:interview__ franzobel

interview: b. weywoda, c. bacher



"Es sprudelt wie aus einem Stausee aus mir heraus..."

Der Wortschöpfer und Schriftsteller Franzobel im Gespräch über sein neues Buch "Scala Santa", seine Stellung zur Kirche, sexuelle Gedankenspinnereien, seine Muse Josefine Mutzenbacher und warum er nicht mehr als drei Seiten von Elfriede Jelinek lesen kann.

Die Kirche spielt in Deinem neuen Buch "Scala Santa" eine große Rolle. Welches Verhältnis hast du zur Institution Kirche?
Ein gutes. Ich bin keineswegs radikaler Atheist oder Agnostiker, sondern durchaus um eine gewisse Gläubigkeit bemüht. Es fällt mir nur unglaublich schwer, mich in ein System Kirche einzufügen, weil ich das als Skeptiker nicht glauben kann. Die Vertreter der Kirche sind mir zu menschlich, haben zu viele menschliche Sünden.

Ist es wirklich schlecht, dass die Vertreter der Kirche menschlich sind?
Menschlich meine ich auch im Sinne von verlogen. Wenn man die Keuschheit predigt, gleichzeitig aber jedes Bistum von Haus aus jedem Pfarrer zwei uneheliche Kinder zugesteht, dann ist das schon sehr unehrlich. Was mich außerdem wurmt, ist, daß die Kirche nach wie vor versucht, politisch großen Einfluß auszuüben. Trotzdem habe ich aber einen relativ wertfreien Zugang, weil ich als Kind nie wirklich katholisch gelitten habe. Ich bin nie gezwungen worden, in die Kirche zu gehen, war nie Ministrant. Ich bin bloß am Land neben einer Kirche aufgewachsen und die hat eine Rolle gespielt, weil man einfach immer die Glocken gehört hat - genau dann wenn Sportschau war.

Hattest Du eine bestimmte Ambition, einen Auslöser beim Schreiben zu "Scala Santa"?
Nein, Auslöser beim Schreiben gibt es eigentlich nicht bei mir- es staut sich einfach, es sammelt sich in mir sehr viel, während ich durchs Leben gehe. Die Grundidee war schon die Mutzenbacher neu zu schreiben. Das habe ich relativ lange mit mir herumgetragen und wie bei einem Stausee, der angestochen wird, sprudelt‘s dann aus mir heraus. In welche Richtung das fließt, weiß ich oft nicht, ich schreibe dem quasi hinterher. Mir laufen die Personen immer irgendwie davon, so lebe ich während des Schreibens mit.

Wie bist Du auf die Mutzenbacher gekommen?
Es gibt eine Auflistung aller pornographisch kommentierter Wörter aus dem Wienerischen von Oswald Wiener, in der irre Bezeichnungen erklärt werden. Das hat mich ziemlich fasziniert, also habe ich den Text der Mutzenbacher gelesen. Der hat mir ganz gut gefallen, ich habe ihn als Sozialstudie und humorigen Text empfunden.

Im Buch wird ein großes Spektrum an Sexualität aufgegriffen – wie recherchierst Du diese Dinge?
Ich kann mir das im Geist sehr gut vorstellen (lacht), nein, es fällt mir nicht schwer mich auf einen Fetisch und in Folge stark auf einen Gedanken zu konzentrieren, um ihn weiterzuspinnen- dann komme ich von selber auf die skurrilen Seiten, die damit verbunden sind.

Trotz intensiven Lesens – eine Kernaussage ist Dir auch in "Scala Santa" nicht wichtig.
Wenn ich eine Kernaussage hätte, würde ich mit ihr auf einem Transparent durch die Welt gehen. Da müßte ich kein Buch schreiben. Es ist eher schon der Versuch, die Welt zu verstehen, in der großen Prosa zu generieren. und ein eigenes Spektrum an Lebensformen in ein Buch zu bringen, um bis zu einem gewissen Grad Welt abzubilden.

Du spielst mit Sprache und erzeugst immer wieder neue Wortschöpfungen – ist das Franzobels individueller Stil?
Mich stößt knappe Sprache ab. Der Rhythmus ergibt meine Form von Richtigkeit. Dieser Sprachgebrauch gibt eine intuitive Stimmung wieder, die wiederum bestimmt, welches Wort wann verwendet wird.

Wann hast Du dich für den Titel des Buches entschlossen?
Der eigentliche Arbeitstitel war "Freaks". Ich wollte die Ausgangsidee der Mutzenbacher hineinbringen, die bei mir eben Wurznbacher heißt. Für den Haupttitel spielte sie dann aber doch eine zu geringe Rolle. Der eigentliche Titel sollte nicht zuviel verraten und "Scala Santa" klingt interessant. Die Entscheidung erfolgte schließlich aus dem Bauch heraus, als ich fertig war.

Hast Du eine persönliche Lieblingsfigur oder stehen sie gleichwertig nebeneinander?
Eine gewisse Grundsympathie, aber auch ein Ekel verbindet mich mit jeder Figur. Es ist wohl eine Mischung aus beiden, ich komme mir vor wie ein Insektenforscher, der seine aufgespießten Objekte vor sich hat. Es ist sicherlich auch ein Versuch Schicksal zu verstehen, diverse Schicksalsschläge durch diese Figuren aufzubereiten.

Wo siehst Du Dich in der österreichischen Autorenriege ?
Mir ähnlich wäre die Elfriede Jelinek, das haben mir zumindest schon sehr viele Leute gesagt. Die Jelinek kann ich aber überhaupt nicht lesen, weil sie eine mir zu ähnliche Form der Bild-Findung hat – wobei sie sicher nicht meinen Humor hat und politisch andere Dinge erreichen will. Es ist mir aber unmöglich mehr als drei Seiten Jelinek zu lesen, weil ich den Eindruck habe die Metapher könnte von mir auch stammen.

Franzobel Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt ISBN 3-552-04956-8