: mit der pumpgun quer durch wien, den "magen einer kranken hyäne" :

text: thomas weber

Wodurch sich ein Großteil aller Erfindungen und die Evolution, die ja unter anderem auch Menschen wie Amanshausers Anti-Helden Martin A. hervorgebracht hat, voneinander unterscheiden?
Nun ja, Erfindungen werden meist bewußt herbeigeführt, ein Großteil zumindest. Und da wiederum ein Großteil dieses Großteils aller Erfindungen ganz einfach unbrauchbar, oft sogar lästig ist, in selteneren Fällen sogar der ganzen Menschheit zur Plage werden kann, deshalb tritt Martin A. dafür ein, die Urheber dieser Geißeln für all die vorsätzlich herbeigeführten Schäden auch zur Verantwortung zu ziehen. Gefängnisstrafen sieht er aber nicht vor, stattdessen will er den Schuldigen "einen Chip mit übersteuerten Iron-Maiden-Live-Aufnahmen ins Hirn implantieren". Angewandter Sadismus und eine, zumindest vom demokratischen Standpunkt aus betrachtet, höchst verwerfliche Idee. Aber demokratisch ist die Parallelwelt, in die der junge Autor Martin Amanshauser seine Leser in "Im Magen einer kranken Hyäne" (1997) führt, nicht. Und darum läuft Martin A., der im Todesfall seinen Leichnam bereitwillig der Wiener Fernwärme zur Verfügung stellt, auch schon im dritten Bezirk mit einer Pumpgun durch die Gegend. Schon im dritten Bezirk deshalb, weil er auf den Spuren eines in der U3 gefundenen Heftchenromans Wien durchstreift und nacheinander alle 23 Bezirke unsicher macht.
Dabei lernt er nicht nur Ana und (hinter einem Altpapiercontainer) einen Anarcho kennen, sondern auch einige bisher verdrängte Leidenschaften ("Hundetöten, leiwandes Gefühl, dachte ich!"). Wieso dem bemitleidenswerten Martin aber die "Handteller brennen, als würde eine Horde plündernder Kreuzritter drübermarschieren" erfährt der Leser nicht, dafür aber, daß ihm genannte Kreuzritter die Lebenslinie versaut haben...
Amanshauser, darauf läßt auch sein Roman "Erdnussbutter" (1998) schließen, hat ein Faible für etwas naive, orientierungslose und ungebundene Charaktere. Sie sind allesamt Antihelden, Loser, Leute - so würde es vielleicht Amanshauser ausdrücken - nach denen keine Sau je eine Straße benennen würde.
Skurril und verwegen scheut der junge Trakl-Preisträger vor keinem Vergleich zurück. Im Türkenschanzpark etwa, liegen "Teichoberflächen (...) in Hügelsenken, undurchsichtig und glatt wie erblindete Rehaugen". Daß Amanshauser hin und wieder etwas zu verspielt erzählt und sich zu sehr um jugendlichen Witz bemüht, davon kann man getrost absehen. Auch von seinem cartoonähnlich überzeichnenden Stil. Vor allem, weil er den mit "Erdnussbutter" überwunden zu haben scheint. Und für die in "Im Magen einer kranken Hyäne" auftauchende Punkband Psychobusek gebührt ihm fast schon Dank. Wiener beziehungsweise Ortskundige haben beim Lesen dieses Stadtkrimis aber doch einen nicht zu unterschätzenden Heimvorteil.

Martin Amanshauser: Im Magen einer kranken Hyäne. Wiener Stadtkrimi, Deuticke Verlag Wien, ISBN 3-216-30320-9