"Judge Dredd" :

getestet von bernhard steinmayer


"Wofür ich stehe? Ich will euch sagen wofür ich stehe! Ich stehe unumstößlich für Gerechtigkeit, Disziplin, strenge Ordnung und die unerbittliche Durchsetzung des Gesetzes! Möge Grud allen verweichlichten Liberalen, die das Gegenteil behaupten, beistehen!"

Diese Worte stammen nicht von irgend jemand. Sie stammen von Judge Dredd, dem berühmtesten und gefürchtetsten aller Judges in Mega-City-One. Im 22. Jahrhundert, einer postapokalyptischen Welt, führten die Atomkriege dazu, daß sich das Leben nur mehr in gigantischen Metropolen abspielt, die hunderte Millionen Einwohner zählen. Die Gebiete außerhalb der Städte sind verstrahltes Gebiet, "verdammte Erde" genannt, die Outlaws und Mutanten beherbergen. Um der überbordenden Kriminalität, bedingt durch Arbeitslosigkeit und sozialen Mißständen, Herr zu werden haben die Bewohner der Megastädte einer Abschaffung der demokratischen Grundordnung zugestimmt. Exekutive und Judikative werden von den sogenannten Judges – den Richtern ausgeführt. Verbrechensbekämpfung und Strafvollzug (wobei die Strafen äußerst drakonisch sind) gehen Hand in Hand und werden von den Judges meist in unmittelbarer Abfolge angewendet. Die Legislative hat der sogenannte hohe Rat unter der Leitung des sog. Chief Justice inne. Dieses System der Mega-Cities und der Judges hat sich im 22. Jahrhundert überall auf der Erde etabliert.

In den USA ist Judge Dredd schon seit langem ein überaus populärer und erfolgreicher Comic-Held. In unseren Gefilden ist dieser Character einem breiteren Publikum durch die Verfilmung von Judge Dredd mit Sylvester Stallone in der gleichnamigen Hauptrolle bekannt. In deutscher Übersetzung sind mehrere Serien erschienen von denen einige hier vorgestellt werden sollen. Interessant ist auch, daß die Serien eine große qualitative Bandbreite besitzt, die von sehr gut bis absoluter Trash rangiert.

Zuallererst auch jene Publikation, die meines Erachtens am besten gelungen ist: "Tochter der Freiheit", der erste Teil aus der Serie "Balladen aus der Mega-Stadt" (Bastei Comic Edition, siehe unten). Die Story erzählt von Benny, einem Jungen aus einer armen Familie und America, Tochter ebenso armer südamerikanischer Einwanderer, die gemeinsam in Mega-City-One aufwachsen. Beide leiden unter den Repressalien, drakonischen Strafen und Vorschriften mit deren Hilfe das neofaschistische Regime ihre "Bürger" unter Kontrolle zu halten versucht. Während sich Benny mit dem Status Quo abfindet, arrangiert und später sogar zu einem mehr oder minder erfolgreichen Popstar wird, engagiert sich America in der verbotenen Oppositionsbewegung. Ihre Wege trennen sich. Unter dramatischen Umständen treffen sie wieder aufeinander. "Tochter der Freiheit" ist ein sehr kritisches Werk das subtil auch gegenwärtige Zustände in den urbanen Wüsten Nordamerikas karikiert. Judge Dredd ist nur ein Nebendarsteller, ein gewalttätiger Scherge des Unterdrückerregimes.

Der zweite Band der Serie "Balladen aus der Mega-Stadt", "SHAMBALLA – Die Bürde des Lebens" stellt Judges mit übersinnlichen – PSI - Fähigkeiten in den Mittelpunkt. Diese sollen nämlich rätselhaften übersinnlichen Phänomenen nachgehen, welche die gesamte Erde mit Terror und Schrecken überziehen. Judge Anderson, eine junge Richterin aus dem PSI-Corps der Judges und Doktor Rickard, ein Spezialist für parapsychologische Phänomene machen sich nach Ost-Meg-Zwei auf, der russischen Metropole, um mit Professor Lychenko und dem Psikop Amisov den mysteriösen Zuständen auf den Grund gehen.
"SHAMBALLA – Die Bürde des Lebens" strotzt vor Mystik und esoterischen Legenden. Judge Dredd ist auch hier nur eine Nebenperson und kommt überhaupt nur einmal ganz kurz vor. Die Zeichnungen sind relativ gut gelungen, aber nicht außergewöhnlich; die Story ist durchschnittlich spannend. Interessant ist insofern, daß der Storyautor den Kommunismus (obwohl dieses Album aus dem Jahr 1991 stammt) auch im 22 Jahrhundert auf der Östlichen Halbkugel noch immer das beherrschende System sein läßt, dafür aber mit Glasnost und Perestrojka.


