:_ghost world : daniel clowes

text: hilde


Vorweg ein dickes Lob für Reprodukt. Die deutsche Edition von »Ghost World« ist liebevoll gestaltet, Übersetzung und Lettering sind im Gegensatz zu anderen lizenzierten Fantagraphics-Produkten hervorragend. Kusshand! Enid und Becky haben's auch nicht leicht. Wenn ich nun schriebe, dass das brillante Comic das Leben zweier Teenager in einem typischen amerikanischen Mittelklasse-Vorort beschreibt, würde wohl allerorten das große Gähnen ausbrechen. Tja, ich kann's nicht ändern. Die Geschichte zweier Freundinnen in der Spätpubertät, auf der Suche nach Individualität und Authentizität, fürchterlich oberschlau und sooo viel weiter als der Rest ihrer Altersgenossinnen. So wie wir alle mit 17. Und es ist noch nicht einmal lustig. Anders als beispielsweise Verlagskollege Peter Bagge verzichtet Clowes beinahe vollständig auf die »Hey, ich bin zwar ein Loser, aber ich kann unglaublich coole Witze drüber machen«-Attitüde. Die Ironie bei Clowes ist weitaus subtiler und mitfühlender. Clowes mag seine Figuren, und er nimmt sie ernst. Ironie und Sarkasmus gehören den Protagonistinnen, und nicht dem Autor. Die Witze sind an den jeweiligen Gesprächspartner gerichtet, und nicht an das Lesepublikum. Und genau diese Realitätsnähe und das weitgehende Eigenleben der Akteurinnen machen »Ghost World« zu einem so herausragenden Comic. Die Plots der mehr oder weniger skurrilen Episoden könnten ebensogut von Peter Bagge oder Bob Fingerman stammen; aber wo uns diese beiden Autoren mit Gagsalven bombardiert hätten, verlässt sich Clowes ganz auf seine Protagonistinnen und deren Ernsthaftigkeit, Überheblichkeit, Melancholie und Sentimentalität. Und ganz abgesehen davon ist Clowes ein hervorragender Zeichner. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Enid und Becky sind keineswegs die klassischen Generation-X-Kids, die sich in kosmischer Langeweile suhlen und dabei möglichst cool auszusehen versuchen. Die beiden machen im Gegenteil selbst aus winzigen Begebenheiten Ereignisse, und wenn dabei hin und wieder Bösartigkeiten vorkommen wie in der Episode um den bärtigen Windjackenträger, so liegt das in der Natur der Sache. Und dass es nun einmal keine lohnenden Perspektiven gibt, ist nicht die Schuld von Enid und Becky. Übrigens machen sie jetzt einen Film draus. Hollywood hat gerufen, und wir werden sehen, ob sich Daniel Clowes gegen die Faktizitäten des Marktes behaupten kann. Es sieht jedenfalls nicht allzu gut aus: Regie führt Terry Zwigoff, der Regisseur von »Crumb«, in den Hauptrollen sind Thora Birch (ja, die aus »American Beauty«), Scarlett Johansson und der notorische Steve Buscemi -- in der für die Filmadaptation eigens erweiterten Rolle des »Satanisten« Seymour -- zu sehen. Für das Drehbuch zeichnen Clowes selbst und Zwigoff verantwortlich. Hinter der Kamera steht Affonso Beato, der Chefshooter von Pedro Almodovar. Es steht also zu befürchten, dass das rauskommt, was die Amis unter Kunstfilm verstehen -- »Dawson's Creek« für Fortgeschrittene. Yikes! Der Fluch des Ruhmes.


Daniel Clowes: Ghost World. Berlin:Reprodukt 2000

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