: fiktion und realität in faszinierendem wechselspiel -
walter kappachers roman "silberpfeile"

text: susanne falk

"Ich drückte im Horch voll aufs Gas. Die paar Kilometer bis zur Unglückstelle dehnten sich! Feuereissen sprach kein Wort. Einmal dachte ich: Der Wagen natürlich Totalschaden, aber er wird uns entgegenkommen, lachend, das Lenkrad in der Hand...[...] Bernd Rosemeyer lag unter einem Baum, als schlafe er mit offenen Augen, friedliches Gesicht, kein Blut."

Walter Kappacher entführt seinen Leser in die Welt der 30er und 40er Jahre und lässt ein wenig von dem "Glanz" der frühen Autowunderjahre durchblicken. Er macht die angeheizte Atmosphäre der Rennen und Rekordfahrten spürbar, um dann in perspektivischem Wechsel rückblickend den Mythos der Silberpfeile zu negieren.

Der Roman wechselt zwischen den zwei Erzählperspektiven des Journalisten Mautner und der des Ingenieurs Windisch, der 85jährig in einem Pflegeheim von Mautner besucht und interviewt wird. Während der Journalist auf der Suche nach dem Mythos der Mercedes-Silberpfeile und den Rennen der Auto Union ist, verliert sich Windisch in Erinnerungen an eine belastete Vergangenheit: Er war als Ingenieur beteiligt an den Rekordversuchen im Schnellfahren der Nationalsozialisten sowie an der Entwicklung bzw. Produktion der V2-Raketen.
Mautner versucht vergeblich, Windisch dazuzubewegen, ihm Details und Informationen für ein Buchprojekt über die große Zeit der Autorennen in den 30er-Jahren zu verraten. Windisch gibt größtenteils unreflektierte Erinnerungen an eine Zeit wieder, die nicht ganz so glorreich war, wie er sie gerne in Erinnerung hätte.

Kappacher springt zwischen den Zeiten hin und her; mal erleben wir den Journalisten in der Erzählgegenwart 1985, kurz nach dem Tschernobyl-Unglück, mal verliert sich die erzählerische Distanz Windisch’ zu den Ereignissen, die ca 50 Jahre zurückliegen und der Leser erlebt hautnah Blütezeit und Untergang der Auto Union, die an das Leben von Paul Windisch gekoppelt zu sein scheinen.

Die Faszination des Romans liegt in der Verflechtung von Fiktion und Wirklichkeit. Reale Persönlichkeiten und fiktive Gestalten mischen sich ebenso untereinander, wie Fiktion immer dann auf Realität trifft, wenn Kappacher ein fiktives Gespräch zwischen der Person Windisch und der Figur Mautner entspinnt. So trifft der Leser nicht nur auf den 1938 verunglückten Rennfahrer Bernd Rosemeyer (s. Textzitat oben), an dessen Schicksal sich die Erzählung Windisch’ aufhängt, sondern ebenso auf Hitler, Porsche und diverse Persönlichkeiten der Rennfahrerszene in den 30ern - das ganze gespickt mit vielen Details aus Technik und Politik.
Damit gewinnt Kappachers Roman eine Dimension, die weit über das Erzählende hinausgeht und gleichermaßen Fans von schnellen Autos, historisch interessierte Leser und alle diejenigen anspricht, die einfach nur Spaß an einem fantastisch erzählten Roman haben.

Walter Kappacher _Silberpfeile_Roman Deuticke, 2000__ISBN_3216305465