"wenn ich sehr angespannt bin, träume ich auch von zügen und bahnhöfen und daß ich züge versäume und solche dinge."
aus einem angenehmen kaffeehausgespräch mit paulus hochgatterer

text: mich

Paulus Hochgatterer muß nicht immer angespannt sein, wenn Züge in seiner Phantasie eine bestimmte Bedeutung zukommt; schon gar nicht dann, wenn er seine Gedanken in Worte faßt und zu Papier bringt.
"Ursprünglich habe ich gedacht, und das wird schon auch stimmen, daß es primär mit meinen Jahren als "Fahrschüler" zu tun hat. Ich bin ja von Blindenmarkt - das liegt neun Kilometer östlich von Amstetten - mit der Westbahn täglich ins Gymnasium gefahren. Das heißt: Zug fahren war für mich Alltag. Zum Zug rennen in der Früh, damit man ihn gerade noch erwischt, und da rein und vom Bahnhof in Amstetten in die Schule rennen, meistens zu spät gekommen, weil der Fahrplan irgendwie blöd war, dann sich mit den Gesichtern der Lehrer konfrontieren und mit den blöden Bemerkungen. Das ist sicher sehr prägend gewesen." Eindrücken seiner Jugend läßt der in Amstetten geborene Paulus Hochgatterer bewußt in seinen Werke freien Lauf; u. a. wenn sein Roman "Über die Chirurgie" mit dem Satz beginnt: "Er saß in jenem Schnellzug, der den Bahnhof Amstetten um neun Uhr siebenunddreißig erreicht und um neun Uhr neununddreißig wieder verläßt." oder wenn Dominik in Caretta Caretta nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft durch Frankreich mit der Bahn nach Westen fährt.

"Aber in Wahrheit hat das viel früher begonnen: In meinen ersten drei Lebensjahren bin ich mit meinem Vater nach der Kirche – ich bin sehr katholisch sozialisiert – zum Bahnhof gegangen; jeden Sonntag, weil ich das wollte. Und da stand auf Bahnsteig eins der Personenzug Richtung Westen – Öhlingen und Aschbach waren die ersten Stationen - und der war mit einer Dampflok bestückt. Das war eine schöne, alte, schwarze, lange Dampflok; und ich bin jeden Sonntag Dampflok besuchen gegangen. Die Lokführer haben mich schon gekannt. Das ist auch eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen. Wenn ich sehr angespannt bin, träume ich auch von Zügen und Bahnhöfen und daß ich Züge versäume und solche Dinge. Der Zug hat jetzt viel weniger Bedeutung – leider, weil ich an sich ganz gern mit dem Zug fahre, aber mein Zeitchaos erlaubt es einfach nicht. "

Diese zeitliche Einschränkung erfährt der Literat nicht zuletzt durch die Ausübung seines Berufes im Spital: als Kinderpsychiater. Nicht nur im Titel "Über die Chirurgie" spricht Hochgatterer fachmedizinisch oder über Medizin. "Erstens kenne ich mich irgendwie halbwegs aus – hoffentlich. Zweitens sind Krankheit und Tod Elemente und Themen, über die es sich zu schreiben lohnt. Und dann eignet sich die Medizin einfach so als Metapher sehr gut."

Die Frau des Autors ist seine erste und gleichzeitig strengste Lektorin. "Sie hat weder mit Medizin noch mit Literatur beruflich zu tun, was für die Beziehung sicher sehr günstig ist, aber sie ist eine leidenschaftliche Leserin und ist immer ganz gierig, wenn sie irgendwie merkt, daß ich wieder etwas schreibe. Und nach einer gewissen Zeit kriegt sie halt dann die Packen und ist sehr unerbittlich. Sie kommt dann und wenn sie Stirnfalten kriegt, dann weiß ich, daß irgend etwas nicht paßt oder nicht schlüssig ist und meistens hat sie recht. Leider."
In Hochgatterers Romanen bewegen sich die Protagonisten aber nicht nur mit der Eisenbahn oder sind der Medizin irgendwie verbunden: In "Wildwasser" steigt der sechzehnjährige Jakob auf sein Mountain Bike, verläßt Mutter und Schwester und fährt fort. "Diese Radfahrgeschichten haben schon sehr viel mit mir selber, nämlich mit meinen eigenen Erfahrungen zu tun. Es hat zwar, wie ich fünfzehn, sechzehn war, keine Mountain Bikes gegeben, aber ich bin mit dem Rad teilweise an einem Tag hundert Kilometer durch die Lande gefahren - sehr einsam in dieser pubertären Einsamkeit und das hat mir sehr gut gefallen."

