einseitiger text ::

text: richard kiesling

Dies ist der zweite Versuch eines einseitigen Textes. Aus platztechnischen Gründen war nämlich der erste einseitige Text kein einseitiger, sondern nicht einmal eine halbe Seite lang.
Es könnte tatsächlich ein eher nervenaufreibendes Unterfangen sein, einen einseitigen Text mit der Schriftgröße 8 herzustellen. Eigentlich sollte ich dazu jeden Gedanken bis zum Exzeß ausreizen, um Platz zu gewinnen, ich muß mich aber mit Sicherheit auf eine längere Arbeitszeit einstellen und hoffe, daß diese auch dementsprechend gewürdigt wird, wenn eine wenig erbauliche Ausreizung unterbleibt.
Nun aber zurück zu diesem Text.
Ein einseitiger Text von diesem Ausmaß darf selbstverständlich niemals wirklich langweilig zu lesen sein, denn schließlich hält man kein Buch in der Hand, sondern einen einzelnen Zettel und von diesem darf man sich doch erwarten, das er keine Ebben enthält. Schließlich sitzt man ja auch nicht stundenlang damit herum und kann seinen Gezeitenwechsel miterleben. Es ist vielmehr nur ein kleiner Orkan von wenigen Minuten, der ihn möglicherweise lesenswert machen kann, darüber bin ich mir schon im klaren.
Eben habe ich übrigens per Augenmaß ausgemessen, daß ich noch fünf Stücke schreiben muß, die ungefähr die Länge des bisher fabrizierten Stückes haben.
Ich hoffe wirklich, niemanden zu langweilen.
Denn ein derartiges Ressort an zu beschreibendem Platz vor meinen Augen macht doch meist etwas lethargisch.
Es ist aber tatsächlich undenkbar, wie eine einmal ausgebrochene Lethargie diesem Text schaden könnte. Pockennarben sind da gar kein Vergleich, diese sieht man ja gerade in unserem Jahrhundert durchaus häufig an guten Texten, doch wie gesagt, die sind kein Vergleich zu dem, ich würde diese Einstellungen eher mit der verzehrenden Wirkung des Ebolavirus vergleichen.
Leere Hüllen könnten einerseits über viele Zeilen bestehen bleiben, Wortfetzen könnten andererseits vollkommen zusammenhanglos vor sich hinwehen.
Das eine Phänomen könnte mit dem anderen nur durch kurze Löcher schrecklicher Wutanfälle verbunden sein, die immer wieder ausbrechen, bei einer zunehmenden Verwüstung ehemals hoffnungsfrohen, weißen Papiers.
Noch einmal wage ich es, den Druckspiegel zu betrachten.
Ein Drittel des zu Verrichtenden.
Eine Frage, die ich mir gleich zu Beginn des letzten, von mir als einseitig bezeichneten, Textes gestellt habe, ist die nach den unmittelbaren Geschehnissen, die ein solcher Text wohl beinhalten müßte.
Nicht zu lange sollten diverse Inhalte sein, komplex auch, denn Raum zu näherer Ausführung ist ja nicht vorhanden. Und doch sollten auch diese kleinen Geschichten nicht nur einfach spannend sein, sondern diese Spannung selbstverständlich auch irgendwie aufbauen, und schließlich wiederum abflauen lassen.
Eine Katharsis gegen Ende eines solchen Textes würde ich wohl als durchweg angenehme, virtuose Spielerei bezeichnen.
Was soll sich in diesem Text aber nun wirklich zutragen?
So könnte zum Beispiel einer irgendwen lieben, zum Beispiel eine Frau, oder einen Mann, da wir am Ende der Neunziger Jahre angelangt sind, wäre auch die Liebe eines Menschen zu einem Tier, wahrscheinlich einem Hund, nicht unbedingt regelwidrig. Auch die Liebe zu Fetischen oder Haushaltsgegenständen könnte durchaus ebenso erfreulich sein, zumindest könnte ich mir das vorstellen. Es käme selbstverständlich auf die Art der Beschreibung an. Und ob man mit einem einseitigen Text irgend etwas erreichen will, oder nicht.
Diese Liebe, egal, wie auch immer geartet, könnte nun zum Beispiel zunächst überhaupt nicht bestehen und erst im Verlauf einiger kurzer Zeilen zustande kommen. Hier könnten zum Beispiel die beiden letzten Formen wirklich Punkte erzielen. Wie interessant könnte doch die Phase des Kennenlernens zwischen Mensch und Messer, oder Flasche und Flasche dargestellt sein. Besonders, wenn nicht Zeit genug besteht, einzelne Perspektiven zu erstellen. Es käme wohl nur auf das Prickeln an.
