/caretta caretta: paulus/hochgatterer

text: mich


Daß der Quasiaußenseiter Dominik Bach innerhalb der angenehmeren Außenwelt (als das Leben in der Gemeinschaft mit Mutter und Stiefvater je hätte sein können) keineswegs in Abseits steht – auch wenn Frankreich gerade Weltmeister geworden ist, erzählt uns Paulus Hochgatterer in Caretta Caretta.

Was tut ein Fünfzehnjähriger Mitte Juli 1998 in Wien? Nichts? Möglicherweise genau deshalb ist es wohl das Fernweh oder die göttliche Verehrung für Gianluca Vialli (oder doch Zinedine Zidane?), die den zu therapeutischen Zwecken in eine WG mit anderen Durchschnittspsychopathen gesteckten Dominik Bach in die Ferne treibt. Wie weit fern sein kann, ist dabei noch unklar, obwohl sich der fünfzehnjährige mit einer Leichtigkeit, vielleicht noch mehr Lässigkeit durch ein Leben schlägt, dem er - wo immer möglich – ein Schnippchen schlägt oder eine Anakonda an den Kopf hält. Seine berufliche Selbständigkeit in bezug auf sexuelle Dienstleistungen und seine Unabhängigkeit in puncto Reisen und Reiseerfahrungen lassen ihn gegenüber Kunden, Lastwagenfahrern, Schaffnern, Therapeuten und anderen Mitmenschen unglaubliches, umfangreiches, doch vielleicht erfundenes Wissen präsentieren. Die Karettschildkröte, die in einem Hochglanzband der WG-Mitbewohnerin Isabella auftaucht – Dominik bezeichnet das Tier als das schönste überhaupt – will so gar nicht in den Erzählfluß passen. Und wieso der pensionierte Kossitzky den feinen Unterschied zwischen Justizwachebeamten und Polizisten als essentiell hervorhebt, erfordert noch eine Erklärung.
Der Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer vermag es, differenziert und einfühlsam Charaktere zu zeichnen, die in einer Umgebung des leistungsorientierten heute wohl eher außerhalb als innerhalb zu stehen pflegen; oder ist es vielleicht genau das ärztliche Fachwissen, das dem Autor Rückschlüsse und Gedankenkapriolen erlaubt? Wie auch immer: Paulus Hochgatterer hat wieder einen Roman verfaßt, der – ohne jetzt auf Realitäten im Sinne Reich-Ranickys einzugehen – lebendig und pulsierend wirkt und in dem man sich ohne weiteres zu verlieren versucht. Das hat allerdings überhaupt nichts mit fiktivem Drogenumgang zu tun.

/hochgatterer, paulus: caretta caretta. deuticke: Wien-München 1999