: wenn beim lesen die augen brennen : der mensch als zwiebel :.:

text: thomas weber

"Mir fällt auf, daß ich in letzter Zeit immer mehr rauche; ich muß mindestens bei vier Schachteln pro Tag angelangt sein. Zigarettenrauchen ist das einzige Stück echter Freiheit in meinem Leben. Das einzige, was ich aus voller Überzeugung und ganzer Seele tue. Mein einziger Lebensinhalt." Viel gönnt Michel Houellebecq seinem Ich-Erzähler wirklich nicht, beziehungsweise viel scheint das Leben dem 1958 geborenen Franzosen, wie er sich in seinem teilautobiographischen Buch selbst sieht, bislang nicht gegönnt zu haben. Man kriegt halt nichts geschenkt.
Geschenke erwartet sich Houellebecqs Antiheld, der seinen Wert für die Gesellschaft einzig in seiner Kaufkraft mißt, auch gar nicht mehr. Nichts ist er sich mehr bewußt als seiner Austauschbarkeit, seiner Rolle als x-beliebiger Konsument. Dabei muß sich der Autor eine gewisse polemische Berechnung aber durchaus vorwerfen lassen, denn das (in der Originalausgabe schon 1994 erschienene) Buch, für das er den "Prix Flore" für den besten Erstlingsroman erhalten hat, liest sich, als hätte er sein Manuskript schablonenhaft über das Gerüst der 90er Jahre gelegt geschrieben. Wie eine Zwiebel zerlegt er den Menschen, schält die menschliche Schale ab und legt das Tier frei.
Zwischendurch eingestreute Tierfabeln (der Ich-Erzähler schreibt nach Dienstschluß hin und wieder Tiererzählungen) machen es offensichtlich: für Houellebecq liegen zwischen Tier und Mensch nicht gerade viele Missing Links. Naheliegend, daß er nicht zu den political correctness-Hohepriestern zu zählen ist. Allem Anschein nach dürfte Houellebecq sich eingehend mit den Schriften von Lorenz und Eibl-Eibesfeldt befaßt haben; wobei ihm als Allerersten eine ernst zunehmende literarische Verarbeitung deren Erkenntnis über primitiv-menschliche Verhaltensmuster gelungen ist. Das Leben beschreibt Houellebecq als einen Kampf , als eine "Ausweitung der Kampfzone" - ein Titel der auf allen erdenklichen Ebenen treffender nicht sein könnte.
Was man beschönigend ein einander An-der-Nase-Herumführen, einen einzigen großen Bluff nennen könnte, wird bei Houellebecq als die zentrale Triebkraft entlarvt: die Hoffnung auf ein Auf und die ständige Furcht vor dem Ab auf der Rangordnung, die wir uns üblicherweise - nicht ganz billig - mit allem möglichen Lifestyle weg retuschieren. Sich nur keine Blöße geben. Und wenn, dann aus Berechnung. Das Leben seiner Charaktere (sie gehören allesamt zu den Verlierern) reduziert Houellebecq auf ein ständiges Haschen nach Effekten. Vielleicht kann man ihm einen versteckten, dafür umso fatalistischeren Biologismus vorwerfen. Trotzdem, und da mag er noch so sehr zu Übertreibungen neigen, an seinen Ausführungen ist viel wahres dran. "Eine Beschönigung ist unzulässig!", diese Radikalforderung Thomas Bernhards kann eins zu eins auf Houellebecqs Romandebüt umgelegt werden; auf eines der wahrscheinlich wichtigsten Bücher der langsam aber sicher zu Ende gehenden 90er Jahre.

Michel Houellebecq: "Ausweitung der Kampfzone" Aus dem Französischen von Leopold Federmair, Wagenbach 1999
Heimvorteil.