitsmäßig jeden Tag an, aber zu Dr. Trash hat man nur in Ausnahmefällen, sprich in Mordfällen Kontakt.
Private Bekanntschaften aus der Jugend und aus der Rock n’Roll-Szene geben den Ausschlag, dass Kurt Ostbahn, obwohl er im Ausland weilt und dem Fortschritt des Erzählten nur durch Faxe oder Ansagen auf den Anrufbeantworter des Trainers dienlich ist, wieder einmal von Skocik, dem dilettantischen und rüden Gruppenleiter im Morddezernat des Sicherheitsbüros und unliebsamen Zeitgenossen des Mordes oder zumindest zu dessen Beihilfe verdächtigt wird. Skocik bezieht sein kriminalistisches Wissen zwar aus B-Movies, wird aber von Dr. Trash und Rudolf Polifka, einem Ex-Billeteur im Kino und einem alten Bekannten der Privatermittler aus dem Café Rallye, durch filmhistorisches Fachwissen zurechtgewiesen. Polifka, mittlerweile Rentner, bessert sich seine Pension auf (und finanziert dadurch seinen übermäßigen Alkoholgenuss), indem er Scheine in Zehnschillingmünzen wechselt, welche die Kunden dann in den Kabinen der Peep-Show am Mariahilfergürtel einwerfen können, in der – müßig zu sagen – die Tänzerin Rikki ermordet wird. So erscheint es nicht weiter verwunderlich, dass dort auch Franz Brunner, der frühpensionierte Gruppenleiter im Morddezernat und ehemalige Vorgesetzte Skociks – ebenfalls ein Freund und Helfer von Ostbahn, Trash und Trainer ein- und ausgeht, um den Reparaturarbeiten am Schrebergartenhaus seiner Lebensgefährtin zu entkommen.
Derart ziehen sich konzentrische Kreise um Handlungspunkte und innerhalb des konstruierten Ostbahnwiens ergeben sich zunehmend Querverbindungen und ehemalige Bekanntschaften führen immer wieder zum außenstehenden Protagonisten zurück. So ist die Chefin des mittlerweile auf Ostbahns erstem Soloalbum verewigten Espresso Rosi nicht nur eine Freundin des Kurtl, sondern auch die Mutter der gestrauchelten und vom Leben nicht verwöhnten Rikki.
Sprechende Namen - die Pathologin heißt Dr. Messeritsch, der Orthopäde und Chiropraktiker Dr. Ludwig Beinhauer, der fast - möchte man sagen - natürlich Stammkunde in der Peep-Show sein muss, sowie der Besitzer des Café Rallye Josef Weinheber – reihen Brödl in die Wiener komödiantische Tradition spätestens seit Nestroys Titus Feuerfuchs ein. Einfühlsam gibt der Autor nicht nur eine vorsichtige Milieustudie ab, gleitet keineswegs in den 22. Bezirk ab und scheut sich nicht Seitenhiebe in Richtung Kaisermühlen auszuteilen, sondern zeigt die Eigenart und Komik der Wiener Umgangssprache, die sogar in einem Register im Anhang erklärt und übersetzt wird. Der fünfte Roman präsentiert sich ungleich spannender und verlangt wohl nach den Titel Wiener Kriminalroman.

Brödl, Günter und Peter Hiess: Kurt Ostbahn. Trainer und Trash ermitteln. Peep-Show oder Das Geheimnis der toten Tänzerin. Frankfurt: Eichborn 2000

Bisher sind Ostbahn, Trainer und Trash ungewollt in Ermittlungen hineingestolpert:
Brödl, Günter: Kurt Ostbahn. Blutrausch. Innsbruck: Haymon 1995
Brödl, Günter: Kurt Ostbahn. Hitzschlag. Innsbruck: Haymon 1996
Brödl, Günter: Kurt Ostbahn. Platzangst. Innsbruck: Haymon 1997
Brödl, Günter: Kurt Ostbahn. Kopfschuss. Wien: Kremayr und Scheriau 1999