: _christian futscher: soledad oder unten im süden

text: kisling

Will man dem Klappentext dieses bei Deuticke erschienen Romans Glauben schenken, so handelt es sich dabei unter anderem um den Dialog zweier (männlicher) Gestalten, in dem diese sich ein eigenes Weltbild zurecht spinnen.
Vielleicht auch eine Liebeserklärung an die Literatur nannte Futscher seinen Roman und belegt dies offensichtlich mit einer Unmenge an Zitaten aus dieser.
Nun, wie man auch immer zu Liebeserklärungen stehen mag, ich halte es doch für einigermaßen grobschlächtig Zitate wie "Ei wie, Ei was" (Faust I oder II) mit dem (Hühner, oder ähnlichem Getier)-Ei in Verbindung zu bringen, und das, zumindest erscheint es mir so, als witzige Point stehen zu lassen und posthum als Liebeserklärung zu bezeichnen.
Diese witzigen Pointen sollte man überhaupt genauer betrachten.
Immer wieder werden Wörter durch das Weglassen oder Ersetzen einiger Buchstaben verändert und bilden dann eine Reihe, die mit einer solchen Point zum Abschluß gebracht wird.
Nun, in einer trockenen Betrachtung mag dies ja einigermaßen einleuchtend erscheinen, wenn man aber Beispiele zitieren wollte (ich erspare sie aus Spannungsgründen dem werten Leser) so fällt auf, daß hier nur mit sprachlichen Mitteln kaschiert wird, was in geselliger Runde wohl kaum Lacherfolg finden dürfte.
Die beiden Männer reden scheinbar über alles mögliche, was ihnen eben gerade einfällt, was sie in ihrer näheren Umgebung beobachten und gemäß der Romanstruktur sollte sich das ganze um ein paar Themen drehen und wenden:
Die Insel Soledad, die zu gleicher Zeit auch ein Urlaubsflirt des Bruders einer der beiden ist, um Engel in allen möglichen Variationen, um einen Freund aus dem Norden (Bildender Künstler) und wahrscheinlich auch um Einsamkeit im allgemeinen.
Die Assoziationen des einen finden beim anderen ironische Aufnahme und unterliegen somit gleich einer kritischen Betrachtung.
Erzählt wird eigentlich gar nichts, außer daß zwei Leute sichtlich miteinander reden.
Was das Interesse daran nicht unbedingt steigern muß.
Vielleicht ist es die Erforschung eines banalen Gespräches, das zwangsläufig zu den Erinnerungen der einen Figur an dessen Bruder führen muß, weil dies auch gleich ein Grund dafür sein könnte, selbst auf einer Insel irgendwo im Süden zu sitzen.

Nun, ich möchte dem Autor keineswegs unterstellen, daß dieses Konzept nicht aufgeht (wenn es ein Konzept überhaupt gibt), daß dies aber leider nicht alles sein kann, dafür liefert dieses Buch den Beweis.
In ermüdenden Tiraden wird auf alles Mögliche Bezug genommen und zugleich auf nichts.
Wenn Literatur zitiert wird, dann sichtlich nur aus der penetranten Langeweile des einen, der Sätze beim Zähneputzen auswendig lernt und in irgendeinem Zusammenhang widergibt und dafür und für seine dummen Reime vom anderen eine Abfuhr nach der anderen erhält.

Besonders drastisch ist dann ein kaum erkennbares Relief in den Charakteren, oder der Handlung, oder der Atmosphere.
Letzterer wage ich zu unterstellen, daß sie völlig ausbleibt.
Nun, dies alles sind selbstverständlich keine absoluten Kriterien für ein spannendes Buch, und es könnte dem einen oder anderen Leser vielleicht Vergnügen bereiten, ein solches während einer blasierenden, nervenaufreibenden Lektüre zu suchen.
Wörter, die zu Sätzen wurden und innerhalb dieser Sätze oft nur die Funktion besitzen, neue Sätze zu provozieren.
Immerhin, die ganze Sache ist nicht allzu lang und nach ein paar Stunden fällt es auch nicht gerade schwer, aus den Abgründen dieses Buches wieder aufzutauchen, insofern sie ohnehin von einer ganzen Flut an regungslosem Material zugedeckt sind.

Lustig ist eine Anreihung aus Zitaten (wahrscheinlich Zitaten) aus Kunstkritiken und eine mögliche Annäherung an die Sprache aus Wollschlägers Ulysses-Übersetzung.

Vielleicht ein Versuch der Neunziger-Jahre, wieder einmal ein Plagiat von "Warten auf Godot" herzustellen, das dann unter dem Titel "Warten bis endlich die gewünschte Erinnerung auftritt" auftreten würde.

Die Gedanken sterben lassen, oder so ähnlich, bis nur mehr Sprache übrig bleibt und zu allem Überdruß wird diese Sprache auch noch ins Englische (stellenweise) und ins Wienerische (zitatweise) übertragen.
Man lese Samuel Beckett.
Darin verwandelt sich die Sprache eher zu einem Automat der Verstümmelung und der Autor beherrscht sie mehr als nur vor ihr zu stehen.
Literatur zu lieben bedeutet denn doch noch lange nicht, sie auch gleich mit zu produzieren.

deuticke_wien_isbn 3216304779