: ... als hätte ich unbefleckt empfangen :

text: thomas weber

Was Hermes Phettberg schon seit Jahren predigt, nämlich "die Nähe des Dickseins zum Heiligen", die läßt der 38jährige kroatische Philosoph Zoran Feric in einer seiner zehn Erzählungen ein paar "ehrenwerte Franziskanerbrüder" ausdiskutieren. Während einige allein schon die Vorstellung von am Kreuz schmachtenden fetten Jesussen als blasphemisch verurteilen, sieht zum Beispiel Bruder Jeronim im Dicksein "eine der Möglichkeiten der mystischen Suche nach der Vollkommenheit", einen "lobenswerte[n] Versuch, den menschlichen Körper der vollkommensten aller Formen anzunähern, der Kugel".
Diese Diskussion endet auf einmal in einem Monolog des in die Enge getriebenen Bruder Ambrosius. Die in seinem Zimmer gefundene Mappe mit Aktbildern von ein und derselben (dicken) Frau versucht er vor versammelter Brüderschaft zu rechtfertigen: er erzählt von seiner Bekanntschaft mit einem wenig beachteten Mannequin, einem Modell von vorher aus diversen Vorher-Nachher-Werbungen ...

Alle von Ferics Erzählungen haben eines gemeinsam: sie beginnen überaus konventionell, schrauben so die Erwartungshaltung des Lesers immer wieder etwas zurück, um ihn nach einer zumeist skurrilen Wende äußerst positiv zu überraschen. Von Geschichte zu Geschichte verstärkt sich der Eindruck, daß wir es bei Zoran Feric mit einem überaus geschickten Erzähler zu tun haben, der seine Leser einfühlsam durch eine Welt aus seltsamen Begebenheiten und seltsamen Menschen führt. Menschen, die allesamt einen - sagen wir einmal - Knacks haben; Menschen, zu denen man sich einfach hingezogen fühlen muß. Sei es ob ihrer (manchmal beneidenswerten) Naivität und Unbekümmertheit, sei es ob ihrer Konsequenz mit der sie einer - zumindest anderen - Welt begegnen.
Beeindruckend unverkrampft und weltbürgerlich tastet sich Feric an die unmittelbare Vergangenheit seiner Heimat Kroatien heran und läßt zwei vom Krieg zum Krüppel gemachte Soldaten darüber scherzen, daß ihnen zumindest die Potenz, also die Möglichkeit zu vögeln geblieben ist. Daß mit "vor dem Krieg" auch die 80er und sogar die 90er Jahre gemeint sein können und nicht die - zumindest für uns jüngere Leser - unendlich weit entfernten 20er und 30er Jahre, daran werden auch wir Mitteleuropäer uns leider gewöhnen müssen.

Zoran Feric: "Walt Disneys Mausefalle. Zehn Erzählungen". Aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof u.a., Folio Verlag Wien Bozen 1999