"Aufruhr im Darwin-Block", der dritte Teil aus "Balladen aus der Mega-Stadt" war eine herbe Enttäuschung. Judge Dredd ist in diesem Sammelsurium aus Kurzgeschichten zwar der unumstrittene Mittelpunkt, aber sonst lassen diese sehr zu wünschen übrig. Dieser Comic wurde offenbar für pubertierende Teenager konzipiert. Judge Dredd als unerbittlicher Superman in einem mutierten und überdimensionierten Metropolis. Warum hier eine deutsche Übersetzung veranlaßt wurde, wird ein Rätsel bleiben.

Schon (viel) besser ist der erste Band der Serie "Judge Dredd", "Mega-City-Blues" (Feest Verlag). Auch in diesem Band sind Shortstories vereinigt. Keine hehren politischen Messages wie in die "Tochter der Freiheit" dafür politische Inkorrektheit par excellence. Kurzum: einfach fies und gemein. Die wirklich brutal-guten Zeichnungen stammen von keinem geringeren als Simon Bisley, der sich unter anderem auch schon bei der Fantasy-Serie "Slaine" mitverantwortlich zeigte. Gleich in der zweiten Story schlachtet Slaine den Weihnachtsmann vulgo Santa Claus ab (Die Betonung liegt auf "schlachten"). In der Story "Der große Arsoli" macht Dredd Bekanntschaft mit einem korpulenten Italiener der allerhand wunderbare Sachen in Darm und Anus verbirgt... Und in "Bimba" (dreimal darf man raten welches berühmte, schucklige Reh damit gemeint ist) kommt ein Irrer in Strapsen mit Kettensäge und Mp in die zuckersüße Welt von "Bimba" (für alle dies immer noch nicht kapiert haben: das a gegen ein o austauschen..) und "spielt" etwas mit den kuscheligen kleinen Schmusetieren bevor Dredd ihn wieder einfangen kann... Auf jeden Fall sehr amüsant ist auch wie eine Rockerbande den John Major – Block (kann sich noch jemand an den farblosen britschen Prime minister erinnern?) stürmt, aus den vielen Majors Kleinholz macht, und auch nicht vom "John Major Batgliding Club" – John Majors in Batmankostümen – aufgehalten werden kann... (Stories stammen übrigens von den kranken Gehirnen von John Wagner und Alan Grant). Für Freunde derber, aber witziger Brutalo-Comics und selbstverständlich für Anhänger des mächtigen Judge Dredd ist "Mega-City-Blues" ein Pflichtalbum. Zartbesaiteten Gemütern ist aber eher abzuraten.

Band Zwei "Tödliches Komplott" ist nichts weiter als eine Comic-Adaptierung des Films "Judge Dredd" mit Sylvester Stallone. Die opulenten Auswüchse von Mega-City-One, so wie sie im Film gezeigt werden kommen in der Comic-Version gar nicht rüber. Die Zeichnungen sind unterer Durchschnitt, die Kolorierungen sogar ziemlich schlecht. Insofern ist der Film "mehr Comic" als das eigentliche Comic selbst, das ziemlich lieblos nach der Filmvorlage gezeichnet wurde. Der Film "Judge Dredd", welcher ja in den Kinos floppte, hat doch zumindest einen gewissen trashigen Sci-Fi-B-Movie-Charme. Fazit: "Tödliches Komplott" nur für wirklich eingefleischte Dredd-Fanatiker zu empfehlen, alle anderen sollten die Finger davon lassen.