Doch gerate ich ins Schwärmen, und auch, wenn in diesem Text Platz genug dafür zu sein scheint, will ich doch zumindest den Anschein erwecken, als müßte ich mich kurz fassen, als wäre ich, als der Produzent dieses einseitigen Textes, andere Formate gewohnt, und würde mitten in einem spannenden Experiment stehen, zumindest in einem erheiternden.
Schwärmen hat somit keinen Platz mehr.
Eine halbe Seite scheint mir nun voll zu sein.
Doch weiter im Text.
Über die Phase des Kennenlernens hinaus gelangt, müßte nun sehr rasch der Höhepunkt der Liebe erfolgen. Ich schlage vor, keine längeren Beziehungen darzustellen, wie glückliche Ehen, deren Höhepunkt möglicherweise erst nach einigen Jahren, in vereinzelten Fällen vielleicht auch erst nach Jahrzehnten erreicht sein könnten.
Gerade in diesem speziellen Fall würde ich eher zu eine kurz aufflammenden Lieben greifen. Nun muß natürlich keineswegs die Kopulation der Höhepunkt des Ganzen sein. Einige wohlformulierte Worte, ein passender, zündender Gedanke (der vielleicht auch eine Art Sinn des gesamten Inhalts dieser Begebenheit widerspiegelt) erscheint mir beinahe trefflicher.
Im Falle einer gegenständlicher Liebe könnte natürlich gerade die Kopulation, oder andere Phänomene ähnlich drastischer Art wieder eine interessante Alternative zu hochstehenden Worten bilden.
Im Auslaufen der Liebe sollten sich nun doch einigermaßen herausreißende Inhalte ereignen, wie gesagt, eine Katharsis stünde dem Ganzen sehr gut zu Gesicht.
Ein herausreißender Schluß müßte aber doch unbedingt sein, schließlich hält man nichts in Händen, das sich zu unterbrechen lohnt, und von dem man weiß, das die durch das jähe Ende des Textes entstehende Unterbrechung einen wieder zurück in die außertextliche Realität befördert. Beruhigt kann man dann das Stück Papier wieder zur Seite legen.
Doch auch Geschichten anderer Art könnten in diesem einseitigen Text stehen. So könnte beispielsweise irgend jemand einen anderen, zum Beispiel durch Messerstiche in lebenswichtige Zonen, umbringen. Es könnte sich auch zum Beispiel um die Erschießung eines lahmen Hundes handeln, den ein Mensch, weinend, von seinem Elend befreien will. Durch Stockhiebe könnten sich zwei Menschen malträtieren, einer könnte dem anderen überlegen sein, was der Verlierer durch einen Sturz zum Ausdruck bringen könnte. Auch für kurze Blicke auf die glückliche oder unglückliche Vorgeschichte wäre dabei wahrscheinlich Platz übrig, da sich der Akt der Tötung meist nur über wenige Sekunden erstreckt.
Hier könnten jedoch andere als die bisher beschriebenen Formen eingreifen, denen kein Anliegen zugrunde liegt, irgend etwas anderes als eine Tötung oder auch schwere Verletzung irgendeines Menschen oder Tieres oder Gegenstandes als Inhalt aufzunehmen. Gerade in diesem Format könnten mit Sicherheit umfassende Beschreibungen angefertigt werden.
Langsam steigert sich die Spannung eines nahenden Endes. Was sollte wohl am Ende eines einseitigen Textes stehen. Es ist sichtlich nicht mit dem Ende eines Inhaltes gleichgesetzt worden.
Und wiederum taucht eine Frage auf. Ist es interessant einen Text von diesen Ausmaßen zu lesen?
Nun, bisher scheint der Text von eventuell aufkeimender Lethargie noch verschont zu sein, doch ein Ende scheint nicht absehbar, und könnte doch jeden Moment erscheinen.
Auch der Druckspiegel läßt nun keine Vermutungen mehr zu und bald werden sich letzte Worte wahrscheinlich in meinem Kopf bereithalten. Soll nun noch ein längerer Gedanke ausgesprochen sein und, wenn ja, stellt sich weiter gleich die Frage, ob ein Gedanke wirklich ausreifen kann, wenn er in einem Text wie diesem einfach irgendwo entsteht, wenn es doch dringlichstes Anliegen ist, diesen Text eine Seite lang zu schreiben.
Man muß sich auch in diesem Format, mit Schriftgröße 8 doch immer Sorgen um gerade die Ausmaße irgendwelcher Gedanken machen, wie es mir scheint.
Nun kann wirklich nicht mehr viel Platz bleiben, und eine weitere Ausführung eines Gedankens erscheint mir umso sinnloser, je stärker ich selbst einem Ende entgegen fiebere. Eine, maximal zwei Zeilen wird dieser Text nun noch umfassen, in denen irgendwie zu einem runden Abgang gelangt werden sollte. Nun, es erscheint mir einigermaßen gelungen, was zu diesem Anlaß im letzten vermeintlich einseitigen Text stand, das war´s.