Sport interessiert den Autor überhaupt. Neben Mountainbiken und zum Zug Laufen, nimmt wohl das das Spiel um das runde Leder eine zentrale Rolle in seinem Leben und Schreiben ein; nicht nur, daß der volle Terminkalender erlauben muß, wenigstens die interessanten Matches einer Fußballweltmeisterschaft anzuschauen: "Es ist in meiner Lebensrealität viel weniger wichtig, als es mir gut täte und als ich es gern hätte. Ich habe mich immer gern bewegt und als Bub Fußball gespielt - in einer Schülermannschaft. Daneben war ich gerne Radfahren und Schwimmen und was man halt so macht."

Aber so einleuchtend auch die autobiographischen Bezüge auf der Hand zu liegen scheinen, so gänzlich und simpel finden sich in Jakob und Dominik keine alter egos des Autors. "Das ist auch psychoanalytisch interessant: Vielleicht hat es damit zu tun, daß ich in der Zeit, in der ich es hätte sein können, überhaupt kein wilder Hund war, sondern ein ganz braver - nicht ganz - ein ziemlich braver - und sehr den Erwartungen meiner Eltern entsprochen habe. Irgendwo scheint es mir kein Zufall zu sein, daß man Kinderpsychiater wird, sondern es gibt da so ein Bedürfnis, an der Jugend dranzubleiben. Das geht im Beruf als Kinderpsychiater und das habe ich zumindest in den letzten beiden Büchern auch ein bißchen ausgelebt."

Dazu hat Paulus Hochgatterer schon wie in den Bücher davor fast photographisch detailgenaue Beobachtungsgabe bewiesen. "Beruflich ist es notwendig; weil man kann überhaupt nur therapeutisch tätig sein, wenn man einen Sinn für Details hat. Und so Kleinigkeiten, absurde Details, Dinge, die man ansonsten übersieht, das hat mich immer interessiert. Die kleinen Schrullen, die körperlichen Merkmale, die man beim oberflächlichen Herangehen vielleicht übersieht, die nehme ich wahr." Bei diesen Beobachtungen fehlt auch keineswegs der Blick für und die Assoziation mit Labels. "Das ist nicht nur ein Trick, um Stimmung zu erzeugen. Erstens bin ich permanent mit diesen Geschichten im Spital konfrontiert, das ist für Jugendliche auch wichtig; schon, für die einen mehr, für die anderen weniger. Und der Herr Sohn ist auch einer, dem inzwischen irgendwie wichtig ist, daß die Schuhe von Timberland sind. Ich selber, für meine eigenen Bedürfnisse, mir ist das wurscht, was da draufsteht."

Damit, daß es mir und hoffentlich auch der geneigten Leserin wie dem geneigten Leser nicht wurscht ist, welches Label ein Buch trägt, sei Paulus Hochgatterer hiermit widersprochen. Denn ziert dieses Label mein Buch, lasse ich mich auch gern als "Markenschwein" bezeichnen.

mich@wellbuilt.net

Bisher erschienen:

Hochgatterer, Paulus: Der Aufenthalt. Erzählung. Salzburg: Otto Müller 1990
Hochgatterer, Paulus: Über die Chirurgie. Wien: Deuticke 1993
Hochgatterer, Paulus: Die Nystensche Regel. Wien: Deuticke 1995
Hochgatterer, Paulus: Wildwasser. Wien: Deuticke 1997
Hochgatterer, Paulus: Caretta Caretta. Wien: Deuticke 1999

Neu aufgelegt, ohne das Wissen des Autors:

Hochgatterer, Paulus: Der Aufenthalt. Erzählung. Salzburg: Otto Müller 1998