Eine Art Betriebsausflug nach Luxor, der (Nord-)afrikanischen Mega-Stadt macht Dredd in "Das Buch der Toten" ("Judge Dredd" Band 3). Als Vertreter eines kulturellen Austauschprogramms macht Dredd Bekanntschaft mit den ägyptischen Judges und lernt die gesellschaftspolitischen und urbanen Strukturen Luxors kennen, die sich in einer Synthese aus uralten ägyptischen Hochkulturen und hypermodernen High-Tech manifestiert. Doch schon bald wird die Ruhe in Luxor, das zu den repressivsten Mega-Cities gehört, erheblich gestört. Eine Reihe von bestialischen Morden erschüttert nachhaltig die öffentliche Ordnung der Stadt. Dredd erkennt bald, daß innerhalb der Richterschaft eine Verschwörung herrscht, um Ankhhor, einen altägyptischen Pharao und (bösen – was sonst) Gott wieder zur Macht zu bringen. Ankhhor der als Untoter durch die Gassen Luxors wandelt muß das Ka (das genetische Sein der Menschen) absorbieren, um seine volle körperliche Kohäsion wiederherzustellen. Da Dredds Erbgut natürlich vorzüglichster Qualität ist, versucht Ankhhor auch Dredd zu verspeisen. Der ist darüber nicht sehr erfreut und setzt sich mit all der Kraft eines Mega-City-One-Streetjudges zur Wehr. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt...
Irgendwie erinnert die Story sehr an den Film "Die Mumie". Wobei aber Ähnlichkeiten rein zufälliger Natur sein dürften. "Das Buch der Toten" ist eine relativ gute Dredd-Story. Dermont Power, auch ein "Slaine-Zeichner" hat die Story gut illustriert. Leider kommt der Witz hier ein bißchen zu kurz. Trotzdem, "Das Buch der Toten" ist auf jeden Fall ein nettes Lesevergnügen ohne aber zu viel Tiefe, weder in Bezug auf durchgeknallten Humor, noch auf irgendwelche tiefergehenden Messages.

Judge Dredds Umtriebe wurden auch in der Serie "Die Mega-Städte" fortgesetzt. In der ersten Folge, "Mean Machine" - nomen est omen - trifft Dredd auf seinen alten Widersacher Mean. Wer den Film "Judge Dredd" gesehen hat, wird sich vielleicht noch erinnern können. Mean war ein Mitglied der Angel-Familie, und zwar das dumpfeste und brutalste. Die obere Hälfte seines Schädels besteht aus Stahlplatten, wobei auf der Stirn eine Wählscheibe appliziert ist, wo Mean seine Gefühlsregungen bzw. sein Aggressionsniveau einstellen kann ("Fies – Gemein – Genervt – Brutal"). Als Mean aus dem Gefängnis befreit wird, muß er feststellen, daß er einen Sohn hat. Zu seinem Leidwesen ist der Junge abgrundtief gut. Für Mean kann es nichts schlimmeres geben. Also versucht er eine Erziehung nach seinen Vorstellungen: "Ich mach Dich zu ‘nem verhurten Psycho wie Mich. Mein Wort drauf". Da sich der Unterricht natürlich nur mit praktischen Anschauungsbeispielen bestreiten läßt, startet Mean eine Verbrechens- und Terrorwelle. Mit wenig Erfolg, außer daß ihm fast die gesamte Richterschaft Mega-City-One‘s auf den Fersen ist. Bald erkennt Mean die Sinnlosigkeit seines Unterfangens. Der Bengel ist nicht und nicht böse zu bekommen. Mean weiß da nur eine Lösung: Der Kleine braucht auch so einen Stahlschädel und eine Wählscheibe wie sein Erzeuger...
An "Mega-City-Blues" kommt "Mean Machine" zwar nicht ganz heran, aber ist trotzdem sehr sehr lustig. Carl Critchlow, der sich für die Zeichnungen verantwortlich zeigt, hat sehr brutal-fiese Illustrationen geschaffen, die m.E. zum Teil wirklich äußerst gut gelungen sind. John Wagners Story ist sehr zynisch und humorvoll. Wem "Mega-City-Blues" gefällt sollte sich unbedingt auch "Die Mega-Städte I – Mean Machine" reinziehen.


So und jetzt zur Bibliographie:

"Balladen aus der Mega-Stadt Band 1", "Tochter der Freiheit" von John Wagner (Text) und Colin MacNeil (Zeichnungen)
Bastei Comic Edition
1. Aufl. 1991

"Balladen aus der Mega-Stadt Band 2", "Shamballa – Die Bürde des Lebens" von Alan Grant und Arthur Ranson.
Bastei Comic Edition, 1991

"Balladen aus der Mega-Stadt Band 3", "Aufruhr im Darwin-Block – Wer mit dem Feuer spielt..." von Ron Smith u.a.
Bastei Comic Edition


"Judge Dredd Band 1" "Mega-City-Blues" von John Wagner, Alan Grant (Text) und Simon Bisley (Zeichnungen)
Feest Comics, 1995

Judge Dredd Band 2", "Tödliches Komplott" von Andrew Helfer (Text) und Carlos Ezquerra (Zeichnungen)
Feest Comics 1995


"Judge Dredd Band 3", "Das Buch der Toten" von Grant Morrison und Mark Miller (Text) und Dermont Power (Zeichnungen
Feest Comics 1996

"Die Mega-Städte 1", "Mean Machine" von John Wagner (Text) und Carl Critchlow"
Aboris Comics
1. Auflage 1999