// norbert c. kaser

text: space captain



Ich bin ein Faß

ich krieg ein kind
ein kind krieg ich
mit rebenrotem kopf
mit biergelben füßen
mit traminergoldenen händchen
& gläsernem leib
wie klarer schnaps

zu allem lust
& auch zu nichts

ein kind krieg ich
es schreiet nie
lallet sanft
ewig sind
die windeln von dem kind
feucht & naß

ich bin ein faß

Dieses letzte von Norbert C. Kaser verfaßte Gedicht brachte ihm wegen seiner Wasseransammlungen in der Bauchgegend - eine Spätfolge seiner Leberzirrhose - die spöttische Bemerkung, ob er schwanger sei, ein.

Norbert C. Kaser wird am 19. April 1947 in Brixen geboren. Nach der Volksschule tritt er 1961 ins klassische Gymnasium Bruneck ein. Danach Besuch des Lyzeums Bruneck, wo er 1966 die Matura nicht besteht; das sollte ihm erst drei Jahre später im dritten Anlauf gelingen. In dieser Schulzeit liegen die Anfänge seiner literarischen Arbeit. Bereits die Gedichte des Zwanzigjährigen sprechen einen Konflikt zwischen Kunst und Gott an, der sich nach seinem Eintritt ins Brunecker Kapuziner Kloster im September 1968 noch verschärft. Sein Aufenthalt währt allerdings nicht lange. Im April 1969 verläßt Kaser die Einsiedelei, geht nach Wien, um zu studieren und zu schreiben, was ihm jedoch beides nicht so recht gelingen will; zu stark ist noch seine Verstrickung in die Religion. Ein Norwegenaufenthalt soll finanzielle Verbesserung und literarische Anregung bringen. Während ersteres nicht gelingt, hinterläßt letzteres prägende Eindrücke. Nach Abbruch des Studiums arbeitet er als Dorfschullehrer in seiner Heimat im Puster- und Eisacktal. In dieser Zeit stellt Kaser das Schreiben hinter die Lehrertätigkeit zurück. Das Engagement für seine Schulkinder geht soweit, daß eigene Texte verfaßt werden und als Unterrichtsgrundlage dienen.

Im Herbst 1973 beginnt eine neue Lehrtätigkeit im Bergdorf Flaas. In diese Zeit fallen auch die ersten Arbeiten an seinem "Stadtstich-Zyklus". Der steigende Alkoholkonsum führt allerdings zu schweren Gesundheitsschäden, die im Sommer 1975 die Einweisung ins Allgemeine Regionalkrankenhaus Bozen zur Folge haben. Die Diagnose lautet chronische Hepatitis sowie eine Angstneurose. Kaser ist nicht mehr arbeitsfähig und begibt sich am 19. Oktober nach Verona in eine Nervenheilanstalt zum Psychotherapieversuch und zu einer Entziehungskur. Hier in der Ruhe der abgeschiedenen Anstalt wird er literarisch sehr produktiv und schreibt seine lokalpolitischen Satiren.

Der Austritt aus der Kirche und gleichzeitige Eintritt in die KPI im April 1976 und die Loslösung von der Religion spiegeln sich auch in den Lyrik- und Prosawerken wider. Ein Stipendium eines österreichischen Bundesministeriums bedeutet ihm die langverwehrte Anerkennung. Im Juli 1976 werden die "Stadtstiche" im Österreichischen Rundfunk gesendet. Der erneute gesundheitliche Zusammenbruch zwingt ihn Ende 1976 und im Februar 1977 zu weiteren Krankenhausaufenthalten und zu einer längeren Kur in Bad Berka in der ehemaligen DDR. Einem im August an die Tageszeitung "Alto Adige" eingesandten Leserbrief folgt die Einladung zur regelmäßigen Mitarbeit. Die Kombination Schriftsteller - Journalist wirkt sich positiv auf die Lyrik aus, in der er sich nun wieder hauptsächlich literarisch ausdrückt.

Die Lesungen im April 1978 in der Aula des Gymnasiums in Lienz und besonders in der "Alten Schmiede" in Wien geben ihm erneuten Auftrieb. Sein letztes Lebensjahr ist fast ausschließlich der Lyrik gewidmet. Sie zeigt offen die eigenen seelischen Traumata und Gebrechen auf und spiegelt die Grenze künstlerischer Lebensbewältigung wider.

Norbert C. Kaser stirbt am 21. August 1978 im Brunecker Krankenhaus 31jährig an einem Lungenödem als Folge fortgeschrittener Leberzirrhose und Bauchwassersucht. Am 23. August wird er von seinen Freunden am Friedhof Bruneck zu Grabe getragen. Auf der gemeinsamen Fahrt zum Begräbnis fassen der Zeichner Paul Flora und der Journalist Hans Haider den Entschluß Kasers Nachlaß zu veröffentlichen.

Im Haymon-Verlag Innsbruck erschienen:

Benedikt Sauer, Norbert C. Kaser - Eine Biografie
Norbert C. Kaser, Gesammelte Werke, Band 1 Gedichte, Band 2 Prosa, Band 3 Briefe
Das Kaser-Lesebuch, eine Auswahl von Lyrik Prosa und Briefen von Norbert C. Kaser, herausgegeben von Hans Haider