:/scala santa oder josefine wurznbachers höhepunkt___franzobel

text: b. weywoda, c. bacher

Der polysexuelle Insektensammler

Dieser Mann liebt es Schmetterlinge in Form von Charakteren zu sammeln. Sie sind bunt, vielseitig, facettenreich, gelegentlich auch einfärbig. Er spießt sie auf, betrachtet sie, bringt sie in Beziehung zueinander und lässt sie wieder fallen. Die Rede ist von Franzobel und seinen Figuren im neuen Buch "Scala Santa". Einmal mehr brilliert der Meister des hintergründigen Humors, der Schöpfer kongenialer Wortkreationen und selbsterwählte Herr unzähliger Charaktere. Kein Protagonist bestimmt die Szene - auch nicht Josefine Wurznbacher, von deren Höhepunkt hier laut Untertitel die Rede sein soll. Scala Santa ist vielmehr die Geschichte verschiedener Menschen, deren Schicksale sich kreuzen. Wegbereiter ist die nicht alltägliche Symbiose von Sex und Kirche. Da schnackselt die 6jährige Josefine mit dem Sohn einer Freundin ihrer Mutter. Ihr Vater vernascht im Gegenzug Aurelia und Zita – zwei tiefreligiöse Frauen, die ursprünglich Schäfchen werben wollten. Das ganze Buch besteht aus katholischem Dauergevögel gewürzt mit tiefgründigen Kurzgeschichten aus dem Leben schriller Figuren. Der rote Faden der Handlung erstickt alsbald im Sperma. Doch das spielt keine Rolle. Franzobel ist zwerchfellerschütternd und schockierend zugleich. Höhepunkt ist das furiose Finale auf der Scala Santa in Rom. Hier finden die Figuren – sofern sie den orgiastischen Teil der Erzählung überleben - über Umwege zusammen. Ein Kreis voll Wollust, irrem Glauben und unzähligen Begegnungen schließt sich – ebenso wie der Buchdeckel.


scala santa / franzobel / februar 2000 / zsolnay verlag / ISBN 3-552-04956-8